Der Moderator verspricht der Menge Blut. Sandro Brotz twittert am Mittwoch vergangener Woche schon Stunden vor der Ausstrahlung seines Politmagazins: "Wer heute auf dem #Rundschau-Stuhl sitzt – und warum, werd ich hier erst kurz vor der Sendung mitteilen. #AusGründen 20:50 #Live". Das Volk ist in freudige Erregung versetzt. Dann folgt, Minuten vor dem Ereignis, der Name des Verurteilten: Christoph Mörgeli, SVP-Nationalrat, unlängst entlassener Medizinhistoriker und beliebtes Objekt der Spaßbranche.

In der Sendung selbst kann man gebannt einen Vorgang beobachten, den man dem öffentlich-rechtlichen Sender nicht zugetraut hätte: die Inszenierung einer medialen Hinrichtung. Ein Reporter schleppt Dissertationen, die Christoph Mörgeli betreut hat, durch die Schweiz. Fragwürdige Dissertationen seien das, weil ihr wissenschaftlicher Mehrwert ein sehr geringer sei und formale Bedingungen nicht erfüllt worden seien. Die Umrisse eines Doktoranden werden gefilmt, mit verstellter Stimme gibt er zu, jemanden dafür bezahlt zu haben, an seiner statt einen alten Text ins heutige Deutsch zu übertragen. Danach zeigt der rasende Reporter das kiloschwere Beweismaterial einer Genfer Professorin für Marketing und Kommunikation. Sie wird als "Expertin für Plagiate" vorgestellt – auch wenn der Vorwurf des Abschreibens gegenüber Mörgeli, seinem Vorgesetzten und den Dissertierenden gar nicht erhoben wird. Der Journalist fragt die Professorin, die sich vor der Kamera ein bisschen durch die Texte blättert: "Sind Sie schockiert?" Was diese, wenn auch zögerlich, bejaht. Der sich investigativ gebende Journalist lässt sich auch noch dabei filmen, wie er in einem abgedunkelten Raum mit einer Doktorandin von Christoph Mörgeli telefoniert und deren gewichtige Aussagen protokolliert.

Und dann, endlich!, Auftritt von Sandro Brotz, selbst ernannter Verhörrichter des Schweizer Journalismus. Auf dem Sessel, den die Sendungsmacher "heißer Stuhl" getauft haben, hat Christoph Mörgeli Platz genommen. Und der Haudrauf der Schweizer Politik wird der Rolle, die ihm zugedacht ist, mehr als gerecht. Er wittert politische Gründe und Intrigen hinter den Vorwürfen, sieht das Schweizer Fernsehen als einen Hort für "extreme Linke" und weist, natürlich, jegliche Kritik entrüstet von sich.

Das Interview, das mehr Geschrei als Gespräch ist, kommt dann zur finalen Frage des Moderators: "Herr Mörgeli, Ihr Ruf als Wissenschaftler hat gelitten. Eindeutig. Auch Ihre Glaubwürdigkeit als Politiker. Sie wären der Erste, der sagen würde: ›Treten Sie zurück!‹ Ich frage Sie, Herr Mörgeli, da in der Rundschau: Treten Sie zurück?" Der Verurteilte antwortet mit einem Satz, den man wenige Stunden später schon als Klingelton auf sein Handy laden kann: "Sind Sie eigentlich vom Affen gebissen?"

Ja, das war gute Unterhaltung. Weil sich beide zum Affen gemacht haben. Mörgeli, indem er seine hysterische Phobie gegenüber allem Linken zum Besten gab. Brotz, indem er den eiskalten Großinquisitor spielte. Aber ist ein Politmagazin eine Unterhaltungssendung, ein moderner Circus Maximus gar?

Doch, das Thema an sich hätte etwas hergegeben. Was sind Dissertationen wert? Warum verstauben ungefähr 99 Prozent dieser Arbeiten, an denen Menschen zum Teil jahrelang sitzen, in unseren Bibliotheken? Ist also der traditionelle universitäre Abschluss ein sinnvoller? Und: Ist ein Doktortitel der medizinischen Fakultät gleich viel wert wie einer der philosophischen? Natürlich nicht. Leider wurde dieser Umstand nur am äußersten Rande der Sendung erwähnt. Diese Information, wäre sie zu prominent platziert gewesen, hätte die Inszenierung gestört.

Aber was diesen Beitrag zu einem journalistischen Tiefpunkt macht, ist die Inszenierung, Personalisierung und Boulevardisierung der recherchierten Information. Hier sollte ein Mensch vorgeführt werden. Dass Christoph Mörgeli bei dieser Veranstaltung mitmachte, spricht nicht gerade für einen intakten Seelenzustand. Es gehörte zur Pflicht eines verantwortungsvollen Journalismus, solch psychische Defizite nicht zu nutzen. Diesen Mann muss man vor sich selbst schützen – und ihn eben nicht in ein Fernsehstudio einladen. Egal, was man politisch und charakterlich von ihm hält.

Zudem verletzte diese Sendung eines der höchsten Güter des Journalismus: den Quellenschutz. Jeder, der zwei und zwei zusammenzählen kann, ist nach dieser Sendung imstande, die zwei anonymen Kronzeugen des Berichtes zu enttarnen.

Nein, diese Sendung hat der Branche des Journalismus einen Affendienst erwiesen.

Korrekturhinweis: In der Printversion des Artikels stand: "Der Satz "nachgestellte Szene" wird nicht eingeblendet." Diese Behauptung ist falsch. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler und haben den Satz gestrichen. Die Redaktion