Es ist der 13. Mai 1981: Ich bin seit etwa vier Monaten Chefredakteur des sterns – einer von dreien –, als ich meinem Sekretariat den Auftrag gebe, Gerd Heidemann, Redakteur im Ressort Zeitgeschichte, innerhalb einer Stunde herbeizuschaffen. Heidemann, ein Mann, der selten in der Redaktion anzutreffen ist, wochenlang ohne Angabe von Reiseziel und Adresse verschwindet, kann aber wieder einmal nicht gefunden werden.

Heidemann soll eine Recherche im Ausland übernehmen, die im Zusammenhang mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. steht. Schließlich hat Heidemann den Ruf, einer der findigsten, zähesten Rechercheure des sterns zu sein. Henri Nannen hat ihn einmal "den besten Spürhund des sterns" genannt.

Ich bitte auch Heidemanns Ressortleiter Dr. Thomas Walde, nach dem Kollegen zu fahnden. Statt Heidemann kommt ein Anruf von Jan Hensmann, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden des Verlagshauses Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint. Hensmann, ein stiller Friese, der den Zeitschriftenbereich des Verlages leitet, ruft aber nicht mich, sondern meinen Chefredakteurs-Kollegen Peter Koch an und bittet ihn in sein Büro in den neunten Stock des Verlagshauses. Wenig später werden auch die anderen beiden Chefredakteure, Rolf Gillhausen und ich, zu Hensmann beordert.

In Hensmanns Büro sitzen der stellvertretende stern-Verlagsleiter Wilfried Sorge, Koch und Hensmann; vor ihnen auf dem Couchtisch liegen eine Reihe von schwarzen DIN-A4-Heften, etwa sechs bis neun. In einer ungewöhnlich feierlichen Tonlage erklärt Koch: Herr Hensmann habe ihm soeben mitgeteilt, daß Gruner + Jahr in den Besitz von "Tagebüchern Adolf Hitlers" gekommen sei. Koch: "Da auf dem Tisch liegen sie." Gillhausen und ich blättern in einigen Kladden, begutachten die Handschrift, fragen nach der Echtheit der Dokumente, da das, was wir in Händen halten, Fotokopien sind. "An der Echtheit besteht kein Zweifel", lautet die Antwort Hensmanns sinngemäß, "aber dennoch werden wir natürlich nach und nach Gutachten einholen." Die Chefredaktion bittet bereits bei diesem Gespräch, eine genaue und umfangreiche Überprüfung des Materials in die Wege zu leiten. Hensmann, Sorge und Walde wollen dies in die Hand nehmen.

Für mich steht außer Frage, daß der gesuchte Reporter Heidemann, der seit Jahren in der Nazizeit herumschnüffelt und gut Freund mit ehemaligen SS-Offizieren ist, mit denen er sich regelmäßig auf der von ihm erworbenen Göring-Jacht Carin II trifft, der Beschaffer der Hitler-Tagebücher ist.

Hensmann und Sorge bestätigen den Sachverhalt und bitten um Verständnis, daß Heidemann für die Chefredaktion nicht zur Verfügung stehe, weil er die "Hitler-Kladden" sicherstellen müsse. "Wo denn?" will ich wissen. Darüber könne nichts gesagt werden. Nur soviel: Die Spur führe in die DDR.

Mit Sicherheit wären die drei Chefredakteure zu diesem Zeitpunkt noch nicht in die "geheime Führersache" eingeweiht worden, wenn ich dem Ressortleiter Walde nicht gedroht hätte, ihn wegen der permanenten Abwesenheit Heidemanns abzumahnen.

Walde, seit vielen Jahren in wechselnden Positionen beim stern und als Fachmann für Geheimdienste ausgewiesen, hatte daraufhin seinen Freund Sorge alarmiert und der wiederum Hensmann. So kommt es – gezwungenermaßen – zur Bekenntnisstunde in Hensmanns Büro.

Zurück vom neunten Stock, gibt es in Kochs Zimmer zwischen uns drei Chefredakteuren eine teilweise heftige Diskussion. Ich vertrete den Standpunkt, es sei doch ein ganz und gar unmögliches Verfahren, daß Redakteure an der Chefredaktion vorbei, direkt mit dem Vorstand des Verlags über Stoffe verhandeln. Gillhausen bekräftigt meine Meinung, während Koch lapidar erklärt: "Wenn die Sache für den stern ein Erfolg wird, dann ist es doch gleichgültig, wie wir dazu gekommen sind." Im übrigen könnten wir unsere Bedenken in dieser Hinsicht dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Manfred Fischer vorbringen, mit dem ein Gespräch für die nächsten Tage angekündigt ist. Ich fühle mich in die kollegiale Pflicht genommen und will mich außerdem nicht dem Argument verschließen, der Vorstandsvorsitzende und sein Stellvertreter hätten sich sicher nicht fahrlässig zum Ankauf der Tagebücher entschlossen. Koch: "Wenn die bereit sind, viel Geld für etwas Derartiges auszugeben, dann werden sie sich ja die Sache reiflich überlegt haben."

Getarnt als Schweizer Sammler

In den kommenden Unterredungen, die ich, wie auch meine beiden Chefredakteurs-Kollegen, mit Walde getrennt führe, um ein wenig mehr über die Herkunft der uns als Hitlers Tagebücher präsentierten Kladden zu erfahren, ist nicht viel herauszubekommen. Walde beteuert, er wisse nur, daß die Bücher aus einer abgestürzten Maschine stammten, mit der Adolf Hitler im April 1945 Teile seines Eigentums aus Berlin hatte herausfliegen lassen.

Die Frage, warum Heidemann und Walde über den "sensationellen Fund" nicht mit der Chefredaktion oder wenigstens einem der Chefredakteure gesprochen haben, beantwortet Walde etwa so: "Heidemann wollte das nicht, weil er befürchtete, er würde mit einem höllischen Gelächter abgefertigt werden."

Wenige Tage nach dem Gespräch mit Hensmann findet dann die Unterredung mit dem von einer Reise zurückgekehrten Vorstandsvorsitzenden Fischer in dessen Büro statt. Henri Nannen, Gründer und langjähriger Chefredakteur des sterns und inzwischen Herausgeber des Blattes, ist mittlerweile ebenfalls in den Kreis der Mitwisser einbezogen worden. Anwesend neben Fischer: Hensmann, Sorge, Verlagsleiter Peter Hess, den sein Stellvertreter Sorge ins Vertrauen gezogen hat, Gillhausen, Koch, Walde, Heidemann und ich. Fischer eröffnet das Gespräch mit einem Appell zur Verschwiegenheit. Heidemann müsse in aller Ruhe die 27 "Tagebücher", die Hitler hinterlassen habe und die Heidemann auf verschlungenen Wegen angeboten worden seien, beschaffen können.

Über diese Wege wollen wir Chefredakteure nun doch etwas mehr wissen; auch darüber, seit wann Heidemann auf der Spur der "Tagebücher" sei, denn schließlich gebe es in der gesamten Literatur keinerlei Hinweise darauf, daß Hitler Tagebuch geführt habe. Im Gegenteil: Er werde als ausgesprochen schreibscheu geschildert.

Der Vorstandsvorsitzende Fischer will Zweifel erst gar nicht aufkommen lassen. Er begegnet ihnen mit dem Argument, daß ja alles rasch und gründlich überprüft werde, dafür werde er schon sorgen. Auf eine entsprechende Frage von Koch antwortet der von Natur aus barsche Westfale: "Glauben Sie eigentlich, daß ich bereit bin, Millionen zu bewilligen, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, daß die Bücher echt sind? Wenn der stern sie nicht will, gibt es sicher auch andere Interessenten." Zu diesem Zeitpunkt hat er wohl bereits das Einverständnis des Bertelsmann-Konzerns, dem der Verlag Gruner + Jahr gehört. Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn ist, wie sich später herausstellt, von Anfang an eingeweiht und hat auch die ersten Bücher selbst in der Hand gehabt.

