Die Unsterblichen

Mag die Zukunft der Menschheit auch rosig sein – der Weg dorthin ist schäbig. Er führt vorbei an Lagerhallen und Autohäusern, zwischen Bauzäunen und Müllcontainern hindurch bis zu einer unauffälligen Glastür. Die führt ins Terminal 5. So heißt der Nachtclub in Hell’s Kitchen, einem wenig glamourösen Teil von Manhattan, wo sich an diesem grauen Wintertag die Futuristen treffen. Gekommen sind ungelenke Oberstufen-Nerds mit Notizblöcken. Ältere Herren im Pullover, die ihre Mathelehrer sein könnten. Ernst blickende junge Frauen im Retrolook der 1940er Jahre. Computer-Geeks unterhalten sich mit Risikokapitalgebern, die neue Geschäftsideen suchen.

Das hier ist ein cooles Event. Noch ist die Haupthalle im Terminal 5 weitgehend dunkel, nur gelegentlich flimmern die kleinen Vierecke diverser Smartphone-Displays auf. An die fünfhundert Besucher sitzen auf Plastikklappstühlen um die Bühne.

Rise of the Machines ist das Thema dieser seltsamen Veranstaltung – die auch "Warten auf Ray Kurzweil" heißen könnte. Ray Kurzweil ist ein Mann, der 18 Ehrendoktortitel amerikanischer Universitäten trägt und der erfolgreich ein Dutzend Unternehmen gegründet hat. Die US-Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton haben ihn geehrt, er hält zahlreiche technologische Patente und schreibt Bücher wie andere Leute Postkarten. Kurzweil, geboren 1948, ist der Stargast des heutigen Tages und ein in der Technikszene anerkannter Prophet. Unablässig verkündet er seine Frohbotschaft: Niemand muss sterben! Wir alle können das ewige Leben erlangen! Und ich werde der Erste sein!

Aber noch ist der Meister nicht da, deshalb warten alle geduldig. Zack Freedman etwa, der sich als "Hacker aus der nahen Zukunft" vorstellt. Sein Freund David Huerta kennt Kurzweil von vielen Veranstaltungen. Er sagt: "Vor ein paar Jahren galten Kurzweils Ideen als interessant, jetzt sind sie relevant." Oder Alan Sayter. Er hat einen Nachtflug von San Francisco auf sich genommen, um in New York dabei zu sein. "Kurzweil ist der Philosoph der Techies", sagt Sayter, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Singularity" trägt. Das Wort versteht hier jeder. Gemeint ist die Ankunft des wahren Erlösers – der lang ersehnte Triumph der künstlichen Intelligenz über die menschliche. Die Singularität ist der Zeitpunkt, an dem die künstliche Intelligenz die Kontrolle über das Schicksal der Erde übernimmt.

Davor steht jedoch Kurzweil auf dem Programm, und vor den Meister haben die Dramaturgen des Abends zudem noch das Vorprogramm gesetzt. Besucher mit Fachwissen lassen sich gern in Stimmung bringen, Fremde erhalten seltene Einblicke.

Sex mit Robotern

Etwa durch Jincey Lumpkin. Sie ist Rechtsanwältin, Kolumnistin der Huffington Post und selbst ernannte Chief Sexy Officer einer Firma namens Juicy Pink Box, die lesbische Pornos über das Internet anbietet. Lumpkin behauptet, dass Roboter bis 2047 eine menschenähnliche Intelligenz besitzen werden. Früher oder später würden sie auch unsere Sexualpartner werden, weswegen man frühzeitig über ethische und juristische Fragen diskutieren sollte – etwa die, ob auch ein Roboter Opfer einer Vergewaltigung werden könne.

Dann kommt Francesca Ferrando, sie bleibt auf der Erde. Die bekennende Philosophin für Posthumanismus forschte schon an der New Yorker Columbia University. Jetzt steht sie mit glitzerndem Flitter im Haar und goldenem Lidschatten auf der Bühne und sieht aus wie eine entfernte Cousine von Prinzessin Leia aus Krieg der Sterne. Ihr Thema sind Cyborgs – Wesen, die teils Mensch und teils Maschine sind. Eine posthumane Gesellschaft, in der sich Mischformen von Menschen und Maschinen tummeln, werde eine gerechtere und tolerantere Welt sein, sagt Ferrando. Der Saal ist ganz bei ihr. Sie fragt die Zuschauer, wer sich bereits heute als posthuman verstehe. Viele Hände heben sich.

