So jung? War Effi wirklich erst 17 Jahre alt, als sie im Garten des Briestschen Herrenhauses von der Schaukel geholt und an einen Landrat verheiratet wurde?

Sie war es. Die Wiederlektüre des berühmten Romans von Theodor Fontane bestätigt es. Dem Wildfang fehlte, nach heutiger Berechnung, genau ein Jahr bis zur Volljährigkeit. Effi hätte den Führerschein machen, aber noch nicht Auto fahren, nicht wählen, keine harten Alkoholika kaufen dürfen. Sie war, was unsere Gesetzgebung schutzbedürftig nennt. Das Jugendamt hätte im Übrigen auch ein Wörtchen mitgeredet bei der Eheschließung mit Instetten. Eine behördliche Sondererlaubnis wäre vonnöten gewesen. Und Instetten? Wie alt war der eigentlich? Die Lektüreerinnerung weiß, dass er um einiges älter war. Aber um wie viel eigentlich? So diskret Fontane den Altersunterschied des Paares im ersten Kapitel auch einführt, so exakt benennt er ihn. Baron von Instetten war 39. Ein Mann in der Lebensmitte also und ein halbes Kind: Das sittliche Empfinden des 21. Jahrhunderts stört sich doch gewaltig an dieser Konstellation. Sie kommt uns ungut, genauer gesagt, ein wenig unappetitlich vor. Man weiß ja, wie es ausging. Die junge Ehefrau erstickte im düsteren Plunder des pommerschen Hauses, in das Instetten sie einbunkerte, fing aus verzweifeltem Übermut eine kleine Affäre an, am Ende ist der Liebhaber tot und Effi vor Kummer auch.

Der Roman erschien 1896. Für die damalige Gesellschaft gab es wenig Zweifel, worin der Skandal der Geschichte lag, wer hier mit welcher Handlung gegen die geltende Moral verstieß: die untreue Gattin und der gewissenlose Verführer. Für den heutigen Leser stellt sich die moralische Situation von Effi Briest jedoch ganz anders dar. Ein kleiner Seitensprung ist keine große Sache mehr. Vor allem ist er reine Privatsache. Er stört unter Umständen das Gefühlsleben, aber keinesfalls das soziale Gefüge. Was uns empört, was wir verwerflich finden bis an die Grenze der Unmoral, ist etwas ganz anderes. Nämlich die Art und Weise, wie Frau von Briest die eigene Tochter über deren Kopf hinweg an einen Mann verkuppelt, den sie 20 Jahre zuvor selbst begehrte. So ist es nämlich. Fontane ist auch hier unmissverständlich. Instetten und Effis Mutter waren ein Liebespaar. Und diese abgebrühte, verkorkste Mutter hat nichts Besseres zu tun, als eine Ehe, die sie selbst verpasst hat, mittels ihrer biologischen Stellvertreterin symbolisch nachzuholen. Hier sitzt der schreiende Skandal des Romans – nach den Maßstäben der Gegenwart.

Und hier liegt der Zauber hermeneutischer Dialektik. Ein Roman aus der Vergangenheit macht die Differenz zur Gegenwart sichtbar und diese somit interpretierbar. Wer heute Effi Briest liest, erkennt die Alarmbereitschaft gegenüber Motiven, die ins Themenfeld des Missbrauchs ragen. Wer heute Effi Briest liest, wundert sich, wie aktuell und selbstverständlich die Kuppelei, die schon zu Fontanes Zeiten nichts Gutes verhieß, inzwischen wieder ist. Wenn auch in anderer Form. Nicht die Mütter verkuppeln, sondern RTL und der Algorithmus der Singlebörsen.