Wie aus einer nach der Entdeckung der Fälschung vom Vorstand zur Verfügung gestellten Aufstellung hervorgeht, sind Heidemann im Mai 1981 etwa eine Million DM für den Erwerb der Bücher ausgehändigt worden.

Bei der Zusammenkunft in Fischers Büro berichtet Heidemann, daß er beim Bücherkauf als Beauftragter eines Schweizer Sammlers auftrete und die Bücher aus der DDR in die Bundesrepublik gebracht werden müßten. Er erzählt, daß die Bücher auf der Transitstrecke zwischen Lauenburg und Berlin während des Fahrens durch das heruntergekurbelte Fenster aus einem DDR-Wagen in einen Mercedes geworfen würden, nachdem er zuvor das Geld in den DDR-Wagen geworfen habe. Dieses Verfahren sei ihm jedoch zu riskant geworden, deshalb würden die Bücher jetzt mit Klaviertransporten in die Bundesrepublik geschmuggelt.

Zugegeben: Wir lauschen aufmerksam und nicht unbeeindruckt Heidemanns Erzählungen. Auch jener so schlüssig klingenden Fundgeschichte, die in die Gemeinde Börnersdorf bei Dresden führt, wo im April 1945 tatsächlich ein Flugzeug mit Utensilien Adolf Hitlers auf dem Weg nach Salzburg abgestürzt ist. Darunter seien die "Tagebücher" gewesen, die von Bauern geborgen und später von einem hohen DDR-Offizier sichergestellt worden seien. Dieser Offizier wolle nun über Mittelsleute die Bücher verkaufen.

Heidemann kramt aus seinem großen Fliegerkoffer, vollgestopft mit Nazi-Reliquien und Nazi-Schriftstücken, einige Fotos heraus und legt sie mit der lapidaren Feststellung auf den Tisch: "Thomas Walde und ich waren vor Ort und haben Spurensicherung betrieben." Tatsächlich sind Walde und Heidemann in Börnersdorf gewesen und haben die Absturzstelle sowie die Gräber der beim Absturz getöteten Insassen fotografiert.

Die Geschichte des Absturzes ist nachprüfbar richtig. Das macht Heidemanns angebliche Entdeckung recht glaubwürdig. Tagebücher waren jedoch, wie man heute weiß, nicht an Bord. Die wurden in die Geschichte erst hineingeschmuggelt. Und der DDR-General, der sie angeblich in Verwahrung genommen hat, existiert, wie jetzt erwiesen ist, auch nicht.

Als wir Chefredakteure von Heidemann Beweise für die Existenz dieses Mannes fordern, bekommen wir zur Antwort: "Wenn wir da anfangen zu recherchieren, dann fliegt doch die ganze Geschichte auf. Der Mann ist doch gefährdet."

Wer will schon eine solche Geschichte platzen lassen?

Im Mai 1981 oder bereits früher müssen ohne Wissen der Chefredaktion in Fischers Zimmer noch eine Reihe anderer vertraulicher Gespräche stattgefunden haben – zwischen Fischer, Heidemann, Walde, vermutlich im Beisein des Mittelsmannes Sorge. Ergebnis dieser Runden waren Sonderverträge, die Fischer mit Heidemann und Walde hinter dem Rücken der Chefredaktion schloß und die den Redakteuren hohe, nur dem Vorstandsvorsitzenden, seinem Stellvertreter Hensmann und Sorge bekannte Beteiligungen am erhofften wirtschaftlichen Gewinn durch Weiterverkäufe und Vergabe von Buchrechten zusicherte. Nach der Aufdeckung der Fälschung sieht sich Fischers Nachfolger im Amt des Vorstandsvorsitzenden, Gerd Schulte-Hillen, zur Feststellung veranlaßt: "Die Herren hatten nur noch Augen für Banknoten." Gewissermaßen als Vorauskasse erließ Fischer Heidemann eine Schuld bei Gruner + Jahr in Höhe von 300.000 DM und belohnte ihn pro herbeigeschafftes "Hitler-Tagebuch" mit 25.000 DM. (Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei diesen 25.000 Mark pro Band um Darlehen, die der Verlag Heidemann zur Anschaffung weiterer NS-Militaria gewährte, damit der Reporter überzeugend als Schweizer Sammler getarnt auftreten konnte – Anm. d. Red.)

Abfindung von 1,5 Millionen DM

Im August 1981 geht Fischer als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann nach Gütersloh; sein Nachfolger Schulte-Hillen übernimmt das Hitler-Erbe. Die eingegangenen Tagebücher werden fotokopiert und in einem Panzerschrank in der Vorstandsetage verwahrt; den Schlüssel erhalten die Chefredakteure gegen Quittung von Hensmanns Sekretärin ausgehändigt. Die Originale sind zunächst in Gütersloh, dann im Safe einer Züricher Bank deponiert worden.

Heidemanns Ressortleiter Walde, der sich Mitte Mai 1981 an die Auswertung des Fundes macht, bekommt zur Verstärkung einen weiteren Kollegen in sein Ressort, Leo Pesch, einen studierten Historiker. Ein weiterer Historiker, Assistent an der Universität Hamburg, stößt später zu der Arbeitsgruppe.

Auf Waldes Wunsch wird das Ressort Zeitgeschichte Ende 1981 aus dem Verlagshaus in der Hamburger Warburgstraße ausgelagert; die Mitarbeiter beziehen Räume am Mittelweg, der Redaktion wird von der Chefredaktion in einer Redaktionskonferenz der Umzug mit der Auskunft plausibel gemacht, Walde, Pesch und Heidemann arbeiteten an einer Serie über alte Nazis, die zum 30. Januar 1983, dem fünfzigsten Jahrestag der sogenannten Machtergreifung, erscheinen solle.

Sehr bald aber setzt sich in der Redaktion das Gerücht fest, das Ressort Zeitgeschichte habe neues Material über Hitlers Privatsekretär und Parteikanzleichef Martin Bormann und sei von Vorstand und Chefredaktion zu äußerster Geheimhaltung verpflichtet worden.

Heidemann gibt auf seine Weise – unbeabsichtigt – diesem Gerücht neue Nahrung. Er erzählt nämlich, "daß Bormann noch lebt". Er, Heidemann, habe sogar Kontakt zu Bormann, den er bald treffen werde. Es klingt unglaublich, was Heidemann da zum besten gibt: Bormann komme, von einem ihn ständig begleitenden Arzt gepflegt, immer wieder mal aus Südamerika oder aus Kairo nach Europa, um in der Schweiz oder Spanien alte Nazis um sich zu scharen.

Ob sich Heidemann tatsächlich auf Kosten des Verlages im Frühjahr 1982 für längere Zeit in Spanien aufgehalten hat, "um Bormann näher zu kommen", wie er sagt, konnte ich nicht feststellen, da Heidemann seine Spesen seit geraumer Zeit direkt über den Vorstand abrechnet. Ohnehin wird Heidemann von dem sonst so aufs Sparen bedachten Schulte-Hillen finanziell verwöhnt.

Im Sommer 1982 besucht mich Schulte-Hillen in meinem Büro. Ich frage ihn, ob er auch glaube, daß Bormann noch lebe und Heidemann einer Clique von "alten Kameraden" auf der Spur sei, die ihn, wie er erzählt, mit zusätzlichem Material, auch mit weiteren "Tagebüchern" versorgen wolle. Schulte-Hillen bekennt, daß er Heidemann für einen "unglaublich zähen Burschen" hält, dem er vertraue und dem er alles zutraue.

Heidemann hat uns allen Ernstes auch einmal erzählt, Bormann habe ihn wissen lassen, er betrachte ihn "als eine Art Parzival", den er in seinen Orden aufnehmen werde.

