Angeblich ist das Alter ein Tabu. Vor allem Sex im Alter ist, wenn man den Mainstream-Parolen glaubt, ein Tabu. Unter Tabuisierung versteht man landläufig den Vorgang des Verschweigens oder Verbietens einer Sache. Und wenn dieser Vorgang auf irgendeinen menschlichen Bereich nicht zutrifft, dann auf Sex im Alter. Es ist der Dauerbrenner der Medien. Wenn in dieser Gesellschaft eine Gruppe unter Überaufklärung leidet, dann nicht die Kinder des Internets, sondern ihre Großeltern.

Neulich gab es im Schweizer Fernsehen einen kompletten Themennachmittag übers Alter. Es traten Ärzte, Psychologen, Tangolehrer, Fitnesstrainer und andere Experten auf. Sie verkündeten unisono, es sei falsch, Sex im Alter zu tabuisieren. Außerdem wurden Paare aus der Liga 60 plus befragt. Viele sprachen Schwyzerdütsch. Es wurden Untertitel in Hochdeutsch eingeblendet. Die Schweizer Paare 60 plus saßen auf ihren Zürcher und Basler Wohnzimmercouchen und erzählten, wie sie sich den Lebensabend nett machen. Ein Ehepaar erzählte allen Ernstes, dass es den Vormittag fürs Nettsein bevorzuge. Daraufhin wurde ein Arzt befragt, ob es einen Zusammenhang gebe zwischen dem Vormittag und der Kreislaufkonstitution älterer Herrschaften. Der Arzt antwortete, das könne schon sein. Hauptsache, das Engagement lasse nicht nach. Gefühlte zwei Drittel aller Sexszenen werden im Hollywoodkino mittlerweile von Darstellern 60 plus bewältigt, von Stars wie Meryl Streep, Tommy Lee Jones, Jack Nicholson, Diane Keaton. Wirklich – ein Tabu sieht anders aus. Dass Sharon Stone so selten auf der Leinwand erscheint, hat damit zu tun, dass sie ein wenig zu jung ist und ein wenig zu gebügelt aussieht, um glaubwürdig bei einer Seniorenorgie mitzumachen.

Nun fragt man sich, weshalb ausgerechnet Menschen, von denen kein Beitrag zur Lösung des demografischen Problems zu erwarten ist, unter einer derartigen Glücksbevormundung stehen. Vor zwanzig Jahren befasste sich die Ratschlagspropaganda vor allem mit Kindererziehung. Heute werden fast nur noch Menschen 60 plus beratschlagt. Von Sabine Reichel stammt das Buch Grau ist great. Die Modedesignerin und Journalistin fordert Frauen auf, das Haarefärben sein zu lassen und in Würde zu ergrauen. Ihr Geburtsjahr gibt Sabine Reichel an keiner Stelle des Buches preis. Trotzdem fühlt sich die Dame berufen, über weibliche Altersemanzipation zu schwadronieren.

Das ganze Gerede ums Alter ist verdächtig, ideologisch verdächtig, wie vor 1955 Geborene sagen würden. Wenn es am Alter irgendwas Beglückendes gibt, dann ja wohl, in Ruhe gelassen, nicht mit Vorschriften behelligt zu werden, die den korrekten Umgang mit Chemie und den günstigen Verlauf von Vormittagen betreffen. Alt sein heißt Zeit haben. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn nur Menschen mit Zeit können politisch richtig ungemütlich werden. Tagelanges Kampieren vor Großbanken, Sit-ins vor dem Bundestag: Alles, was früher Studenten erledigten, kann sich heute nur noch die Gruppe 60 plus leisten. Und nur deshalb werden die Alten gezwungen, es sich vormittags nett zu machen. Dabei wird aber eines übersehen: In allen erfolgreichen Revolutionen der Geschichte war der Weg zwischen Barrikade und Bett ganz besonders kurz.