Der bisherige technologische Fortschritt belege seine These, sagt Kurzweil. Kurven und Grafiken lässt er im Minutentakt aufscheinen, trotzdem wirkt sein Vortrag eher wie eine Umschau aktueller Tech-Trends. Kurzweil reißt alles an, vertieft aber nichts: Cloud-Computing, Stammzellen, IBMs Supercomputer Watson, den Kampf um die Internetfreiheit, Smartphones. Selten kann er sich den Hinweis verkneifen, dass er die heutigen Errungenschaften schon vor Jahrzehnten vorhergesagt habe. Damals sei er als Spinner abgetan worden – Kurzweil erlaubt sich ein kleines, triumphierendes Lächeln.

Das Publikum lacht. Viele hier kennen das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Aber heute Abend finden die Außenseiter ihre Bestätigung. Kurzweil ist einer von ihnen. Die meisten scheinen mit seinen Theorien vertraut zu sein, selten führt Kurzweil seine Begriffe ein. Alle andere müssen glauben, in einen Club von Eingeweihten geraten zu sein: Hier spricht ein Prophet zu seinen Jüngern.

Die Jünger selbst dürfen den Meister nicht ansprechen, sondern müssen ihre Fragen über den Kurznachrichtendienst Twitter einreichen. Ein Moderator wählt einzelne aus und reicht sie an Kurzweil weiter. So wollen die Zuschauer erfahren, ob sie ihre Hunde oder Katzen durch Implantate verbessern, Waldi und Minky also zu Cyborg-Haustieren hochrüsten sollen. Das sei eine gute Frage, nickt Kurzweil, es werde Leute geben, die so etwas machen würden. Unklar bleibt, ob Kurzweil biotechnologisch optimierte Haustiere für eine gute Idee hält – oder für bescheuert. Ist so etwas nun posthuman? Postanimalisch? Oder postvernünftig?

Kurzweil hat grundsätzlich kein Problem damit, dem menschlichen Körper künstlich auf die Sprünge zu helfen. Er konsumiert täglich 150 bis 250 Tabletten mit Vitaminen, Mineralien und vielem mehr. Als Mittsechziger ist er nicht mehr taufrisch, will aber so lange fit bleiben, bis ihm die Technik das ewige Leben garantiert. Sein Erlösungsszenario besagt, dass die Menschen schon im Jahre 2024 dank der Segnungen avancierter Biotechnologie ihre Gene reparieren und optimieren können. Später werden Nanobots, also winzige Roboter, in unseren Körpern unterwegs sein und alte oder defekte Zellen austauschen. Dann sei das Altern endgültig erledigt, der Mensch werde unsterblich, erzählt Kurzweil. Etwa 2045 soll es so weit sein. Kurzweil wäre dann 97 Jahre alt. Hoffentlich hält er durch.

Unterschied zwischen Mensch und Maschine soll verschwimmen

Voraussetzung für die Erlösung vom Tod ist der Glaube. Einerseits der Glaube an die Macht der menschlichen Intelligenz. Andererseits der Glaube an das alles zum Besten wendende Können von Wissenschaft und Technologie. Und zuletzt, das Credo der exponentiellen Dynamik, an den Kern der Kurzweilschen Gedankenwelt: Demnach entwickeln sich alle relevanten Prozesse von einem gewissen Zeitpunkt an nicht mehr linear, sondern exponentiell. Ein Beispiel: Linear verbessert sich eine Technik in 30 Jahren um den Faktor 30 – exponentiell wäre sie im selben Zeitraum milliardenfach besser geworden.

Diesen Fortschritt könne man in der Medizin, in der Biotechnologie und in der Nanotechnologie beobachten, sagt Kurzweil – und natürlich auch am Computer. Der werde ja auch exponentiell besser, wie schon das Mooresche Gesetz von 1965 besage. Dem zufolge verdoppelt sich die Leistung von Computerchips etwa alle ein bis zwei Jahre.

Deshalb glaubt Kurzweil an intelligente Maschinen. Dabei ist die Künstliche Intelligenz ein aus Gründen der Erfolglosigkeit verspotteter Seitenarm der Informatik. Seit Jahrzehnten versucht diese Disziplin, menschenähnlich denkende und handelnde Computer zu entwickeln. Bei YouTube finden sich unzählige Videos, in denen hypermoderne Roboter unbeholfen durch die Gegend humpeln – was zeigt, wie schwer es Maschinen fällt, auch nur einfachste Handlungen nachzuahmen.

Kurzweil beeindruckt das wenig. Die Entwicklung werde sich beschleunigen, glaubt er. Computer würden eines Tages weit intelligenter, schneller, effektiver und widerspruchsfreier agieren als unsereins. So ein Computer werde dann Selbstbewusstsein haben, über eine Identität und freien Willen verfügen. Und höchstwahrscheinlich werde man zwischen Menschen und Computern irgendwann nicht mehr zweifelsfrei unterscheiden können. Diese Menschmaschine zu bauen kostet freilich noch viel Arbeit. Deswegen hat Kurzweil vor vier Jahren im Silicon Valley die Singularity University gegründet – mithilfe von Google und der Weltraumbehörde Nasa. Dort werden unter anderem Regierungsmitarbeiter und Manager im exponentiellen Denken geschult.