Das ostenglische Seebad Ernemouth in den achtziger Jahren ist der letzte Ort, an dem man aufwachsen möchte. Debbie, Samantha und Corinne – 15 Jahre und auf der Suche nach Ichbild und Aufmerksamkeit – gehen in dieselbe Schule und möchten gerne aufgenommen werden in die Kunstakademie. Ihr sozialer Background ist verschieden. Samantha ist aus London zugezogen, Oma und Opa sind steinreich und herrschende Klasse. Debbie, Mittelstand, hat sich Corinne zur Freundin erwählt, obwohl die prollig wirkt mit Patschuli-Wolke, engem Bleistiftrock und einer Mutter, von der man in Ernemouth sagt, sie sei verrufen. Zwanzig Jahre später dumpft Corinne, als "Die böse Hexe des Ostens" wegen Mordes verurteilt, in der forensischen Psychiatrie. Privatdetektiv Sean Ward, nach einer Schussverletzung bei Scotland Yard ausgeschieden, rollt den Mordfall wieder auf.

So weit die Ausgangskonstellation des atmosphärisch dichten, ungemein spannend konstruierten vierten Krimis von Cathi Unsworth. Unsworth ist hierzulande eher unbekannt, obwohl ihr Krimidebüt 2007 unter dem Titel Die Ahnungslose auf Deutsch erschienen ist. Darin griff sie auf Motive und Umgebung der Londoner Musik- und Journalistenszene zurück, in der sie mit 19 begonnen hatte, für Musikzeitschriften wie Sounds und Melody Maker zu schreiben.

Die Bands, Hits und Modetrends jener Jahre setzt Unsworth in Opfer geschickt und unaufdringlich ein, um Kultur und Ausbruchssehnsucht der Jugendlichen von Ernemouth in Szene zu setzen. Während der Privatdetektiv sich 2003 mit den sprichwörtlichen Mauern des Schweigens und einer trickreichen Vernebelungstaktik des ehemaligen Polizeichefs und Lokaldespoten Rivett herumschlägt, folgen wir atemlos den Ereignissen von 1983, als alles mit dem Einbruch der versnobten intriganten Göre Samantha in die Kleinstadtwelt beginnt. Unsworth versteht es, uns diese Samantha mit ihren Lügen, ihrer Aggression und Unverschämtheit verhasst zu machen – so verhasst, wie sie ihren Schulkameradinnen war. Samantha, das Biest: Nachdem sie Omas verhätscheltes Hundchen zu Tode rasiert hat, lenkt sie den Quälerei-Verdacht auf Corinne. Die scheint prädestiniert für die Rolle des Opfers. Ihre Mutter schickt sie Anschaffen, nach einer Prügelei mit Samantha verliert sie den Friseurjob.

Cathi Unsworth wurde von Derek Raymond, dem großen Autor des Brit Noir, inspiriert, als sie dessen Meisterwerk I Was Dora Suarez vertonen half. Sie setzt diese bittere Tradition fort. Allerdings ist bei Unsworth nicht die ganze Welt hoffnungslos gewaltsam und düster, sondern nur das althergebrachte Macho-Machtgefüge ihrer Stadt, hinter der unschwer das reale Great Yarmouth zu erkennen ist. Bei Unsworth gehen die Barbaren unter, und die Enkel kommen beschädigt davon. Aber der Weg dahin ist eine höllisch spannende "long winding road".