Es ist die große Festspiel-Rochade: Die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle überwerfen sich mit den Salzburger Osterfestspielen und laufen nach Baden-Baden über; die Dresdner Staatskapelle mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann springt in Salzburg in die Bresche. Zeitgleich feierten jetzt beide ihre ersten Premieren am neuen Ort. Zwei unserer Kritiker waren dabei.

Christine Lemke-Matwey: Geschafft, bin drin, Parkett rechts, Reihe 15, Platz 5.

Wofram Goertz: Salzburg, Großes Festspielhaus, Parkett links, Reihe 17, Platz 3

CLM: Riesengedrängel hier in Baden-Baden. Draußen heult der Frühlingssturm, und die vielen, die keine Karten haben, heulen mit: Alle vier Vorstellungen der Zauberflöte sind ratzeputz ausverkauft. Wegen Mozart, wegen Simon Rattle?

WG: Hier sind zweimal Parsifal (à fünf Stunden), ebenfalls ausverkauft. Sicher nicht wegen Wagner – Salzburg ist Mozartkugel-Stadt!

CLM:Baden-Baden ist weder Salzburg noch Bayreuth, klebt aber Plakate: "Willkommen zu Hause, Berliner Philharmoniker". Wie bitte? 45 Jahre lang gehörten die Philharmoniker zu Ostern nach Salzburg – und jetzt begrüßt man sie hier wie Spätheimkehrer? Künstlerische Heimat geht nicht auf Knopfdruck. Und Phantomschmerzen darf man nicht unterschätzen.

WG: "Phantomschmerz", gutes Stichwort! Den verspürt Salzburg auch – und will wie auf der Bühne der irre König Amfortas, die siechen Gralsritter, die sündige Kundry und der Schwanenmörder Parsifal davon befreit werden, "erlöst", würde Wagner sagen. Eine Herkulesaufgabe, für die allerdings der Beste gewonnen wurde: der Dirigent Christian Thielemann. Er zeigt, dass die Preise von bis zu 490 Euro pro Karte richtig angelegt sind, jedenfalls bei ihm.

CLM: Dagegen ist die Zauberflöte mit ihren 310 Euro ja ein Schnäppchen! Auch Simon Rattle fängt spannend an, jetzt, da bei ihm statt der Megareichen nur die Reichen in der Oper sitzen (eines der Hauptargumente für den Umzug). Ouvertüre – und was für ein Sound! Weich, kantabel, perfekt verblendete Register, perfekt geschliffene Kanten, sehr mittelstimmenfreudig und sehr melancholisch. Als wär’s nicht das Vor-, sondern das Nachspiel zu Mozarts Kasperlemysterientheater um den guten Sarastro und die böse Königin der Nacht. Abenteuer Hören! Also, wenn das so weitergeht ...

WG: Über Thielemann wird ja viel gemosert, aber nie war mir so klar wie heute, dass er ein absolut moderner Wagner-Dirigent ist. Sehr rhythmisch, wenig Watte, noch weniger Weihrauch, eher Kupferstich als Aquarell – und in einigen Momenten kann die Sächsische Staatskapelle Dresden den Berlinern wirklich das Wasser reichen. Aber in vielen auch nicht. Das Blech spielt reichlich rumpelig.

CLM: Hier springen plötzlich die Saaltüren auf, und der Chor und die Protagonisten rumpeln herein, in Alltagsklamotten, zerrumpeln alle Musik, selbst den Allegro-Teil der Ouvertüre. Bis die Meute sich vorne um den Orchestergraben gruppiert hat und in denselben starrt, als hätte sie noch nie Musiker bei der Arbeit gesehen, ist alle Konzentration dahin. Nicht Feuer-, Wasser- oder Liebesproben wie bei Mozart läutern uns, will der Regisseur Robert Carsen damit sagen, sondern einzig die Kunst, die Musik. Sie steht auf dem Spiel – und wird verspielt: Rattles Ideenreservoir ist schnell erschöpft, erstirbt in Schönheit und Elegie. Der Mann hat kein Theaterblut, denkt nicht in Spannung, schaut nicht vor, nicht zurück, operiert immer nur an Ort und Stelle. Selten so viel falsch verstandene Weihe verspürt, selbst ein Duett wie Bei Männern, welche Liebe fühlen klingt irgendwie...

WG: ...parsifalesk? Hier das Gegenteil: Flüssige Tempi, herrliche Pianissimi: In Salzburg hat man allen Grund, sich vollständig der Musik zu widmen. Die Inszenierung von Michael Schulz im Bühnenbild von Alexander Polzin ist auch ein solcher Krampf, dass einem wenig anderes übrig bleibt. Zuerst sieht man dicke Plexiglasröhren und glaubt, da fallen im nächsten Moment die Lottokugeln hinein, es steigen aber giftige Dämpfe auf. Der zweite Akt spielt in der Abgusssammlung eines Antikenmuseums, der dritte auf einer Sterberampe. Ich glaub, ich steh im Wald.

CLM: In Baden-Baden steht die ganze Zauberflöte im Wald! Frühling, Sommer, Herbst und Winter werden hier auf einer Fototapete simuliert, genauer gesagt: auf eine Wand projiziert, Vöglein flattern, Blätter fallen, und warum im Vordergrund nacheinander drei Gruben ausgehoben werden, das wissen nur Robert Carsen und sein Ausstatter Michael Levine. Weil Papageno, Tamino und Pamina Todgeweihte sind? Weil sie durchs Dunkel zum Licht wandeln? Im zweiten Akt klappern dann Särge und Mumien, und Papagena hüpft als Geisterbahngrufti herum.