Auch nach solchen und ähnlichen Mitteilungen denkt keiner daran, an Heidemanns Geisteszustand zu zweifeln. Die "Hitler-Tagebuch"-Euphorie hatte uns alle gepackt. Koch: "90 Prozent von dem, was Heidemann erzählt, muß man vergessen, zehn Prozent stimmen aber." Gillhausen: "Die Hitler-Tagebücher sind echt, die Bormann-Sache untersuchen wir später." Und ich? Ich schließe mich der Auffassung von Gillhausen an.

Anfang 1983 bekommt Koch eine Information, wonach Heidemann eine Abfindung von 1,5 Millionen DM erhalten haben soll.

"Abfindung?" fragt Gillhausen.

"Ja, Abfindung", sagt Koch. Aber er kann auch nicht erklären, wie ein Mann, der beim stern fest angestellt ist, zu einer Abfindung kommt, die ja eigentlich nur bei gütlicher Beendigung des Arbeitsverhältnisses gezahlt wird. Schulte-Hillen, von Koch auf die Zahlung der 1,5 Millionen DM an Heidemann angesprochen, kratzt sich an der Stirn, was er immer tut, wenn ihn etwas in Verlegenheit bringt, und gibt die Frage an seinen Stellvertreter Hensmann weiter. Beide Herren können sich an die 1,5 Millionen Mark nicht erinnern.

Später, als die Fälschung entdeckt worden ist, gibt Schulte-Hillen zu, daß Heidemann 1,5 Millionen DM zugeflossen sind. (Spätere Ermittlungen belegten, dass die als Abfindung deklarierte Summe in Wahrheit eine Sonderzahlung war – Anm. d. Red.)

Wenn man dies alles heute bedenkt, wird niemand, der nicht dabei war, begreifen können, warum wir Chefredakteure als die journalistisch Verantwortlichen nicht stärker und nachhaltiger auf eine detaillierte Überprüfung der "Tagebücher" gedrungen haben, warum wir nicht dem Vorstand die ganze Sache aus den Händen genommen haben.

Wie hat dies geschehen können? Auf diese Frage gibt es keine befriedigende Antwort, nur Erklärungen. Zuvörderst die, daß durch die Kungelei zwischen Vorstand und zwei Redakteuren, durch die Verwischung der Zuständigkeiten über alle hierarchischen Instanzen hinweg ein Klima geschaffen worden war, in dem sich keiner mehr so richtig verantwortlich fühlte, jeder glaubte, der andere habe die Verantwortung übernommen.

Das übermäßige Vertrauen, das der Vorstandsvorsitzende Schulte-Hillen seinem Beinahe-Freund Heidemann entgegenbrachte, ließ keine Zweifel mehr zu und hielt Zweifelnde ab, Zweifel zu äußern. Als Nannen nach einem Besuch in Heidemanns nobel ausgestatteter Wohnung einmal auf die Möglichkeit aufmerksam machen wollte, daß Heidemann einen Teil des Geldes, das er für den Ankauf der "Tagebücher" erhalte, selbst einstecken könnte, wurde er von Schulte-Hillen brüsk zurechtgewiesen. Sinngemäß sagte dieser: "Wer von anderen so denkt, ist bereit, selbst so zu handeln."

Gutachten fallen positiv aus

Die beiden Redakteure der "Hitler-Tagebücher", Walde und der Historiker Pesch, hatten weder das handwerkliche Rüstzeug noch das intellektuelle Vermögen, den Text historisch-kritisch zu überprüfen. Zweieinhalb Jahre lang saßen sie über den "Büchern", ohne ein einziges Mal die Chefredaktion in eine Diskussion zu verwickeln; die Chefredaktion hatte ihnen Vertrauen geschenkt; wir wußten ja nicht, daß das von Max Domarus herausgegebene Standardwerk Hitler – Reden und Proklamationen 1932–1945, aus dem der Fälscher Seite für Seite wörtlich abgeschrieben hatte, neben den angeblichen Tagebüchern stets auf ihren Schreibtischen lag. Und sicher haben die vielen Millionen, die die beiden Vorstandsvorsitzenden Fischer und Schulte-Hillen, ohne mit der Hand zu zucken, bewilligt haben, nicht nur die Sinne der Redakteure Heidemann, Walde und Pesch vernebelt.

"Wer so viel Geld lockermacht", hat Koch einmal gesagt, "der weiß, warum er es tut!"

Und natürlich muß immer wieder auf die tadellose Geschichte hingewiesen werden, mit der Heidemann seinen Fund auch einem historisch und in der Nazizeit bewanderten Mann wie Henri Nannen glaubhaft machen konnte.

Ich bin oft gefragt worden, warum ich denn angesichts der Aktivitäten des Vorstandes geschwiegen habe. Es war nicht Schwäche, sondern das Vertrauen in die Führungskraft und Kompetenz derjenigen, die die Angelegenheit an sich gezogen hatten. Mehr als einmal hat Schulte-Hillen, hat Koch meine Aufwallung gegen das miserable Verfahren mit der Bemerkung niedergemacht: Nur der Erfolg zählt.

Kurz bevor Heidemann im Sommer 1982 nach Spanien reist, besucht ihn Schulte-Hillen in seiner Wohnung an der Elbchaussee. Für Schulte-Hillen, wie für uns alle, die wir nach und nach Heidemanns Wohnung aufsuchen – Nannen, Gillhausen, Koch, Sorge, Hess und ich –, wird die Glaubwürdigkeit des Reporters durch das, was wir da zu sehen bekommen, nur noch gesteigert: eine Uniform Görings, Hitlers Parteibuch, die Pistole, mit der sich der "Führer" angeblich erschossen hat, und dergleichen historische Utensilien mehr. Und ein Brief von Professor Werner Maser, in dem er Heidemann zum Nachlaßverwalter der in Masers Besitz befindlichen Hitleriana bestellt.

Ich entsinne mich noch genau, mit welcher Erregung Nannen nach seiner Wallfahrt in Heidemanns Nazi-Museum in die Redaktion kommt. "Es ist toll, was der da zusammengesammelt hat. In Amerika bekäme er gut und gerne eine Million, wenn er es auf einer Auktion feilböte. Eine unglaubliche Leistung."

Während eines sogenannten Kostengesprächs – Erörterungen über Personal- und Sachkosten des sterns – im April 1982 teilt Schulte-Hillen uns Chefredakteuren mit, daß weit mehr als die ursprünglich angenommenen 27 "Hitler-Tagebücher" existierten. Der "Führer" wird immer mitteilsamer, die Kladden werden immer dicker – und teurer. Der Mann in der DDR wolle mehr Geld haben, heißt es. Man sei jetzt schon bei einer Gesamtsumme von rund fünf Millionen angekommen. Aber die Investition werde sich ja auszahlen.

Die "Hitler-Tagebücher" sollen in Auszügen im stern erscheinen, begleitet von einer Serie von Artikeln. Die ersten zwei "Tagebücher", die Heidemann geliefert hat, sind "Sonderbände", die sich ausschließlich mit der Heß-Mission in England befassen – Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß sollte mit den Briten verhandeln. Ich bitte Walde, drei Heß-Folgen für den stern zu erarbeiten.

Der Leiter des Serien-Ressorts, das mir unterstellt ist, Horst Treuke, wird von mir eingeweiht, denn er muß ja die ganze Hitler-Geschichte in seiner Planung historischer Serien-Stoffe berücksichtigen. Ich bitte Treuke auch, mit Walde Verbindung aufzunehmen und sich ein paar der "Hitler-Bände" anzusehen.

