Natürlich fordern in Europa nun alle Gerechtigkeit. Nur, es gibt Gerechtigkeit gerade bei der Euro-Krise nicht im Singular. Man bekommt immer mehrere Gerechtigkeiten, die miteinander im Clinch liegen. Zum Beispiel diese: Jetzt müssen in Zypern die Reichen für die Euro-Rettung bezahlen. Vor allem sie waren es, die den maroden Banken zu viel Geld gegeben hatten, als Aktionäre, Kreditgeber und Einleger.

Wer einst profitiert hat, der soll nun zahlen. Tatsächlich setzt die von Europa erzwungene Lösung genau da an, wo das Problem entstanden ist, bei den beiden großen Banken der Insel. Jetzt werden alle zur Verantwortung gezogen, die es besser hätten wissen können. Das ist das Verursacherprinzip, das ist gerecht.

Ungerecht hingegen ist, dass das Prinzip erst jetzt eindeutig angewendet wird und nicht schon in, sagen wir: Irland zum Tragen kam. Die Iren waren eines der ersten Krisenländer, und sie haben ihre Banken aufgefangen und werden die Schulden dafür noch jahrzehntelang schultern müssen. Damals war der Druck aus Europa genauso groß wie heute in Zypern, nur ging er in eine ganz andere Richtung. Rettet eure Banken um jeden Preis!, hieß es damals. Nur dann hilft Europa. Tut es selbst! Da denken die Iren, wenn sie Zypern sehen: Wie ungerecht, dass bei uns nicht die Anleger und Profiteure mitzahlen mussten. Und die zyprischen Anleger denken, wenn die nicht mussten, warum dann wir?

Je später die Rettung erfolgt, desto gerechter kann sie sein

Daraus ergibt sich eine schmerzliche Wahrheit: Es gibt keine Gerechtigkeit über die Zeit. Versuch und Irrtum, so heißt die Methode der Retter, sie lernen von Fehler zu Fehler dazu und machen doch immer neue. Es gibt also keine Gerechtigkeit zwischen 2009 und 2013.

Das ist erträglich, weil es heute gerechter zugehen kann als damals. Als Irland abzustürzen drohte, weil seine Banken sich noch großkotziger angestellt hatten als andere, drohte es die Finanzwelt mitzureißen. Die Angst vor einem Systemschaden war gewaltig. Heute steht die Europäische Zentralbank als Retter für den Fall bereit, dass die Finanzmärkte das große Zittern überkommt. Da kann Politik mehr wagen, und siehe da, während der zyprischen Wirren blieben die Börsen erstaunlich ruhig. Darum gilt: Je später die Rettung erfolgt, desto gerechter kann sie sein.

Böse Zungen könnten aber auch sagen: Je deutscher die Retter, desto härter die Rettung. Die können zu ihrer Verteidigung immerhin anführen: Zieht man nicht diejenigen zur Verantwortung, die das Risiko eingegangen sind, zahlen alle in Europa. Und allen voran die Deutschen. Als Arbeitnehmer haben sie lange Verzicht geübt, damit das Land seiner eigenen Krise entkam, jetzt stehen sie als Steuerzahler für Euro-Rettungspakete gerade. Und als Sparer leben sie seit Jahren mit Minimalzinsen oder im Fall von Bundesanleihen teilweise ganz ohne Zinsen. Die Zentralbank hält die Margen künstlich am Boden, damit es europäische Krisenbanken und Krisenstaaten leichter haben. "Finanzielle Repression" nennt man so was. Sie wirkt wie eine Sondersteuer, die jedes Jahr neu erhoben wird.

Da ist es fairer, wenn wie jetzt endlich einmal eine Katastrophenbank abgewickelt wird. Europa kommt damit seinem Ziel näher, dass die Verantwortlichen es spüren müssen, wenn ihre Wetten nicht aufgehen. Und das zyprische Bankensystem war nichts anderes als eine freche Wette auf die Langmut der Welt. Jede Bank muss künftig abzuwickeln, jeder Renditejäger zu belangen sein, dann erst können die Zocker von morgen nicht mehr auf Rettung hoffen, wenn es schiefgeht.