Um diese Wirkung zu verstehen, muss man erst klären, wie wir Farben überhaupt sehen. Die Fähigkeit, Farben zu unterscheiden, ist beim Menschen recht ausgeprägt. Farben sind schließlich keine Eigenschaften irgendwelcher Gegenstände, sondern Interpretationen des Gehirns – je nachdem, ob langwelliges oder kurzwelliges Licht auf die Netzhaut fällt. Der Mensch hat drei verschiedene Sehzapfen in der Netzhaut, die meisten Säugetiere haben nur zwei. Das macht ihn zu einem sehr guten Farbenunterscheider. Menschen können im Gegensatz zu Rindern Rot und Grün unterscheiden. "Es gibt die Hypothese, dass es ein evolutionärer Vorteil war, reife, rote Früchte von den schwerer verdaulichen grünen Blättern unterscheiden zu können", sagt Karl Gegenfurtner, Professor für Psychologie an der Universität Gießen. Menschen zogen einen großen Vorteil aus dem Erkennen von Farbunterschieden: Sie konnten Feinde und Beute schneller ausmachen.

Farben wirken auf Menschen nicht einfach wie die Umgebungstemperatur. Unser Gehirn sucht ständig nach relevanten Unterschieden. Wir können mit Farben immer dann etwas anfangen, wenn sie sich konkreten Werten und Erfahrungen zuordnen lassen. "Wenn jemand eine rote Krawatte trägt", sagt Heiko Hecht, "ist das etwas anderes, als wenn er einen roten Anzug trägt."

Eine noch bemerkenswertere Fähigkeit ist die Farbkonstanz. Das menschliche Auge erkennt Farbtöne, auch wenn die Lichtverhältnisse eigentlich die Farbe verfälschen müssten. Ein Apfel erscheint uns immer gleichermaßen rot, auch wenn die Werte des Lichts, das er reflektiert, bei bestimmten Beleuchtungen etwas anderes nahelegen sollten. Diese Leistung erbringt das Gehirn, indem es den betreffenden Gegenstand mit der Farbigkeit seiner Umgebung vergleicht. Dazu wird auch das Gedächtnis herangezogen. "Wir wissen, dass Bananen gelb sind, deswegen haben wir auch die Tendenz, sie gelb zu sehen", sagt Gegenfurtner. Zeigt man Testpersonen das Bild einer grau lackierten Banane, glauben sie, einen Gelbstich zu erkennen.

Diese Anpassungsleistung macht vielen einfachen Farbkonzepten den Garaus. "Wenn Sie sich eine rosa Brille aufsetzen, sehen Sie die Welt nach einiger Zeit nicht mehr rosa, weil das Gehirn diese Einfärbung wieder herausrechnet", sagt Wahrnehmungsforscher Hecht. Setzt man den Menschen einer eingefärbten Umgebung aus, nimmt er diese Farbe nach einer Weile nicht mehr wahr. Pink wirkt auf einen Häftling für kurze Zeit beruhigend, nachdem er in die Zelle verlegt wurde. Es würde aber diese Wirkung wohl wieder verlieren, wenn er dauerhaft darin bliebe. "Das meiste, was Farben an Wirkung zugeschrieben wird, ist Hokuspokus", sagt Hecht. "In unseren Experimenten hat sich nicht nachweisen lassen, dass jemand in einem grünen oder blauen Raum besser lernt, die Wandfarbe ist offenbar irrelevant." Das muss auch wissen, wer die eigene Küche grün streicht. Man selbst nimmt die Farbe bald nicht mehr wahr.

Gerade weil Farben in der menschlichen Wahrnehmung so zentral sind, erleben wir sie sehr individuell, jeder hat seine eigenen Assoziationen mit ihnen. Und es lohnt sich, die eigene Farbgeschichte zu erforschen. Deswegen setzen Gestaltungsberater mitunter darauf, das sehr persönliche Farbverständnis ihrer Auftraggeber zu erkunden. "Ich versuche, bestimmte Farbklänge mit meinen Kunden zu erarbeiten, die für sie funktionieren", sagt Raumgestalter Martin Benad. Er empfiehlt, in einer Wohnung mindestens drei verschiedene Farbstimmungen einzusetzen: "Sonst kommt keine Lebendigkeit hinein."

Interessant wird es, wenn die Farbzuordnung des Gehirns nicht funktioniert. In Experimenten konnte Hecht nachweisen, dass Probanden einen Wein süßer finden, wenn er in einem roten Raum getrunken wird. "Normalerweise müsste das Gehirn zwischen der Farbe des Weines und der Farbe der Umgebung trennen", sagt Hecht. Aber offenbar funktioniere das nicht immer. Auch Kaffee schmecke anders, je nachdem, welche Farbe die Tasse hat. Solche Effekte interessieren die Werbewirtschaft natürlich enorm. Auch Küchenhersteller versuchen dieses Prinzip für sich zu nutzen. Denn durch die LED-Technologie lassen sich praktisch alle Farben mischen, die es gibt. So bieten einige Hersteller schon Küchen an, die angeblich eine appetitanregende Lichtstimmung erzeugen: Wenn das Essen misslungen ist, kann mit dem ansprechenden Licht noch nachgesalzen werden.

Ein weiterer Effekt ist für das Wohnen interessant: zu welcher Tageszeit man welches Licht verwendet. Morgens ist der Körper an natürliches Licht mit großem Blau-Anteil gewöhnt, gegen Abend nehmen die Rot-Anteile des Sonnenlichts zu. Der Lichtdesigner Rudolf Schricker hat mit solchen Lichtfarben gute Erfahrungen bei Demenzpatienten gemacht, denen das natürliche Zeitempfinden verloren gegangen ist. "Dadurch, dass am Abend die Lichtstimmung anders wird, werden Patienten nun müde, die vorher bis zur körperlichen Erschöpfung rastlos waren." Auch Flugzeughersteller experimentieren mit diesem Effekt: Durch wechselnde Lichtstimmungen lässt sich der Jetlag bekämpfen.

Wahrnehmungspsychologe Hecht ist sicher, dass die LED-Technologie den Umgang mit Farben in der Wohnung revolutioniert. Es gibt Beleuchtungssysteme auf dem Markt, mit denen man, je nach Stimmung, die passende Lichtfarbe auswählen kann: kühles Licht zum Arbeiten, rötliches Licht zum gemütlichen Beisammensein. Auch die Autoindustrie werde diesen Trend aufgreifen. Hecht schätzt, dass bald Lacke in Gebrauch sein werden, die wie ein Chamäleon die Farbe wechseln können. Wir lernen immer schneller, mit Farben zu kommunizieren.

Manchmal geht es dabei um Profanes. So haben Stifthersteller Lehrern schon empfohlen, Klausuren nicht mehr in Rot zu kommentieren, sondern in Violett oder Lavendel. Dann nähmen die Kinder die eigenen Fehler bereitwilliger wahr. Auch eine Art, mit Farben glücklich zu machen.