Jetzt sind sie bereit. Der Moderator kündigt den Star an. Fast erwartet man einen Tusch. Dann betritt ein schmaler älterer Herr mit Stirnglatze die Bühne. Er trägt einen dunklen Anzug und bequeme Halbschuhe, die Lesebrille baumelt an einem Band um den Hals. Ray Kurzweil ist ein routinierter Redner. Während das aufgeregte Gemurmel im Saal noch anhält, klickt er schon per Fernbedienung die ersten Schaubilder auf einen riesigen Bildschirm. Sie sollen seine Theorie erläutern, wonach das Hirn als Hierarchie von Mustern und elektrischen Impulsen verstanden werden muss. Dies vorausgesetzt, müsste es möglich sein, Hirnfunktionen künstlich nachzubilden und einen Supercomputer zu bauen, der genauso funktioniert wie die Schaltzentrale im Kopf des Menschen. Zu diesem Thema hat Kurzweil kürzlich ein Buch geschrieben, How to Create a Mind. Stapel davon liegen im Eingangsbereich von Terminal 5. Mit dem Kunstgehirn werde die nächste Stufe der Evolution erreicht sein. Was spräche dann noch dagegen, seine Gedanken und Gefühle auf einen Computer zu laden? Eine ewige Sicherungskopie seiner selbst herzustellen. Ist das Unsterblichkeit?

Nanobots und Cyborg-Haustiere

Der bisherige technologische Fortschritt belege seine These, sagt Kurzweil. Kurven und Grafiken lässt er im Minutentakt aufscheinen, trotzdem wirkt sein Vortrag eher wie eine Umschau aktueller Tech-Trends. Kurzweil reißt alles an, vertieft aber nichts: Cloud-Computing, Stammzellen, IBMs Supercomputer Watson, den Kampf um die Internetfreiheit, Smartphones. Selten kann er sich den Hinweis verkneifen, dass er die heutigen Errungenschaften schon vor Jahrzehnten vorhergesagt habe. Damals sei er als Spinner abgetan worden – Kurzweil erlaubt sich ein kleines, triumphierendes Lächeln.

Das Publikum lacht. Viele hier kennen das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Aber heute Abend finden die Außenseiter ihre Bestätigung. Kurzweil ist einer von ihnen. Die meisten scheinen mit seinen Theorien vertraut zu sein, selten führt Kurzweil seine Begriffe ein. Alle andere müssen glauben, in einen Club von Eingeweihten geraten zu sein: Hier spricht ein Prophet zu seinen Jüngern.

Die Jünger selbst dürfen den Meister nicht ansprechen, sondern müssen ihre Fragen über den Kurznachrichtendienst Twitter einreichen. Ein Moderator wählt einzelne aus und reicht sie an Kurzweil weiter. So wollen die Zuschauer erfahren, ob sie ihre Hunde oder Katzen durch Implantate verbessern, Waldi und Minky also zu Cyborg-Haustieren hochrüsten sollen. Das sei eine gute Frage, nickt Kurzweil, es werde Leute geben, die so etwas machen würden. Unklar bleibt, ob Kurzweil biotechnologisch optimierte Haustiere für eine gute Idee hält – oder für bescheuert. Ist so etwas nun posthuman? Postanimalisch? Oder postvernünftig?

Kurzweil hat grundsätzlich kein Problem damit, dem menschlichen Körper künstlich auf die Sprünge zu helfen. Er konsumiert täglich 150 bis 250 Tabletten mit Vitaminen, Mineralien und vielem mehr. Als Mittsechziger ist er nicht mehr taufrisch, will aber so lange fit bleiben, bis ihm die Technik das ewige Leben garantiert. Sein Erlösungsszenario besagt, dass die Menschen schon im Jahre 2024 dank der Segnungen avancierter Biotechnologie ihre Gene reparieren und optimieren können. Später werden Nanobots, also winzige Roboter, in unseren Körpern unterwegs sein und alte oder defekte Zellen austauschen. Dann sei das Altern endgültig erledigt, der Mensch werde unsterblich, erzählt Kurzweil. Etwa 2045 soll es so weit sein. Kurzweil wäre dann 97 Jahre alt. Hoffentlich hält er durch.

Unterschied zwischen Mensch und Maschine soll verschwimmen

Voraussetzung für die Erlösung vom Tod ist der Glaube. Einerseits der Glaube an die Macht der menschlichen Intelligenz. Andererseits der Glaube an das alles zum Besten wendende Können von Wissenschaft und Technologie. Und zuletzt, das Credo der exponentiellen Dynamik, an den Kern der Kurzweilschen Gedankenwelt: Demnach entwickeln sich alle relevanten Prozesse von einem gewissen Zeitpunkt an nicht mehr linear, sondern exponentiell. Ein Beispiel: Linear verbessert sich eine Technik in 30 Jahren um den Faktor 30 – exponentiell wäre sie im selben Zeitraum milliardenfach besser geworden.

Diesen Fortschritt könne man in der Medizin, in der Biotechnologie und in der Nanotechnologie beobachten, sagt Kurzweil – und natürlich auch am Computer. Der werde ja auch exponentiell besser, wie schon das Mooresche Gesetz von 1965 besage. Dem zufolge verdoppelt sich die Leistung von Computerchips etwa alle ein bis zwei Jahre.

