21. April. Koch und Walde haben eine lange Konferenz. Koch bittet mich und Gillhausen, danach zu Schulte-Hillen mitzukommen. Walde ist auch dabei. Koch ersucht Schulte-Hillen "dringlich", von Heidemann erneut den Namen des Mannes oder der Männer abzufordern, der oder die die Lieferanten der "Hitler-Tagebücher" seien. Koch: "Wenn Heidemann uns den Namen nicht nennen will, dann müssen wenigstens Sie ihn wissen. Einer muß ihn wissen. Am besten, Heidemann gibt eine eidesstattliche Versicherung ab, und die legen Sie dann in den Safe."

Schulte-Hillen will mit Heidemann reden. Tags darauf, am 22. April, berichtet Schulte-Hillen, daß Heidemann ihm den Namen nicht genannt, aber "beim Leben seiner Kinder" geschworen habe, daß die "Tagebücher" echt seien. Diskussion, ob man Heidemann nicht unter allergrößten Druck setzen müsse. Schulte-Hillen beendet die Diskussion mit der Bemerkung: "Ich übernehme jetzt die Gesamtverantwortung." Ein Wort. (...das Schulte-Hillen später bestritt. Vielmehr habe er zu Heidemann gesagt: "Mit Ihrer Weigerung laden Sie mir die Gesamtverantwortung auf." – Anm. d. Red.)

Abends kommt Heidemann mit der ehemaligen Fernseh-Moderatorin Barbara Dickmann, die seit kurzem beim stern arbeitet, in mein Büro. Ich versuche es auch noch mal. Ich gieße ihm fleißig ein. Vielleicht lockert das die Zunge. Heidemann: "Herr Schmidt, Sie wissen doch, daß Menschenleben in Gefahr geraten, wenn ich den Namen preisgebe. Ich habe mein Wort verpfändet, daß ich schweigen werde."

Die stern-Nachrichtenredaktion gibt eine Meldung heraus, daß der stern im Besitze bisher unbekannter geheimer Tagebücher Adolf Hitlers sei und mit deren Publizierung in der nächsten Ausgabe beginne. Mit Dieter Stolte, dem Intendanten des ZDF, vereinbare ich bereits am Donnerstag einen Termin für die Besichtigung des Stern TV- Films, der am Samstag, 23. April, in Mainz vorgeführt werden soll.

Koch und der Leiter der Nachrichtenredaktion setzen für Montag früh (25. April), den vorgezogenen Erscheinungstag des sterns, eine "Internationale Pressekonferenz" an. Am Sonntag, 24. April, abends, ist ein Treffen mit Trevor-Roper im Hamburger Hotel Atlantic vereinbart worden. Der Historiker läßt Schulte-Hillen, Koch und mich warten. Er will erst mit Heidemann allein sprechen. Heidemann wird herbeizitiert. Trevor-Roper will von ihm den Namen des "Tagebuch"-Lieferanten wissen. Er bekommt ihn nicht. Beim anschließenden Abendessen ohne Heidemann fragt Koch: "Was werden Sie denn morgen bei der Pressekonferenz sagen?" Trevor-Roper antwortet ausweichend. Wir müssen annehmen, daß er sein eindeutiges Echtheitszeugnis abschwächen wird – was er dann auch tut.

Koch, jetzt Herr der Lage, ordnet an, daß Originalbücher zur Pressekonferenz eingeflogen werden. Hensmann jettet am Montag früh nach Zürich.

Montag, 25. April: Pressekonferenz in der Kantine des Gruner + Jahr-Hauses. Danach drei Tage lang ein Auftrieb von Fernsehteams und Presseleuten, die von Koch und der Nachrichtenredaktion "bedient" werden; Walde und Heidemann werden bei Bedarf hinzugezogen.

Nach der Pressekonferenz informieren mich die zwei ZDF-Redakteure Hans Heiner Boelte und Guido Knopp, daß sie den Stern TV-Film mit einer anschließenden Diskussion bereits am Dienstagabend senden wollen. Vom stern nimmt Koch an der Live-Diskussion teil. Große Zweifel an der Echtheit der Bücher bei den Historikern. Trevor-Roper fällt um. Er sagt jetzt, auch er glaube, daß die Bücher nicht echt seien. Koch: "Sie sind echt, das werden wir Ihnen noch beweisen."

