Einst war sie die wichtigste deutsche Schulform, daher ihr Name: die Hauptschule. 1972 besuchten sie noch die Hälfte aller 13-Jährigen, heute sind es gerade noch 15 Prozent. Im selben Zeitraum hat sich der Anteil der Schüler fast verdoppelt, welche die Schule mit dem Abitur beenden. Noch nie gab es so viele Studenten und so wenige Schulabbrecher in Deutschland wie heute. Die Bildungsexpansion hat vor allem die Mädchen begünstigt, die heute im Durchschnitt bessere Abschlüsse machen als Jungen. Aber auch Schüler aus Migrantenfamilien, die Sorgenkinder unseres Schulsystems, haben von dem profitiert, was Bildungsforscher "kognitive Mobilisierung" nennen. Der Durchschnittsdeutsche wird messbar schlauer: Jedes zusätzliche Schuljahr bringe im Schnitt drei IQ-Punkte, schreibt die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern.

Dennoch klagen Lehrer seit Langem über den Leistungsverlust ihrer Schüler. Abgesehen davon, dass dieses Lamento schon im alten Griechenland verbreitet war: Für die einzelnen Schulformen trifft die Diagnose sogar zu. Wenn heute 40 statt 10 Prozent einer Altersstufe das Gymnasium besuchen, ist das mittlere Lernniveau zwangsläufig niedriger als früher. "Auf den ganzen Jahrgang bezogen, lernen die Schüler aber dennoch mehr", sagt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein.

Zu einer generellen Abwertung der Abschlüsse hat die Bildungsexpansion nicht geführt. Die Arbeitslosenrate unter Akademikern zum Beispiel liegt seit vielen Jahren unter fünf Prozent. Das liegt vornehmlich daran, dass die Anforderungen in vielen Berufen gewachsen sind und weiter steigen werden.

Als Problem erweist sich der Trend für jene Schüler, die nur einen Hauptschulabschluss vorweisen können oder nicht einmal das. Unter ihnen sind viele, die im Lesen und Rechnen kaum über das Niveau der Grundschule hinauskommen. Sie haben wenig Aussicht auf eine Ausbildung oder einen Beruf, mit dem sie ohne staatliche Hilfe eine Familie ernähren können. Zwar ist der Anteil der sogenannten Risikoschüler in den vergangenen zehn Jahren von einem Viertel auf ein Fünftel gesunken. Gleichzeitig sinkt jedoch ihr Optimismus, den Aufstieg aus eigener Kraft schaffen zu können. In einer Allensbach-Umfrage aus dem vergangenen Jahr stimmten nur 18 Prozent dieser Jugendlichen der Aussage zu, dass jemand, der sich anstrengt, es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen kann.