Darf der das? Die Frage stellen sich in diesen Tagen viele in Rom. Sie sehen, wie der Papst sich kleidet (einfach und ohne Machtsymbole), sich bewegt (am liebsten zu Fuß unter den Gläubigen) und predigt (fast wie ein Dorfpfarrer). Manche finden, all das gehöre sich nicht für einen Papst. Ist er nicht ein Kirchen- und Staatsoberhaupt und als solches auch Souverän, Monarch und Völkerrechtssubjekt? Hat er nicht sogar göttliche Qualitäten, weil vicarius Christi nicht weniger bedeutet, als der real existierende Stellvertreter des Gottessohnes auf Erden zu sein?

Manche Katholiken sehen das anders. Sie meinen, mit der neuen "franziskanischen" Art des Papstseins befreie der Mann aus Argentinien das Papsttum endlich aus seiner Schwere und bringe es wieder zum Fliegen. Der Gipfel der neuen Leichtigkeit war das Zwei-Päpste-Treffen in Castel Gandolfo am vergangenen Samstag.

Mit entwaffnender Freundlichkeit ließ Papst Franziskus alle protokollarischen Probleme links liegen, über die sich die Kommentatoren zuvor tagelang den Kopf zerbrochen hatten. Papst trifft Papst: Musste er nicht wenigstens jetzt, in diesem historisch einmaligen Moment den roten Umhang des Summus Pontifex tragen – als optisches Zeichen dafür, dass er der regierende Papst ist und nicht der andere alte Herr in Weiß? Er musste nicht. Jeder sah ohnehin, wer welche Rolle hatte: Der eine, um ein Bild der mittelalterlichen Papst-Theologie zu bemühen, ist die Sonne, die aus sich heraus leuchtet. Und der andere, der für sich die Existenzform des eremitisch im Gebet verharrenden "Papa absconditus" gewählt hat, leuchtet immer nur dann, wenn der sichtbare Papst von ihm spricht oder ihn durch einen Besuch vorübergehend aus dem Dunkel seiner Abgeschiedenheit herausholt.

Damit das funktioniert, sind weder Samtstolen noch rote Schuhe vonnöten. Auch andere Protokollfragen erledigten sich wie von selbst. Darunter die Frage, wie sich die beiden wohl anreden würden? Etwa mit einem doppelten "Buongiorno, Santo Padre"? Auch hier brach Franziskus das Eis und setzte alle Bedenken außer Kraft. Er siezte den Älteren und verkündete: "Wir sind Brüder!" Benedikt strahlte dankbar.

Am bemerkenswertesten war eine Geste des neuen Papstes in der Kapelle des Sommerpalastes. Dort hatte man für ihn die päpstliche Kniebank vor dem Altar aufgebaut. Als er sie sah, ging er einfach an ihr vorbei und kniete sich in dieselbe Bank im Kirchenschiff, wo auch Benedikt XVI. sich niederließ. Das war die finale Überrumpelung des alten Papst-Stils in einer Geste, die in der existenziellen Gleichheit zweier Beter vor Gott mündete.

Die Methode des neuen Papstes, mit franziskanischer Freundlichkeit und Einfachheit das in den letzten Jahrzehnten oft überfrachtete Papsttum auf seinen Wesenskern zu bringen, verändert schon jetzt das Klima im Vatikan. Selbst der päpstliche Zeremoniar Guido Marini, der unbestrittene Meister der strengen und würdigen Form, wirkt auf einmal entspannt. Er lächelt inzwischen sogar manchmal im Gottesdienst, wenn er neben Franziskus steht. Eine alte römische Marchesa, die stolz erzählt, dass dies schon der achte Papst in ihrem Leben ist, bringt es auf den Punkt: "All diese Päpste waren würdige und gute Stellvertreter Christi. Aber Papa Francesco ist der erste, in dem ich Jesus unmittelbar wiedererkenne."