Es ist schwer, Deutschland zu sein, das Land in der Mitte, das wieder zu groß für Europa ist, aber zu klein, um Europa zu dominieren – wie nach 1871, 1914 und 1939. Es hilft offensichtlich kaum, dass dieses neue Deutschland Lichtjahre vom Zweiten und Dritten Reich entfernt ist. Es wird demokratisch, nicht autoritär oder totalitär regiert. Es betreibt keine Schaukelpolitik, sondern ist fest vertäut in der atlantischen und europäischen Gemeinschaft. Berlin beansprucht keinen "Platz an der Sonne", geschweige denn "Lebensraum". Die Deutschen scheuen den militärischen Gestus wie der geläuterte Säufer den Schnaps. Und sie fahren keine Panzerarmeen mehr auf, sondern Währungsreserven – Schäuble statt Rommel.

Trotzdem landete der Schwarze Peter am vorvergangenen Wochenende beim deutschen Finanzminister. Er habe die Zyprer im Verhandlungsmarathon "unglaublich unter Druck" gesetzt, zitiert das Handelsblatt einen EU-Diplomaten; das sei "wirklich schlimm gewesen". Prompt rotteten sich draußen die Demonstranten mit Plakaten zusammen, die Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen zeigten – so wie früher in Athen, wo sie als BDM-Mädchen herhielt. Dabei hatte die Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde die brutalste Forderung aus Washington mitgebracht; mit 40 Prozent sollten die Einleger bluten. Alle haben den zyprischen Präsidenten auf die Streckbank gelegt, aber zum Schluss wiesen sie mit dem Finger auf Schäuble.

Bevor der deutsche Mensch mit einem ungerechten Schicksal hadert, möge er die Machtunterschiede messen. Die offenbaren eine schlichte Moral: Je mehr Macht ein Land hat, desto mehr kriegt es ab. So geht es Amerika im Weltenrund, so geht es Deutschland in Europa. Das ist der Preis der Größe. Wer die Macht hat, trägt die Verantwortung und – wenn’s schiefgeht – auch die Schuld, sei’s als Blitzableiter oder Sündenbock. Für die Protestler in Nikosia war es bequemer, die deutsche Kanzlerin zu denunzieren, als sich selber und ihre Regierung, die jede Regel des guten Haushaltens geschreddert, ja geradezu mit kriminellem Leichtsinn agiert hatte.

Zypern ist seit Wochenbeginn vorläufig gerettet, mit Auflagen, die etwa so hart sind wie die ursprünglichen, vom Parlament zunächst verworfenen. Was folgt daraus für die deutsche Außenpolitik? Einmal Gelassenheit: Am Machtgefälle lässt sich nichts ändern, und sich kleiner zu machen, als man ist, fügt dem Ressentiment das Misstrauen hinzu. Zum Zweiten: etwas mehr Eleganz im Umgang mit anderen. Es reicht schon, wenn Berlin die größten Schuhe anhat; da muss es den Mit-Europäern nicht noch mit flotten Sprüchen auf die Füße treten. Drittens: nie die Vergangenheit vergessen. Auch wenn so mancher Krisenstaat sie instrumentalisiert, stehen dahinter plastische Erinnerungen an die grausame Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg.

Viertens: Mehr Macht bedeutet tatsächlich mehr Verantwortung – so wie die Reichen mehr Steuern zahlen als die Armen. Deutschland muss mehr für das Gemeinwohl tun, weil es als größte Wirtschaft am meisten von der Union profitiert. Dafür darf Berlin auch mehr von den Verschwendern fordern – aber unter Beachtung der ersten drei Regeln. Die Hitler-Bärtchen muss eine Großmacht aushalten. Nikosia, Athen und Rom können sie in einer freiheitlichen Demokratie ohnehin nicht verbieten.