Am 24. März 1982 habe ich Walde geschrieben, daß es "höchste Zeit" sei, die Bücher auf ihre Echtheit hin untersuchen zu lassen. Jetzt, am 16. April, reist er mit dem stellvertretenden Verlagsleiter Sorge nach New York, um bei dem amerikanischen Schriftsachverständigen Ordway Hilton ein Gutachten in Auftrag zu geben. Der Berner Kriminologe und Schriftsachverständige Max Frei-Sulzer ist drei Tage zuvor um eine Expertise gebeten worden.

Nach derzeitigem Wissensstand sind beim Aussuchen des Materials für die beiden Schriftgutachten die Weichen für die hereinbrechende Tragödie gestellt worden. Als Vergleichsmaterial hat Walde (und mit ihm Heidemann und Sorge) den Tagebuchseiten Schriftproben Hitlers hinzugefügt, die ebenfalls aus Heidemanns Archiv stammen. So kommen sowohl Hilton als auch Frei-Sulzer, denen, soviel ich weiß, jeweils eine Seite aus den Heß-Bänden und einem weiteren, früheren "Tagebuch" zur Verfügung standen, übereinstimmend zur Auffassung: "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit echt."

Ein weiteres Gutachten, das Walde beim Landeskriminalamt in Koblenz in Auftrag gegeben hat, ist ebenfalls positiv.

Nachdem Heidemann die wiederholten, dringlich vorgebrachten Fragen nach der Quelle der "Hitler-Tagebücher" stets mit dem Hinweis, Menschenleben seien gefährdet, wenn er sie preisgäbe, unbeantwortet läßt, machen sowohl Koch als auch ich den Versuch, etwas aus Walde herauszubringen. Walde erklärt: Er kenne keine Namen. Was, wie heute feststeht, gelogen ist. Walde kannte sehr wohl den Namen Konrad Fischer, der in Wahrheit Konrad Kujau hieß.

Heidemann erklärt kurz nach Bekanntwerden der Fälschung: "Walde kannte den Namen meines Lieferanten." Die Frage ist erlaubt, was Walde bewogen hat, den Namen der Chefredaktion nicht zu nennen, warum er nicht in aller Diskretion recherchieren ließ, wer denn dieser Fischer sei.

Über den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Tagebücher wird erstmals intensiv im Winter 1982/83 gesprochen. Es sind schon rund 45 Bücher im Hause – "Aber es werden immer mehr, und sie werden immer teurer", jammert Schulte-Hillen. Der Vorstandsvorsitzende will mit Heidemann, der ihn regelmäßig zum Geldabholen besucht, ernsthaft darüber reden, die Beschaffung der restlichen Bände zu beschleunigen. Es fehlen vor allem Bände des Jahrgangs 1944. Rund acht Millionen Mark sind Heidemann zu diesem Zeitpunkt ausgehändigt worden. (Später wird sich herausstellen, dass Gruner + Jahr insgesamt 9,3 Millionen Mark für die Beschaffung der Tagebücher gezahlt hat – Anm. d. Red.)

Der stellvertretende Verlagsleiter Sorge macht Ende 1982 und zu Beginn des Jahres 1983 mehrere Reisen, um ausländische Zeitungen und Zeitschriften dafür zu gewinnen, das Material des sterns nachzudrucken. Er bietet in Paris, Tokio, Madrid und Mailand die "Heß-Geschichte" an, die "wahre" Geschichte des Heß-Fluges nach England, der nach einem vom "Führer" selbst gebilligten Drei-Stufen-Plan durchgeführt worden sei. Dem stern sei neues, aufsehenerregendes Material zugänglich gemacht worden.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung

8. März 1983: entscheidende Besprechung im neunten Stock des Verlagsgebäudes. Teilnehmer: Schulte-Hillen, Hensmann, Hess, Nannen, Koch, Gillhausen, Walde, Pesch, Heidemann und ich. Schulte-Hillen eröffnet die Sitzung mit einer kleinen Rede, daß nunmehr der Zeitpunkt für die Veröffentlichung gekommen sei; er habe Heidemann erklärt, daß er nicht mehr länger zuwarten wolle, es fehlten jetzt noch drei Bücher, Heidemann sei gebeten worden, sie so schnell wie möglich zu beschaffen. Als Termin für den Beginn der Veröffentlichung wird der 5. Mai bestimmt. Heidemann hat immer neue Einwände. Er will noch so viel aus seiner Quelle in der DDR herausholen – etwa eine angeblich von Hitler verfaßte Oper Wieland der Schmied, den dritten Band von Mein Kampf und dergleichen. Heidemann: "Wenn wir jetzt schon mit der Veröffentlichung beginnen, bekomme ich nichts mehr." Er bittet, den Termin auf September zu verschieben.

Von Walde bekommt er Unterstützung. Auch er will "später" beginnen, schließlich müßten er und Pesch noch drei weitere Serien-Folgen Hitler und die SA schreiben. Vor allem ist er überhaupt nicht damit einverstanden, daß die Serie nicht, wie beabsichtigt, mit Heß begonnen werden soll, sondern mit einem großen Bericht über den Fund: "Wie Reporter Heidemann die Tagebücher aufspürte." Vor allem Nannen macht sich für diese Eröffnung stark. Es sei der einzig legitime journalistische Einstieg in die Serie. Nannen: "Die Leser interessieren sich doch in erster Linie für diese Kriminalgeschichte."

Die Zeit drängt. Bis zum beabsichtigten Erscheinungstermin sind es noch etwa fünf Wochen. Wir Chefredakteure weihen den stern-Reporter Wolf Thieme ein und bitten ihn, die große Geschichte des Fundes zu schreiben – gegen ein Sonderhonorar von 25.000 DM.

Thieme macht sich an die Arbeit, redet mit Walde und vor allem mit Heidemann, ist aber nicht recht zufrieden mit den Auskünften, die ihm Heidemann gibt. Thieme: "Es bleibt soviel im Unklaren, Heidemann rückt nicht mit der Sprache heraus." In der Tat verschanzt sich Heidemann hinter der Behauptung, es würden Köpfe rollen, wenn er seine Quelle preisgäbe. Er könne nur sagen, daß hohe Herren der DDR involviert seien.

Sorge taucht jetzt ständig in der Chefredaktion auf, mahnt zur Eile. Thiemes Bericht muß ins Englische übersetzt werden, damit er den potentiellen Partnern mindestens Mitte April zur Verfügung steht. Diese Partner, vorweg die amerikanischen Zeitschriften Newsweek und Time, die Londoner Zeitung The Times, das französische Magazin Paris Match und andere Interessenten, so hat die Geschäftsleitung beschlossen, sollen in die Züricher Bank eingeladen werden, wo die Kladden im Safe liegen. Dort können die Interessenten Hitlers "Tagebücher" lesen.

Bei einem Mittagessen der Chefredaktion in dem von gehobenen stern-Redakteuren bevorzugten Restaurant Auberge Française an der Hamburger Rutschbahn gibt Koch kund, daß er als der für Politik und Zeitgeschichte zuständige Chefredakteur das Kommando in der "heißen Phase" übernehmen werde. Von Gillhausen und mir keine Einwände, daß Koch nun das weitere Verfahren bestimmt und in der Hitler-Sache der einzig autorisierte Sprecher der Redaktion ist.

Gillhausen kümmert sich nun intensiv um Bebilderung und Layout für die Geschichte. Er unternimmt enorme Anstrengungen, neue Bilder von Rudolf Heß im Spandauer Gefängnis zu bekommen, damit eine Aufrißzeichnung der Heß zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten gemacht werden kann. Das Foto wird – obwohl der Überflug verboten ist – aus einem Hubschrauber heraus gemacht.

Ein Bildredakteur fährt nach Börnersdorf, der Absturzstelle des sogenannten Führerflugzeuges, und filmt aus einer Aktentasche heraus mit einer Super-8- Kamera den Absturzort und den Friedhof, auf dem die Insassen der abgestürzten Maschine begraben liegen. Die Sequenz wird später als "Dokumentation des Fundes" in einem von Stern TV erstellten Film verwendet.

