Die schöne Zeit in Rom beginnt gleich mit einem gefährlichen Abenteuer. Nach seiner Ankunft im Oktober 1786 mietet sich der Schriftsteller Karl Philipp Moritz aus Berlin, verführt vom weiten Ausblick über den Tiber, in der Via Ripetta ein Zimmer mit Balkon. Die Hausherren sind allerdings nicht die seriösesten: Sbirren, wie sich später herausstellt, die Quasi-Stasi des Kirchenstaats. Schon in der ersten Nacht wird Moritz vom lauten Klopfen seines Vormieters geweckt, der nach einigen Waffen verlangt, die noch im Zimmer verstaut sind. Da »ich nicht einsahe, wozu er jetzt gerade, mitten in der Nacht, die Pistolen brauchen wollte«, öffnet Moritz nicht, nimmt aber die Waffen an sich und steht »Schildwache« an der Tür, »an welche immer noch mit Heftigkeit gepocht wurde«. Völlig übermüdet sucht er am nächsten Tag Bekannte aus Berlin auf, die »Herren Sch., L. und B.«, die ihm schnell eine ruhigere Bleibe vermitteln.

»Sch.« – das ist der berühmte Bildhauer Johann Gottlieb Schadow, hinter »L. und B.« verbergen sich Peter Ludwig Lütke und Peter Ludwig Burnat. Lütke studiert Landschaftsmalerei, Burnat, ein Kindheitsfreund Rahel Varnhagens, bildet sich zum Theatermaler aus. Moritz’ neue Bleibe befindet sich im Künstler- und Diplomatenviertel um den Spanischen Platz, im Eckhaus Via Babuino/Via Aliberti. Es gehört der wohlhabenden Bronzegießerfamilie Valadier, die fast alle Wohnungen an Künstler vermietet hat. Das machen viele hier, in der Hauptstadt des Kirchenstaates, der damals noch große Teile Italiens umfasst.

Zur selben Zeit wie Moritz trifft Johann Wolfgang Goethe in Rom ein. Der Dichter aus Weimar, der unter dem Decknamen »Maler Möller« reist, lässt sich gar nicht erst auf Experimente ein: Er zieht gleich in die Hessen-WG seines »Kollegen« Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Dieser stammt aus Haina, seine ebenfalls malenden Mitbewohner Friedrich Bury und Johann Georg Schütz sind aus Hanau und Frankfurt. Es ist, als hätten sie auf den Neuankömmling nur gewartet, und man ahnt das fröhliche Hessisch, das da am Frühstückstisch in der Via del Corso erklingt.

Goethe und Moritz lernen sich Mitte November 1786 kennen und begründen in ihrem rund anderthalbjährigen Romaufenthalt eine enge Freundschaft – ein Dioskurenpaar der Klassik, wie der Autor Jan Volker Röhnert sie nennt: Goethe als unsterblicher Pollux, Moritz als dessen sterblicher Zwilling Castor. Über ihre Landsleute sind die beiden sofort in die deutsche Gemeinde integriert, Teil wiederum der internationalen Künstlerrepublik Roms.

Die Papststadt, die 160.000 Einwohner zählt, ist keineswegs nur ein Ort für das Studium der Antike und Renaissance, sondern wie im 19. Jahrhundert Paris oder nach dem Zweiten Weltkrieg New York eine Werkstatt der Avantgarde. Moritz und Goethe besuchen die Maler und Bildhauer in ihren Ateliers, diskutieren mit ihnen ihre Arbeit. Seine römischen Erfahrungen inspirieren Moritz, der später an der Berliner Akademie lehrt, zu seiner kühnen neuen Ästhetik von der Autonomie des Schönen. Und Goethe greift 1798 auf die italienischen Eindrücke zurück, als er mit seiner Zeitschrift Propyläen die Kunst reformieren will.

Goethe schläft auf dem Stuhl des Papstes ein, und Lips hält eine lateinische Predigt

Wer lebte damals nicht alles in Rom! Nicht nur Schadow, Tischbein, Goethe, Moritz ... Auch Jean-Germain Drouais, der Star unter den Stipendiaten der Französischen Akademie in Rom (sein Lehrer Jacques-Louis David ist gerade erst nach Paris zurückgekehrt). Oder der Bildhauer John Flaxman aus England, der schottische Historienmaler Gavin Hamilton, der Bildhauer Antonio Canova, der aus dem Veneto stammt und deshalb ebenfalls zu den Fremden zählt. Seinen Schweizer Kollegen Alexander Trippel und die jungen Stuttgarter Johann Heinrich Dannecker und Philipp Jakob Scheffauer hat es gleichfalls hierhergezogen. Als berühmteste Maler in der Stadt aber gelten Jakob Philipp Hackert aus Berlin und der Star der Kunstszene, die in Chur geborene Malerin und Musikerin Angelika Kauffmann. Sie hat lange in London gelebt, bevor sie 1782 nach Rom geht.

Viele der jungen Deutschen kommen mit landesfürstlichen Stipendien, die auf zwei bis drei Jahre berechnet sind. In dieser Zeit sollen die römischen Meisterwerke fleißig studiert, sollen diskutiert und nachgezeichnet werden. Johann Heinrich Winckelmann, der Prophet der antiken Kunst, der bis zu seinem Tod 1768 in Italien gelebt hat, ist der Wegweiser. Nördlich der Alpen herrscht zwar nicht gerade ein Bilder-, aber doch ein Vorbildermangel: Wirklich qualitätvolle antike Skulpturen und Gemälde der Renaissance haben nur wenige fürstliche Galerien aufzuweisen, Sammlungen, die nicht ohne Weiteres öffentlich zugänglich sind. Bürgerliche Museen gibt es noch keine. Die für den damaligen Geschmack wichtigsten Gemälde Roms sind ohnehin nicht transportabel: die Fresken des über alles verehrten Raffael im Vatikan und in der Farnesina, die Deckenmalereien der Carracci im Palazzo Farnese und Michelangelos Wunderwerke in der Sixtinischen Kapelle.