Deshalb glaubt Kurzweil an intelligente Maschinen. Dabei ist die Künstliche Intelligenz ein aus Gründen der Erfolglosigkeit verspotteter Seitenarm der Informatik. Seit Jahrzehnten versucht diese Disziplin, menschenähnlich denkende und handelnde Computer zu entwickeln. Bei YouTube finden sich unzählige Videos, in denen hypermoderne Roboter unbeholfen durch die Gegend humpeln – was zeigt, wie schwer es Maschinen fällt, auch nur einfachste Handlungen nachzuahmen.

Kurzweil beeindruckt das wenig. Die Entwicklung werde sich beschleunigen, glaubt er. Computer würden eines Tages weit intelligenter, schneller, effektiver und widerspruchsfreier agieren als unsereins. So ein Computer werde dann Selbstbewusstsein haben, über eine Identität und freien Willen verfügen. Und höchstwahrscheinlich werde man zwischen Menschen und Computern irgendwann nicht mehr zweifelsfrei unterscheiden können. Diese Menschmaschine zu bauen kostet freilich noch viel Arbeit. Deswegen hat Kurzweil vor vier Jahren im Silicon Valley die Singularity University gegründet – mithilfe von Google und der Weltraumbehörde Nasa. Dort werden unter anderem Regierungsmitarbeiter und Manager im exponentiellen Denken geschult.

Pillendealer, Erfinder, Religionsgründer

Das alles verkörpert der schmale ältere Herr mit seiner Lesebrille da oben auf der Bühne. Sein Mix aus Genie, Wahnsinn und Geschäftstüchtigkeit ist einzigartig und irgendwie sehr amerikanisch. Die Ökonomie der Kurzweilschen Unsterblichkeit erklärt sich gut durch einen Besuch beim Onlineshop Ray and Terry’s. Die Versanddrogerie mit allerlei Hilfsmitteln für das "ewige Wohlleben" gehört zwei gewieften Selbstvermarktern – dem Chef einer Klinik zur Lebensverlängerung in Denver und eben Ray Kurzweil. Hier kauft man Free Your Mind Excelerol, "das fortschrittlichste Mittel für Hirngesundheit", die Neunzigerpackung für 90,90 Dollar. Etwas billiger ist Astaxanthin, "ein 500-mal stärkeres Antioxidationsmittel als Vitamin E" und ebenso gut fürs Gehirn wie fürs Auge. Man kann auch einen Fragebogen ausfüllen, dann wird eine personalisierte Liste von Nahrungsergänzungsmitteln zusammengestellt, die gleich online zu bestellen sind. Der Meister schluckt ja auch jede Menge Pillen.

Ewiges Leben kostet eben auch sehr lange Geld. Insofern ist Kurzweil recht gegenwartsbezogen.

Gleichwohl ist der Mann nicht nur ein cleverer Pillendealer, messianischer Spökenkieker und Religionsgründer. Er ist auch ein anerkanntes technisches Genie, ein wirklich genialer Informatiker und Erfinder. Kurzweil baute den ersten praxistauglichen Flachbettscanner. Er hatte große Erfolge auf dem Gebiet der Spracherkennung und der Synthetisierung von Sprache und Tönen. So hat er ein Gerät entwickelt, das Texte erfassen und blinden Personen vorlesen kann. Ebenfalls von Kurzweil stammt ein Synthesizer, der für seine Zeit einzigartige Piano-, Bläser- und Streicherklänge erzeugte. Später entwarf er Software zum automatischen Dichten und Malen.

Kurzweils Mischung aus technischer Brillanz und visionärer Abgedrehtheit hat auch Google angelockt. Der Internetkonzern, der schon die Singularity University unterstützt, verpflichtete Kurzweil erst im vergangenen Dezember als einen Direktor in der technischen Entwicklung.

Ein Handyfoto mit dem Meister

In New York ist Kurzweil jetzt fertig, er steigt von der Bühne herab. Gleich ist er umringt. Die meisten wollen ein Autogramm oder ein gemeinsames Handyfoto mit dem Meister – die Reliquien der Gegenwart. Einige trauen sich, Fragen zu stellen. Ein Mann erkundigt sich scheu nach Kurzweils Pillendiät, dann sagt er: "Sie sehen so gut aus!" Kurzweil bedankt sich artig. Eine junge Frau fragt, ob sie noch in den Genuss von Technologien kommen werde, die das Altern verhindern. Kurzweil antwortet zuversichtlich.

Stets ist er geduldig, spricht mit leiser, ruhiger Stimme, bis alle Jünger zufrieden sind. Er halte Vorträge auf der ganzen Welt, sagt er am Bühnenausgang des Terminals 5, "vor Prinzessinnen in Dubai und Schülern im Mittleren Westen". Die Fragen hätten immer denselben Inhalt: Wie sieht unsere Zukunft aus? Kurzweil ist überzeugt, die richtigen Antworten zu haben. Anfang der neunziger Jahre habe er schließlich weit über hundert Prophezeiungen abgegeben, sagt er, und "86 Prozent davon sind eingetroffen".

Dann lässt der Prophet sich ein Taxi rufen. Es soll ihn in ein Restaurant bringen. Der Unsterbliche will ja nicht verhungern.