Zu Beginn der heißen Phase, zwischen dem 2. und 10. April, bin ich in Johannesburg. Während dieser Zeit werden umfangreiche Werbemaßnahmen für die "Tagebuch"-Serie beschlossen. Als ich zurückkomme, läuft die Maschinerie auf Hochtouren. Hensmann, Koch und Sorge haben in Zürich den potentiellen Kunden die "Tagebücher" vorgeführt. Die Historiker Hugh Trevor-Roper, im Auftrag von Murdochs Times, und Gerhard Ludwig Weinberg, für Newsweek, bestätigen die Echtheit der Dokumente. Koch ist davon euphorisiert, was seine weitere hemmungslose PR-Kampagne einigermaßen erklärt.

Konferenz bei Schulte-Hillen. Da zu befürchten ist, daß Newsweek mit dem Material, das das Nachrichtenmagazin bereits vom stern bekommen hat, dem stern zuvorkommt, wird beschlossen, den Erscheinungstermin vorzuziehen: auf Montag, den 25. April. Die Auflage wird auf 2,4 Millionen Exemplare festgelegt.

Gillhausen präsentiert im Konferenzraum das Layout. Anwesend: die Chefredaktion, das gesamte Ressort Zeitgeschichte, Serien-Chef Treuke, Verlagsleiter Hess. Sein Stellvertreter Sorge, der am Zustandekommen der "Hitler-Tagebuch"-Geschichte einen so großen Anteil hat, ist im Urlaub.

Gillhausen hängt immer wieder Seiten um, versucht, die bestmögliche Übereinstimmung der Bilder mit dem Text, die größtmögliche Logik in der Abfolge zu erreichen.

Den Text für die erste Folge, den Thieme umgearbeitet hat, lese ich vier oder fünf Mal. Den Satz, daß "die Biografie des Diktators und die Geschichte des Dritten Reiches in großen Teilen neu geschrieben werden muß", will ich ändern zu "in Teilen umgeschrieben werden muß". Der Chef vom Dienst und der Serien-Chef raten ab. Schließlich habe Hitler, folgt man den "Tagebüchern", das Ausmaß der Judenvernichtung nicht gekannt. Ich gebe nach.

Am 20. April holt Koch Gillhausen und mich in sein Büro. Bei ihm ist Walde. Walde berichtet, daß bei einem in Auftrag gegebenen Papiergutachten, bei dem als Vergleichsmaterial ein Telegramm Hitlers an Mussolini beigefügt worden sei, der Gutachter Arnold Rentz das Telegramm als nicht echt eingestuft habe. Frage an Walde: "Was bedeutet das?" Antwort: "Nichts." Der Gutachter habe die "Hitler-Tagebuch"-Seite als echt anerkannt. "Ich wollte es nur gesagt haben, weil das Telegramm auch aus Heidemanns Archiv stammt."

"Ich übernehme jetzt die Gesamtverantwortung"

21. April. Koch und Walde haben eine lange Konferenz. Koch bittet mich und Gillhausen, danach zu Schulte-Hillen mitzukommen. Walde ist auch dabei. Koch ersucht Schulte-Hillen "dringlich", von Heidemann erneut den Namen des Mannes oder der Männer abzufordern, der oder die die Lieferanten der "Hitler-Tagebücher" seien. Koch: "Wenn Heidemann uns den Namen nicht nennen will, dann müssen wenigstens Sie ihn wissen. Einer muß ihn wissen. Am besten, Heidemann gibt eine eidesstattliche Versicherung ab, und die legen Sie dann in den Safe."

Schulte-Hillen will mit Heidemann reden. Tags darauf, am 22. April, berichtet Schulte-Hillen, daß Heidemann ihm den Namen nicht genannt, aber "beim Leben seiner Kinder" geschworen habe, daß die "Tagebücher" echt seien. Diskussion, ob man Heidemann nicht unter allergrößten Druck setzen müsse. Schulte-Hillen beendet die Diskussion mit der Bemerkung: "Ich übernehme jetzt die Gesamtverantwortung." Ein Wort. (...das Schulte-Hillen später bestritt. Vielmehr habe er zu Heidemann gesagt: "Mit Ihrer Weigerung laden Sie mir die Gesamtverantwortung auf." – Anm. d. Red.)

Abends kommt Heidemann mit der ehemaligen Fernseh-Moderatorin Barbara Dickmann, die seit kurzem beim stern arbeitet, in mein Büro. Ich versuche es auch noch mal. Ich gieße ihm fleißig ein. Vielleicht lockert das die Zunge. Heidemann: "Herr Schmidt, Sie wissen doch, daß Menschenleben in Gefahr geraten, wenn ich den Namen preisgebe. Ich habe mein Wort verpfändet, daß ich schweigen werde."

Die stern-Nachrichtenredaktion gibt eine Meldung heraus, daß der stern im Besitze bisher unbekannter geheimer Tagebücher Adolf Hitlers sei und mit deren Publizierung in der nächsten Ausgabe beginne. Mit Dieter Stolte, dem Intendanten des ZDF, vereinbare ich bereits am Donnerstag einen Termin für die Besichtigung des Stern TV- Films, der am Samstag, 23. April, in Mainz vorgeführt werden soll.

Koch und der Leiter der Nachrichtenredaktion setzen für Montag früh (25. April), den vorgezogenen Erscheinungstag des sterns, eine "Internationale Pressekonferenz" an. Am Sonntag, 24. April, abends, ist ein Treffen mit Trevor-Roper im Hamburger Hotel Atlantic vereinbart worden. Der Historiker läßt Schulte-Hillen, Koch und mich warten. Er will erst mit Heidemann allein sprechen. Heidemann wird herbeizitiert. Trevor-Roper will von ihm den Namen des "Tagebuch"-Lieferanten wissen. Er bekommt ihn nicht. Beim anschließenden Abendessen ohne Heidemann fragt Koch: "Was werden Sie denn morgen bei der Pressekonferenz sagen?" Trevor-Roper antwortet ausweichend. Wir müssen annehmen, daß er sein eindeutiges Echtheitszeugnis abschwächen wird – was er dann auch tut.

Koch, jetzt Herr der Lage, ordnet an, daß Originalbücher zur Pressekonferenz eingeflogen werden. Hensmann jettet am Montag früh nach Zürich.

Montag, 25. April: Pressekonferenz in der Kantine des Gruner + Jahr-Hauses. Danach drei Tage lang ein Auftrieb von Fernsehteams und Presseleuten, die von Koch und der Nachrichtenredaktion "bedient" werden; Walde und Heidemann werden bei Bedarf hinzugezogen.

Nach der Pressekonferenz informieren mich die zwei ZDF-Redakteure Hans Heiner Boelte und Guido Knopp, daß sie den Stern TV-Film mit einer anschließenden Diskussion bereits am Dienstagabend senden wollen. Vom stern nimmt Koch an der Live-Diskussion teil. Große Zweifel an der Echtheit der Bücher bei den Historikern. Trevor-Roper fällt um. Er sagt jetzt, auch er glaube, daß die Bücher nicht echt seien. Koch: "Sie sind echt, das werden wir Ihnen noch beweisen."

Am 27. April, vormittags, als Koch den Konferenzsaal des sterns ein wenig verspätet betritt, die aktuelle Themenkonferenz hat bereits begonnen, wird er mit lang anhaltendem Beifall begrüßt. Einer der Ressortleiter sagt: "Das haben Sie glänzend gemacht, wie Sie es den Historikern gegeben haben." Der Redakteur Lehmann schickt Koch eine Magnumflasche Champagner. Der Reporter Jaennecke schreibt dem Kollegen Heidemann eine Glückwunschkarte aus dem Urlaub.