Am 27. April, vormittags, als Koch den Konferenzsaal des sterns ein wenig verspätet betritt, die aktuelle Themenkonferenz hat bereits begonnen, wird er mit lang anhaltendem Beifall begrüßt. Einer der Ressortleiter sagt: "Das haben Sie glänzend gemacht, wie Sie es den Historikern gegeben haben." Der Redakteur Lehmann schickt Koch eine Magnumflasche Champagner. Der Reporter Jaennecke schreibt dem Kollegen Heidemann eine Glückwunschkarte aus dem Urlaub.

Immer mehr Historiker melden Zweifel an. Nach Werner Maser, Eberhard Jäckel und David Irving behauptet nun auch Joachim Fest, die Kladden, aus denen der stern berichtet, seien vermutlich Fälschungen.

Am 27. oder 28. April erfahre ich per Zufall, daß einer der Justitiare von Gruner + Jahr drei Originalbände der "Hitler-Tagebücher" dem Bundesarchiv zur "schnellen Prüfung" übergeben hat. Die zweite Folge der Heß-Geschichte wird redaktionell abgeschlossen. Die "Echtheitsdiskussion" wird in der Öffentlichkeit mit Vehemenz betrieben. Heidemann "jagt" den noch fehlenden drei Bänden hinterher. Schulte-Hillen hat dafür wieder 300.000 DM lockergemacht.

Der Kultur-Ressortleiter des sterns kommt zu mir und fragt mich, wie ernst denn dieser Heidemann zu nehmen sei. Heidemann laufe durch die Redaktion und behaupte, Bormann lebe noch und er habe Kontakt zu ihm. Da seien doch Zweifel an der Echtheit der "Tagebücher" angebracht. Das scheint jetzt auch die vorherrschende Stimmung in der Redaktion zu sein.

29. April: Ein Verlagsjustitiar will aus einem Gespräch, das er mit einem Mitarbeiter des Bundesarchivs gehabt hat, eine "positive Tendenz" herausgehört haben.

Am Abend privates Essen mit Hensmann, dem Hamburger Richter Manfred Engelschall und Theo Sommer, dem Chefredakteur der ZEIT. Gesprächsthema ist natürlich die Hitler-Story. Sommer, ausgebildeter Historiker, meldet erhebliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente und Bedenken gegen die ihm unreflektiert erscheinende Präsentation an. Er fragt, was man sich jetzt wirklich fragen muß: "Warum wurde die ganze Geschichte denn so großsprecherisch verkauft? Warum hat die Redaktion nicht vorsichtiger formuliert, die Möglichkeit einer Fälschung nicht ganz und gar ausgeschlossen?" Fragen, die wir uns wirklich selbst und früher hätten stellen müssen. Mit einer Titelaufschrift, die eine Fälschung nicht ganz ausschließt, hätten wir den großen Skandal vermeiden können.

An diesem Abend wird mir klar: Wir hätten nur eine große Geschichte über den Fund und über die wichtigsten Fakten aus den "Tagebüchern" drucken dürfen und dann den Historikern die "Tagebücher" zur Überprüfung übergeben müssen.

Hensmann sagte bei dieser Diskussion am Abendessenstisch sinngemäß: "Sie werden es erleben, die Bücher sind echt." Kein Zweifel, er glaubt es. Ich bin sehr beunruhigt. Ich gestehe mir ein, daß in jeder Hinsicht zu wenige Fragezeichen gesetzt worden sind.

Am 29. April fliegt Koch in die USA, um, teilweise gemeinsam mit Rüdiger Heß, dem Sohn des in Spandau einsitzenden "Stellvertreters des Führers", seine PR-Aktivitäten dem Höhepunkt zuzutreiben. Bei einem Telefongespräch sage ich ihm: "Sie nehmen den Mund aber sehr voll, bei allen den Zweifeln, die aufgetaucht sind." Koch: "Wir müssen nach vorn durch."