Isabel Allende war der Ansicht, Roberto Bolaño sei ein zynischer Giftzwerg, der niemanden mochte und von niemandem gemocht wurde – hatte er ihre Romankunst doch einmal der Kategorie des "schwachen Denkens" zugeordnet. Nun, weder das eine noch das andere scheint auf den chilenischen Dichter zuzutreffen. Bolaño war zu Lebzeiten dermaßen beliebt, dass seine Erben bald heftig miteinander stritten. Wie bei jedem literarischen Großereignis ging es um Geld. Um Geld und um Eitelkeiten und um die Trauer darüber, dass hier viel zu früh einer der letzten großen Autoren Lateinamerikas gestorben war, der, noch ganz vom Geist der europäischen Moderne beseelt, etwas vollkommen Eigenständiges geschaffen hatte. Sein Nachlass, der jetzt zum ersten Mal in Barcelona gezeigt wird, entpuppt sich als nie versiegende Quelle einer süchtig machenden Zauberprosa. Einer Prosa, die dem Leser noch die abscheulichsten Frauenmorde unterzuschieben weiß: alarmierend, aber nie perfide; geistesgegenwärtig und doch gespenstisch.

Seitdem dieser bis weit in die neunziger Jahre nahezu unpubliziert gebliebene Autor mit dem Roman Die Naziliteratur in Amerika seinen Durchbruch erlebte, entwickelte er sich in rasender Geschwindigkeit zum Weltliteraten. Besonders lange konnte er nicht von dieser Sonderstellung profitieren. Bolaño starb vor zehn Jahren in Barcelona, während er auf eine Lebertransplantation wartete. Kurz davor hatte Susan Sontag ihn öffentlich einen der einflussreichsten Autoren Lateinamerikas genannt. Patti Smith outete sich als Fan, stiefelte in die katalanische Provinz, um dort Bolaños Witwe einen Besuch abzustatten – und wurde am Ende einer kurzen und exotischen Freundschaft abgewiesen. Das Ganze bereits, nachdem Bolaño begraben war und erste Anzeichen von Leichenfledderei das Verhältnis der Witwe Carolina López zu einer wachsenden Zahl von Nachlassverwaltern, Freunden, lange verschollenen oder nie existenten Weggefährten des berühmten Toten empfindlich trübten.

Um das noch unerschlossene Erbe Bolaños sowie seinen frühen Tod ranken sich seither die seltsamsten Gerüchte. Mancher Kritiker verstieg sich gar zu der Behauptung, Bolaño sei (obwohl in Barcelona lebend) in einer Art Dritte-Welt-Armut gestorben und hätte sich, wenn der Literaturmarkt nur früher auf ihn aufmerksam geworden wäre, problemlos eine neue Leber beschaffen können. Eine Nachfrage im Kreis der Familie widerlegt solche Sozialromantik sofort. Allenfalls ließe sich darüber spekulieren, ob Bolaño sein wohl angeborenes Leberleiden nicht zugunsten der Dichtung zu lange unbehandelt gelassen hat.

Niemandem ist es jedenfalls nach dem posthum erschienenen Bestseller 2666 gelungen, den Manuskriptschatz, auf dem Carolina López mit ängstlicher Fürsorge sitzt, zu heben. Dieser Tage gewährt eine Ausstellung am Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB) jedoch erste Einblicke in die Arbeitswelt des Dichters. Und was geboten wird, ist spektakulär: Auszüge der 38.374 als "Originale" klassifizierten Schreibmaschinen-, Notizbuch- und Digitalseiten, darunter mindestens sechsundzwanzig Kurzgeschichten, vier Romane, reichlich Poesie. Hinzu kommen die Korrespondenz des Schriftstellers sowie die mit aberwitzigen Zeichnungen versehenen Tagebücher, in denen sich immer wieder der Satz findet: "Ich bin so glücklich." Die Ausstellung macht deutlich, dass Bolaño seine lustvolle Lektüre auf jede erdenkliche Art ausgekostet hat. In vergilbter Eintracht unter Vitrinenglas: Dostojewskis Idiot und Werke von Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. Eine Zeichnung zeigt eine (weibliche?) Figur im Stil ägyptisierender Comicstrips, die sich am eigenen Zopf aus einem unsichtbaren Sumpf zieht. Sieht so das Schreibglück eines Literatursüchtlers aus?

Sein Nachlass ist nicht nur deshalb von solch gargantuesker Fülle, weil Roberto Bolaño ein Vielschreiber gewesen ist, sondern weil er so lange nicht veröffentlicht wurde. Jenseits des Verdachts, es mit unreifen Frühwerken zu tun zu haben, gibt es also Lektoratsarbeit zu tun. Auch für die deutschen Verlage – für Hanser und Fischer, die im Moment mit Bolaños Gedichtbänden (Tres, Los Perros Románticos und La Universidad Desconocida) sowie einigen frühen Romanen (etwa Monsieur Pain und La Pista de Hielo) beschäftigt sind. Doch auch sie wähnen sich am Ende des Publikationsstroms. Unter anderem deswegen, weil sich der Welterfolg von 2666 nicht wiederholen ließ.

Um die Qualität des Nachlasses besser beurteilen zu können, sollte man sich zunächst im Umfeld seiner Verwalter umschauen. Unter jenen, die Bolaño heute zu ihren ertragreichsten Entdeckungen zählen, befinden sich heute: Jorge Herralde, Bolaños langjähriger Verleger und Chef des katalanischen Verlagshauses Anagrama. Ignacio Echevarría, ein in Spanien einflussreicher Kritiker, der in den ersten Jahren nach Bolaños Tod als Herausgeber seiner Werke fungierte. Bis es zum Bruch mit der Witwe kam: Echevarría hatte sich in einer editorischen Frage auf die Seite einer Nebenfrau Bolaños geschlagen. Weiterhin meldeten einige frühe Weggefährten sich mit dem Argument biografischer Evidenz aus dem mexikanischen Exil, wo Bolaño einst zusammen mit seinem Freund Mario Santiago die infrarealistische Bewegung ins Leben gerufen hatte. Bruno Montané ist einer von ihnen, lebt heute ebenfalls in Barcelona und wurde von Bolaños Witwe mit diversen anderen mehr oder weniger brotlosen Schriftstellern auf die Liste der unerwünschten Schmarotzer gesetzt.

In weiteren Rollen: die in Spanien einflussreiche Agentur Carmen Balcells, Vertretung von Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa. Ein hungriger amerikanischer Agent, der sich wenige Jahre nach Bolaños Tod, Carmen Balcells damit ausstechend, die Weltrechte an seinem Lieblingsautor gesichert hat. In der Verlagsbranche nennen sie ihn den Schakal. Sein bürgerlicher Name: Andrew Wylie. Zuletzt seine Vertraute, die amerikanische Kuratorin und Verlegerin Valerie Miles. Allein aufgrund ihrer Nähe zur Witwe ist sie all jenen ein Dorn im Auge, die sich vom großen Amerikaner ausgebootet fühlen. Allen voran Herralde, der zwar nach wie vor alles, was Wylie auf den Markt bringt, druckt, jedoch gerne behauptet, es handle sich um zusammengestückeltes Material aus dem Nachlass. Der vollendete und damit wahre Bolaño, da ist sich Herralde sicher, stammt aus der Zeit, als er noch voll und ganz den Spaniern gehörte. Ob Bolaño das alles amüsiert hätte? Er, der neben der Dichtung nichts mehr liebte als glitschige Kulturbetriebs-Intrigen, weil sie selbst ja Teil seines Schreibens waren, seiner um Bosheit und Niedertracht kreisenden Poetik.