Immer mehr Historiker melden Zweifel an. Nach Werner Maser, Eberhard Jäckel und David Irving behauptet nun auch Joachim Fest, die Kladden, aus denen der stern berichtet, seien vermutlich Fälschungen.

Am 27. oder 28. April erfahre ich per Zufall, daß einer der Justitiare von Gruner + Jahr drei Originalbände der "Hitler-Tagebücher" dem Bundesarchiv zur "schnellen Prüfung" übergeben hat. Die zweite Folge der Heß-Geschichte wird redaktionell abgeschlossen. Die "Echtheitsdiskussion" wird in der Öffentlichkeit mit Vehemenz betrieben. Heidemann "jagt" den noch fehlenden drei Bänden hinterher. Schulte-Hillen hat dafür wieder 300.000 DM lockergemacht.

Der Kultur-Ressortleiter des sterns kommt zu mir und fragt mich, wie ernst denn dieser Heidemann zu nehmen sei. Heidemann laufe durch die Redaktion und behaupte, Bormann lebe noch und er habe Kontakt zu ihm. Da seien doch Zweifel an der Echtheit der "Tagebücher" angebracht. Das scheint jetzt auch die vorherrschende Stimmung in der Redaktion zu sein.

29. April: Ein Verlagsjustitiar will aus einem Gespräch, das er mit einem Mitarbeiter des Bundesarchivs gehabt hat, eine "positive Tendenz" herausgehört haben.

Am Abend privates Essen mit Hensmann, dem Hamburger Richter Manfred Engelschall und Theo Sommer, dem Chefredakteur der ZEIT. Gesprächsthema ist natürlich die Hitler-Story. Sommer, ausgebildeter Historiker, meldet erhebliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente und Bedenken gegen die ihm unreflektiert erscheinende Präsentation an. Er fragt, was man sich jetzt wirklich fragen muß: "Warum wurde die ganze Geschichte denn so großsprecherisch verkauft? Warum hat die Redaktion nicht vorsichtiger formuliert, die Möglichkeit einer Fälschung nicht ganz und gar ausgeschlossen?" Fragen, die wir uns wirklich selbst und früher hätten stellen müssen. Mit einer Titelaufschrift, die eine Fälschung nicht ganz ausschließt, hätten wir den großen Skandal vermeiden können.

An diesem Abend wird mir klar: Wir hätten nur eine große Geschichte über den Fund und über die wichtigsten Fakten aus den "Tagebüchern" drucken dürfen und dann den Historikern die "Tagebücher" zur Überprüfung übergeben müssen.

Hensmann sagte bei dieser Diskussion am Abendessenstisch sinngemäß: "Sie werden es erleben, die Bücher sind echt." Kein Zweifel, er glaubt es. Ich bin sehr beunruhigt. Ich gestehe mir ein, daß in jeder Hinsicht zu wenige Fragezeichen gesetzt worden sind.

Am 29. April fliegt Koch in die USA, um, teilweise gemeinsam mit Rüdiger Heß, dem Sohn des in Spandau einsitzenden "Stellvertreters des Führers", seine PR-Aktivitäten dem Höhepunkt zuzutreiben. Bei einem Telefongespräch sage ich ihm: "Sie nehmen den Mund aber sehr voll, bei allen den Zweifeln, die aufgetaucht sind." Koch: "Wir müssen nach vorn durch."

Eine "plumpe Fälschung"

Am 30. April bittet Schulte-Hillen zu einer Konferenz. Anwesend: Nannen, Hess, Hensmann, Gillhausen, Walde, Pesch, die Justitiare Hagen, Dr. Ruppert und Schäfer und ich. Bevor die Konferenz beginnt, gehe ich mit Schulte-Hillen in ein Nebenzimmer und erkläre ihm: "Sie müssen jetzt, wo die Echtheit der ›Tagebücher‹ immer stärker angezweifelt wird und die Glaubwürdigkeit des sterns auf dem Spiel steht, Heidemann in die Knie zwingen. Er muß den Namen des Lieferanten preisgeben. Sichern Sie ihm zu, daß ihm kein Nachteil entsteht, wenn sich herausstellen sollte, daß er Geld, das für den Erwerb der Bücher bestimmt war, ›abgezweigt‹ haben sollte."

Die Konferenz wird vom Justitiar Hagen bestimmt, der soeben vom Bundesarchiv zurückgekehrt ist. Er hat vertraulich und unter dem Vorbehalt des Irrtums erste Teilergebnisse der Prüfung mitgebracht. Bei der Untersuchung durch das Materialprüfungsamt in Berlin ist bei einem Buch ein Faden festgestellt worden, der eine Polyesterstruktur enthält. Polyester wird erst seit Ende des Krieges verwendet. Ferner sei bei der "historischen Prüfung" ein Fehler bei der Datierung eines Gesetzes zum Schutze der Landwirtschaft festgestellt worden. Der "Tagebuch"-Hitler will das Gesetz am 11. Januar 1933 unterschrieben haben, das Bundesarchiv aber belegt, daß das Gesetz am 19. Januar 1934 in Kraft trat.

Langer Disput zwischen Walde und Hagen darüber, daß das Bundesarchiv sich lediglich auf Sekundärquellen stützt. Hagen betont immer wieder, dies seien Teilergebnisse, noch nichts Verbindliches. Das Bundesamt will weitere Bände so schnell wie möglich analysieren. Die Bände sollen am nächsten Tag nach Koblenz gebracht werden. Außerdem wird Pesch beauftragt, zwölf Bände nach St. Gallen zu einem renommierten Institut zu bringen.

Angesichts dieser Situation reißt mir der Geduldsfaden – Heidemann sitzt mit uns am Tisch und tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Ich sage sinngemäß: "Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Sie im Fernsehen verkünden, Sie hätten die Bücher nur zutage gebracht, die Prüfung obliege der Chefredaktion. Der Chefredaktion haben Sie sich ja lange Zeit entzogen. Sie haben ja die Verhandlungen, die zum Ankauf der Bücher führten, direkt mit dem Vorstand geführt. Ich fordere Sie jetzt auf, mit Schulte-Hillen vor die Tür zu gehen und ihm den Namen des Lieferanten zu sagen, sonst wird die Veröffentlichung abgebrochen."

Nannen unterstützt mich.

Schulte-Hillen springt vom Tisch auf und brüllt: "Ich will den Namen jetzt wissen, Herrgottsakrament! Herr Heidemann, kommen Sie mit."

Die Konferenz wird eine halbe Stunde später in Schulte-Hillens Zimmer fortgesetzt. Falls Heidemann ihm einen Namen genannt haben sollte, behält Schulte-Hillen ihn für sich. Hagen empfiehlt "einen geordneten Rückzug". Nannen: "Wir werden nicht abbrechen, sondern wir werden, wenn es schiefgeht, die Heß-Geschichte erzählen, ohne die Tagebücher als Dokument zu benutzen." Ich protestiere: "Wenn das Zeug falsch ist, hören wir sofort auf."

3. Mai: Walde ruft mich an und erzählt mir, daß seine Sekretärin von verschiedenen Redakteurinnen und Redakteuren wegen ihrer Mitarbeit an der "Hitler-Story" an den Pranger gestellt werde. Er bittet mich, in der Redaktionskonferenz etwas dazu zu sagen. Ich tue dies und löse eine lange Diskussion über die Aufbereitung der "Tagebuch"-Story aus: Die stern-Geschichte sei unkritisch und gebe undistanziert nazistisches Gedankengut wieder. Der Serien-Chef meldet sich zu Wort. Sinngemäß erklärt er: "Sie alle kennen ja nur eine Folge, nämlich die Geschichte des Fundes. Ich verbürge mich dafür, daß die weiteren Folgen im richtigen Kontext stehen."

