Ich schrieb Der Spion, der aus der Kälte kam mit dreißig, in aller Heimlichkeit und zu einer Zeit heftiger privater Krisen. Als Nachrichtenoffizier im Gewand eines Nachwuchsdiplomaten bei der britischen Botschaft in Bonn war ich nicht nur für meine Kollegen undurchschaubar, sondern über weite Strecken auch für mich selbst. Ich hatte bereits zwei Romane veröffentlicht, zwangsläufig unter Pseudonym, und meine Dienstherren hatten sie vor Erscheinen abgesegnet. Nach langem inneren Ringen hatten sie auch Der Spion, der aus der Kälte kam gebilligt. Bis heute weiß ich nicht, was ich getan hätte, wenn sie Nein gesagt hätten.

Aber offenbar waren sie, wenn auch zähneknirschend, zu dem völlig richtigen Schluss gelangt, dass das Buch von der ersten bis zur letzten Seite erfunden war, dass es keinerlei persönliche Erfahrung widerspiegelte und dass somit auch kein Sicherheitsverstoß vorlag. Das war jedoch nicht die Auffassung der Weltpresse, die meinen Roman einstimmig als authentisch, ja, mehr noch, als eine Art Insider-Enthüllungsstory feierte – sodass ich nur stillhalten und überwältigt zuschauen konnte, wie mein Buch an die Spitze der Bestsellerlisten kletterte und dort blieb, während ein Experte nach dem anderen es für echt befand.

Nach und nach allerdings gesellte sich zu meiner Überwältigung ein hilfloser Zorn.

Zorn, weil mir immer klarer wurde, dass ich nun für alle Zeiten der schreibende Spion sein würde statt ein Schriftsteller, der, wie so viele seiner Art, eine Weile beim Geheimdienst gewesen war und darüber geschrieben hatte.

Die damaligen Journalisten interessierte das alles nicht. Für sie war ich der britische Spion, der aus dem Nichts aufgetaucht war, um endlich einmal auszupacken, und je mehr ich es abstritt, desto mehr Nahrung gab ich dem Mythos. Und da ich für ein Publikum schrieb, das süchtig nach Bond war und verzweifelt ein Gegenmittel suchte, hielt der Mythos sich. Immerhin verschaffte es mir die Art Aufmerksamkeit, von der man als Autor träumt. Das Dumme war nur, dass ich nicht recht an meinen Ruhm glaubte. Er war mir suspekt, sosehr ich mich gleichzeitig darin sonnte; ich hatte die Geister gerufen, und nun wurde ich sie nicht mehr los. Aber wollte ich das überhaupt?

Die Identität eines Mitarbeiters des britischen Geheimdiensts ist – zu Recht – ein Staatsgeheimnis, das war in den sechziger Jahren so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Sie zu enthüllen ist eine Straftat. Der Secret Service mag einen Namen durchsickern lassen, wenn er es für angezeigt hält. Er mag einen Meisterspion oder auch zwei groß herausstellen, als Kostprobe seiner Allwissenheit und – man höre und staune – seiner Offenheit. Aber wehe, ein Exmitglied plaudert. Wobei es mich gar nicht danach drängte, zu plaudern. Ich hegte keinen Groll gegen meinen ehemaligen Arbeitgeber, ganz im Gegenteil. Als ich mich nach dem Erfolg meines Buchs in den USA den Fragen der New Yorker Presse stellte, leugnete ich pflichtschuldig, wenn auch nervös, alles ab: Nein, nein, ich hatte nie etwas mit Spionage zu tun, nein, es war nur ein böser Traum – was natürlich auch stimmte.

Vollends paradox wurde es allerdings erst, als ein amerikanischer Journalist mit Beziehungen mich hinter vorgehaltener Hand darüber aufklärte, dass der amtierende Chef des Secret Service einen nicht mehr amtierenden CIA-Direktor über meine frühere Tätigkeit ins Bild gesetzt habe, was dieser aber keinem weitererzählt habe außer seinen hundert besten Freunden, sodass jeder im Raum, der irgendetwas darstellte, wusste, dass ich log.

Jedes Interview, das ich in den fünfzig Jahren seither gegeben habe, scheint darauf ausgelegt, eine Wahrheit ans Licht zu bringen, die nicht existiert, was mit ein Grund sein mag, warum ich manchmal etwas allergisch reagiere.

Der Spion, der aus der Kälte kam war das Produkt einer ketzerischen Fantasie, zusätzlich angeheizt durch Empörung über die Politik und durch private Turbulenzen. Das einzige persönliche Erlebnis, das ich jetzt, fünfzig Jahre später, mit dem Buch verbinde, ist eine wortlose Begegnung am Londoner Flughafen, wo ein sichtlich erschöpfter, nicht mehr junger, soldatisch wirkender Mann im fleckigen Regenmantel ein Sammelsurium ausländischer Münzen auf den Tresen knallte und mit deftigem irischem Akzent einen so großen Scotch bestellte, wie die Summe hergab. In meiner Erinnerung ist das die Geburtsstunde des Agenten Alec Leamas. Andererseits war mein Gedächtnis noch nie der verlässlichste Informant.