Sehr geehrter Herr Barlach,

schon wieder haben Sie vor einem Gericht gegen die Geschäftsführung des Suhrkamp Verlags, namentlich: Ulla Unseld-Berkéwicz, recht bekommen. Und ohne dass wir uns persönlich kennen, muss ich mich angesichts der Rolle, die Sie als Gesellschafter dieses Verlags für seine Existenz spielen, an eine bestimmte Verbindung zu Ihrem Namen erinnern, die auf meine Studienzeit zurückgeht. Ich habe vor einem halben Jahrhundert meinem Doktorvater Emil Staiger, der mit Expressionismus nichts am Hut hatte, eine Dissertation über den »Dichter Barlach« abgenötigt. Und als meine Bücher längst bei Suhrkamp erschienen, habe ich in einer ZEIT-Serie Barlachs Gestohlenen Mond als mein »Buch des Jahrhunderts« besprochen – den späten Roman, den der verfemte Künstler vor seinem Tod 1938 buchstäblich vergraben hat, im Garten seines Hauses bei Güstrow. Gedruckt wurde das Buch erst 1948 auf holzigem Papier – wo? Im Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer, Berlin und Frankfurt/Main.

Meine Bücher erscheinen nicht mehr bei Suhrkamp, aber es bleibt der Verlag, dem ich durch einen langen gemeinsamen Weg verbunden bleibe. Und so habe ich als Betroffener Ihr FAZ-Interview vom 14. Dezember gelesen, in dem Sie Ihre Kompetenz zur Geschäftsführung eines literarischen Verlags unter anderem damit begründen, dass Sie sich auch mit »Lyrik und Dramen« Ernst Barlachs zu befassen haben. Auch Sie haben also in dieses Suhrkamp-Geschäft »etwas wie eine Erbfolge« einzubringen.

Ist es erlaubt, daran zu erinnern, dass Ernst Barlach vor bald hundert Jahren das ausschließliche Elternrecht für seinen Sohn Klaus, Ihren Vater, vor Gericht erstritten hat, um ihm seinen Namen geben zu können? Dieser Kampf war der Hintergrund seines ersten Dramas, Der tote Tag , und seine Tagebücher notieren die Sorgen, die er sich um die Lebenstüchtigkeit dieses Sohnes machte. Solche Sorgen werden um den Enkel nicht mehr laut. Doch als Leser Ihres Großvaters fühle ich mich zur Vermutung berechtigt, dass er, ein Mann trotzigen Eigensinns (von dem Sie ebenfalls allerhand geerbt haben), auch in der Lage Peter Suhrkamps unter Hitler etwas Verwandtes erkannt hätte. Beide hielten, unter mörderischen Bedingungen, an ihrer Verpflichtung zum Geistigen fest: der verfemte Künstler und der Treuhänder eines »jüdischen« Verlags. Der eine ist im Würgeisen des »Dritten Reichs« noch vor dem Krieg gestorben, der andere hat ihn nur als dauerhaft geschädigter Mann überlebt. Im Gestohlenen Mond hat Barlach diese bösen Jahre auf ihren diabolischen Kern durchsichtig gemacht. Und ebendieses Buch hat der dem KZ Ravensbrück entronnene Suhrkamp im zerstörten Nachkriegsberlin verlegt, kurz bevor er sich von Fischer trennte und der Verlag unter seinem eigenen Namen zu werden begann, was er immer noch ist: das Gefäß einer kritischen und selbstkritischen Kultur, die zugleich in Goethes Sinn »Weltliteratur« ist und das Siegel ihrer schweren Geburt (um einen damals bekannten Titel zu zitieren) für »unauslöschlich« hält, und das heißt auch: für unveräußerlich.

Die Gründung Suhrkamps ist aber auch mit der verschonten und begünstigten Schweiz verbunden. Ohne die von Hesse vermittelte Hilfe des Handelshauses Reinhart hätte sie nicht stattgefunden, aus jenem Winterthur, das Ihre Media-Holding immer noch im Namen führt. Vom Enkel Barlachs darf man sich wünschen, dass er dieses Kapital auch als Verpflichtung versteht und mit jener Delikatesse behandelt, die ihm Suhrkamp hat angedeihen lassen – und ebenso sein Nachfolger Siegfried Unseld. Ich habe erlebt, wie er, als er noch mein Verleger war, seine Gesellschafter in Winterthur behandelte: wie rohe Eier.

Da er die geistige Substanz seines Verlags nie von der kaufmännischen Materie trennte, erwartete er von den Gesellschaftern Gegenrecht und erleichterte ihre Bereitschaft dazu auf jede Weise. Er brachte, außer seinen Bilanzen, immer wieder leibhaftige Autoren zu seinem regelmäßigen Consilium mit »Winterthur« mit. Ein riskanter Leistungsnachweis, denn diese waren damals weit weniger als heute bereit, sich im kapitalistischen Unterbau des Verlags widerspruchslos zu bewegen. Noch Jahre später hielt mir Uwe Johnson vor, wie manierlich ich mich an der frugalen Tafel der Reinharts benommen habe; als gebe es ein richtiges Leben im falschen! Aber wir waren Gäste in einem Haus, das die Verbreitung gerade solcher Fragen ermöglichte und zufrieden schien, wenn wenigstens die Zahlen nicht rot waren. Und solange dieser Punkt für Unseld Ehrensache blieb, erwarteten auch die Reinharts keine fabelhafte Rendite: Als gebildete Leute wussten sie, dass man dafür in andere Produkte investieren muss als in literarische Avantgarde.

Der heutige Sitz des Verlags war auch der erste, vor Frankfurt, wo Peter Suhrkamp die Gründung des eigenen Verlags wagte. Sie haben seiner Rückkehr nach Berlin zugestimmt; diese benötigte Ihre Zustimmung, nachdem Sie, ein halbes Jahrhundert später, die Anteile »Winterthurs« erworben hatten – und die Hälfte derjenigen, die Siegfried Unseld seinem Sohn Joachim schenkte, als er ihn noch zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Die Ereignisse, die zur Änderung dieses Willens geführt haben, stehen hier nicht zur Debatte: Die Frage ist, ob die Witwe Unselds ihre Erbschaft in der Sache, soll heißen: im Sinne seines Gründers, dessen Namen der Verlag immer noch trägt, zusammengehalten und weiterentwickelt hat. Und wenn man das – ohne bösen Willen – nicht bestreiten kann, bleibt die Frage, ob ein Gesellschafter Ihres Namens dieser unbestreitbaren Errungenschaft Sorge tragen hilft oder ob er sie kassiert.