Die Teilnahme von stern-Vertretern an einer Diskussion im Club 2 des österreichischen Fernsehens wird mit einem Fernschreiben, das Schulte-Hillen, Nannen und ich unterzeichnen, abgelehnt. Wir wollen in der brenzligen Situation jetzt keine Stellungnahme mehr abgeben.

Verschiedene Telefongespräche mit Koch in den USA.

Am 5. Mai abends deutscher Zeit hat Kenneth Randell, ein international renommierter Autographenhändler und Schriftsachverständiger, auf Bitten von Koch eine Schriftprobe anhand von "Tagebüchern" aus dem Jahre 1932 und 1945 auf der Grundlage unzweifelhafter Schriftzüge Hitlers gemacht. Ergebnis: die Tagebücher 1932 und 1945 sind Fälschungen. Koch gibt diesen Befund telefonisch an Schulte-Hillen weiter.

Weder Koch noch Schulte-Hillen informieren Gillhausen oder mich, den in dieser Woche geschäftsführenden Chefredakteur. Wir beide arbeiten bis nachts um drei Uhr an der dritten "Tagebuch"-Folge, die druckfertig gemacht wird.

Gillhausen und ich erklären später, daß wir bei diesem Kenntnisstand mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer lapidaren Meldung die Möglichkeit einer Fälschung bekanntgegeben hätten.

Telefonat mit Hagen. Es sieht wieder besser aus beim Bundesarchiv – auf keinen Fall wird das Archiv vor Ende nächster Woche irgendwelche Ergebnisse bekanntgeben. Die Herren seien sehr diskret und entgegenkommend.

6. Mai: In der Elf-Uhr-Konferenz wieder Diskussion über die "Tagebuch"-Veröffentlichungen. Ich sage, daß wir nun alle unsere Mutmaßungen zurückstellen sollten, bis Hagen die Ergebnisse der Prüfung vom Bundesarchiv habe; was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ist, daß die Justitiare Hagen und Ruppert in aller Frühe nach Koblenz zum Bundesarchiv beordert worden sind.

Gegen Mittag werde ich dringlich zu Hensmann gerufen. Als ich ins Zimmer trete, höre ich Hagens Stimme über den Telefonverstärker. Er zählt all die Punkte auf, die das Bundesarchiv zum Ergebnis haben kommen lassen, daß es sich bei den sogenannten Hitler-Tagebüchern um "eine plumpe Fälschung" handelt.

"Wir müssen uns schämen"

Totenstille im Zimmer, obwohl mittlerweile zehn, zwölf Personen anwesend sind. Nannen wird aus einem Flugzeug, das kurz vor dem Start nach Rom ist, herausgeholt. Es soll dort ein stern-Fest gegeben werden. Ich telefoniere mit Regierungssprecher Diether Stolze und bitte ihn, das am Vormittag Innenminister Zimmermann übermittelte Ergebnis nicht in der Bundespressekonferenz bekanntzugeben, da der stern als erster die Meldung von der Fälschung verbreiten will. Nannen formuliert die Meldung.

Dann erklärt Nannen den Versammelten: "Ich werde jetzt versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen – aber nur unter der Bedingung, daß ich das alleinige Sagen habe." Der Vorstandsvorsitzende Schulte-Hillen schweigt.

Die Suche nach Heidemann beginnt. Er ist zu "Recherchen" in München und Umgebung.

Ich setze eine Redaktionskonferenz auf 14.30 Uhr an und teile der Redaktion mit: Die Tagebücher sind Fälschungen." Ich antworte auf ein paar Fragen, bitte aber um Verständnis, daß ich erst die Rückkehr der Justitiare Hagen und Ruppert abwarten will.

Obwohl die Nachricht von den gefälschten Tagebüchern Titelmeldung aller Nachrichtensendungen ist, meldet sich Heidemann nicht.

Nannen gibt Hörfunk- und Fernseh-Interviews, in denen er einräumt, daß "wir uns vor unseren Lesern schämen müssen".

Im Laufe des Vormittags und des frühen Nachmittags mehrere Telefonate mit Koch. Er will abends zurück nach Hamburg fliegen.

Koch telefoniert auch mehrfach mit Schulte-Hillen und Nannen. Er erklärt Nannen, daß er als der für den politischen Bereich unmittelbar verantwortliche Chefredakteur zurücktreten werde. Nannen: "Nun kommen Sie erst mal zurück, dann werden wir weitersehen."

In einem Gespräch mit Pesch erfahre ich so nebenbei, daß Walde und er nahezu zwei Jahre lang mit dem Werk von Domarus gearbeitet, die "Tagebücher" damit verglichen hätten. Aus dem Domarus aber hat, wie der Leiter des Bundesarchivs in einer Pressekonferenz bekanntgibt, der Fälscher fast wörtlich abgeschrieben. Ich bin sprachlos, daß Walde und Pesch nicht bemerkt haben, daß einer vom anderen abgeschrieben haben muß.

Am Nachmittag des 6. Mai erfahre ich endlich von Koch, daß der Schriftsachverständige Kenneth Randell ebenfalls auf Fälschung erkannt hat.

6. Mai, 17 Uhr: überfüllter Konferenzraum. Schulte-Hillen, der den ganzen Tag über "deutliche Führungsschwäche" zeigt (Nannen), gibt beim ersten Murren ("Wir müssen stehen, und Sie sitzen") nach und ordnet den Umzug in die Kantine an.

Etwa zweistündige Befragung des Vorstandes und der Chefredaktion. Ein Redakteur fragt Nannen: "Hätten Sie, wenn Sie noch Chefredakteur gewesen wären, die ›Tagebuch‹-Veröffentlichung auch gemacht?" Nannen: "Ja, selbstverständlich."

19 Uhr: Die Suche nach Heidemann ist immer noch ergebnislos. Er meldet sich dann gegen 20 Uhr in der Nachrichtenredaktion und wird mit einem Kleinjet von München nach Hamburg gebracht.

Die Justitiare Ruppert und Hagen sind vom Bundesarchiv zurück und berichten über die Details der Fälschung. Gegen 23 Uhr trifft Heidemann ein. Im Büro von Schulte-Hillen sind außer ihm noch Nannen, Hensmann, Gillhausen, der Deutschland-Ressortleiter Michael Seufert und ich anwesend. Schulte-Hillen zu Heidemann: "Was sagen Sie dazu?" Heidemann: "Die Bücher sind echt." Ich: "Nun hören Sie auf und sagen Sie endlich, wo die Bücher herkommen."

Statt zu antworten, holt Heidemann ein Tonbandgerät aus seinem Aktenkoffer, stellt es auf den Tisch und knipst es an. Es ist angeblich ein mitgeschnittenes Telefongespräch, das er von München aus mit einem Vertrauten Martin Bormanns aus Karlsruhe mit dem Namen Klapper geführt haben will.

Fazit des etwa 20 Minuten dauernden Gesprächs: Bormann, derzeit in Südamerika, ist bereit, nach Deutschland zu kommen, um Heidemann mit "eindeutigem Material" herauszupauken. Heidemann mehrfach flehentlich in diesem Gespräch: "Ich brauche jetzt dringend eure Hilfe."

Schulte-Hillen fragt: "Mit was für einem Flugzeug reist denn Bormann?" Antwort des bemerkenswert gelassenen Heidemann: "Mit einem Lear-Jet." Heidemann wird über die geringe Reichweite eines Lear-Jets aufgeklärt.

Heidemann bittet Schulte-Hillen "um Aufschub über das Wochenende", dann werde er neues Beweismaterial für die Echtheit der "Tagebücher" herbeigeschafft haben; er hoffe dabei vor allem auf den im Westen lebenden Bruder des DDR-Generals, aus dessen Besitz die Tagebücher stammten. Der DDR-General sei zwar in Haft genommen worden, dennoch sei der Bruder in die DDR gefahren, um weiteres Material aus dem Fund, unter anderem die Originalpartitur der Meistersinger, herüberzuholen. Ich sage: Es widerspreche der Erfahrung, daß die DDR-Behörden den Bruder eines verhafteten Offiziers so ohne weiteres frei in der DDR herumreisen lassen.

Heidemann: "Er hat mich heute morgen aus West-Berlin angerufen und mir gesagt, daß er auf dem Weg in die Gegend von Dresden sei." Heidemann holt wieder ein Tonband aus seinem Koffer und spielt das Gespräch mit dem Mann in Berlin vor.

Nannen ist erschöpft eingeschlafen. Das Telefongespräch, ziemlich wirr, wird nicht mehr zu Ende abgespielt. Es ist mittlerweile ein Uhr morgens. Seufert, Walde und Thieme nehmen nun Heidemann in meinem Büro ins Gebet.

Heidemann ist unwillig. Er sei nicht bereit, durch Nennung von Namen Menschenleben in Gefahr zu bringen. Er erzählt wirklich zwei Stunden lang die alte Geschichte, wie er auf der Transitstrecke aus einem vorbeifahrenden Auto die ersten Bücher zugeworfen bekomme, wie er Geld in das Auto werfe. Keiner der Anwesenden glaubt ihm mehr.

Gegen fünf Uhr früh am Samstag, 7. Mai, rückt Heidemann mit dem Namen des Mannes heraus, der ihm die Tagebücher vermittelt hat: Konrad Fischer in Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart. Telefonisch zu erreichen unter der Nummer einer Frau Lieblang.

Der nach Bietigheim beorderte Leiter des Frankfurter stern-Büros braucht knappe drei Stunden, um herauszubekommen, daß Konrad Fischer in Wahrheit Konrad Kujau heißt und ein Militariahändler ist. Als der Kollege in Bietigheim am Haus von Kujau/Lieblang klingelt, muß er feststellen, daß das Paar nicht mehr da ist.

"Ich bin als Journalist erledigt"

Später wird zutage gefördert, daß Walde sowie mehrere Verantwortliche im Verlag den Namen Fischer frühzeitig gekannt haben. Ein unglaublicher Vorgang. Man stelle sich vor, einer von ihnen hätte im Verlauf eines der Gespräche, bei denen immer wieder, immer dringlicher und nervöser, nach dem "Tagebuch"-Lieferanten gefragt worden ist, auch nur eine Andeutung von diesem Wissen gemacht – die Dinge wären wohl anders verlaufen.

Samstag, 7. Mai: Um acht Uhr rufe ich Nannen an und unterrichte ihn über das Gespräch mit Heidemann. Nannen: "Ich glaube Heidemann kein Wort mehr, der hat uns reingelegt." Das ist auch mein Eindruck. Unterrichtung von Schulte-Hillen. Wir vereinbaren, uns um elf Uhr in Nannens Büro zu treffen. Ich bitte die Justitiare Hagen und Ruppert dazu.

Anwesend in Nannens Zimmer: Schulte-Hillen, Hensmann, Nannen, Hagen, Ruppert, Koch, Gillhausen und ich. Ich berichte über die nächtliche Unterhaltung mit Heidemann und über meine Vermutung, daß Heidemann in irgendeiner Weise mit der Fälschung zu tun hat. Ich sage: "Die DDR-Geschichte können wir vergessen, ich bin der Auffassung, daß wir einer Fälschung von alten Nazis aufgesessen sind und Heidemann irgendwie dazugehört."

Nannen wird aus dem Zimmer geholt. Als er zurückkommt, bringt er den stern-Reporter Günter Dahl mit, der von einem Anruf berichtet, den er von einem guten Kollegen der Bunten erhalten habe. Danach wird die Bunte in ihrer nächsten Ausgabe einen Brief von Heidemann an den in Lyon inhaftierten ehemaligen SS-Führer Barbie abdrucken, in dem sich Heidemann als Freund Barbies und als NS-Sympathisant zu erkennen gebe. Dahl, von Nannen bei dieser Gelegenheit nach der Stimmung in der Redaktion befragt, sagt mit wutverzerrter Stimme: "Die Redaktion will Köpfe rollen sehen. Schulte-Hillen, Hensmann, Koch und Schmidt sollen zurücktreten."

Schulte-Hillen spricht davon, daß nach außen hin sichtbar ein Opfer zu bringen sei: Die Chefredaktion solle zurücktreten, der Vorstand werde aber die Rücktrittsforderung nicht annehmen.

Die Justitiare werden gebeten, aus dem Zimmer zu gehen. Schulte-Hillen: "Wir wollen mal unter uns sein."

Koch macht Schulte-Hillen und Hensmann klar: "Wenn die Chefredaktion zurücktritt, dann tritt sie auch zurück für Sie, Herr Schulte-Hillen, der Sie die Gesamtverantwortung übernommen haben, und für Sie, Herr Hensmann, der Sie soviel an der Chefredaktion vorbei gemacht haben."

Nannen bezieht Stellung: "Ja, so muß man das wohl sehen."

Schulte-Hillen wird mehrfach ans Telefon geholt. Der Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn spricht mit ihm, der Gruner + Jahr-Aufsichtsrat und ZEIT- Herausgeber Gerd Bucerius spricht mit ihm. Danach wird die Stimmung unfreundlich. Schulte-Hillen ist ganz offensichtlich von seinen Gesprächspartnern dahingehend beraten worden, daß nur die Chefredaktion zurücktreten solle.

Es wird über die materiellen Bedingungen verhandelt. Schulte-Hillen macht ein nicht akzeptables Angebot. Der Ton wird jetzt rauer. Koch: "Sie müssen doch einfach einsehen, daß von mir keiner mehr ein Stück Brot nimmt. Ich bin als Journalist erledigt; ich kann doch jetzt Segellehrer werden. Ich bin ja zum Rücktritt bereit, aber nur unter materiellen Konditionen, die berücksichtigen, daß ich für Sie, Herr Schulte-Hillen, mitzurücktrete."

Gillhausen, Koch und ich beraten in meinem Zimmer. Es wird erstmals von allen dreien klar ausgesprochen, daß wir gemeinsam zurücktreten werden. Koch fühlt sich von der Geschäftsaufteilung her und auch wegen der von ihm unerhört gepuschten Präsentation der Hitler-Geschichte als der eigentlich Verantwortliche in der Chefredaktion.

Gillhausen und ich betonen, daß wir uns mitverantwortlich fühlen, da jeder von uns jederzeit eine Veto-Möglichkeit gehabt hätte. Für mich ist der Rücktritt auch ein Akt der Solidarität – Koch hat dies, wie er Tage später sagt, "als wohltuend" empfunden.

Es kommt – nicht ohne Poltern und Türenschlagen – zu einer finanziellen Regelung, die von Koch und mir akzeptiert wird. Gillhausen wird von dieser Regelung ausgenommen, da man nicht erkennen könne, daß er sonderlich in die Sache involviert sei. Gillhausen protestiert: "Ich bin involviert, wir haben alle Beschlüsse gemeinsam gefaßt, auch den, die ›Tagebücher‹ zu veröffentlichen."

Wenn er das so sehe, könne er ja kündigen, wird Gillhausen bedeutet. Einer der Justitiare über das wahre Motiv des Vorstands: "Einer muß doch da sein, der was von Bildern versteht, Gillhausen kann man doch nicht ziehen lassen." Als einziger von uns dreien bleibt Gillhausen im Amt.

Eine Meldung über den Rücktritt der stern-Chefredakteure Peter Koch und Felix Schmidt wird formuliert. Sie wird um 19 Uhr in heute und um 20 Uhr in der Tagesschau verlesen. Sie klingt in meinen Ohren wie eine Selbstauslöschung.