Am 30. April bittet Schulte-Hillen zu einer Konferenz. Anwesend: Nannen, Hess, Hensmann, Gillhausen, Walde, Pesch, die Justitiare Hagen, Dr. Ruppert und Schäfer und ich. Bevor die Konferenz beginnt, gehe ich mit Schulte-Hillen in ein Nebenzimmer und erkläre ihm: "Sie müssen jetzt, wo die Echtheit der ›Tagebücher‹ immer stärker angezweifelt wird und die Glaubwürdigkeit des sterns auf dem Spiel steht, Heidemann in die Knie zwingen. Er muß den Namen des Lieferanten preisgeben. Sichern Sie ihm zu, daß ihm kein Nachteil entsteht, wenn sich herausstellen sollte, daß er Geld, das für den Erwerb der Bücher bestimmt war, ›abgezweigt‹ haben sollte."

Die Konferenz wird vom Justitiar Hagen bestimmt, der soeben vom Bundesarchiv zurückgekehrt ist. Er hat vertraulich und unter dem Vorbehalt des Irrtums erste Teilergebnisse der Prüfung mitgebracht. Bei der Untersuchung durch das Materialprüfungsamt in Berlin ist bei einem Buch ein Faden festgestellt worden, der eine Polyesterstruktur enthält. Polyester wird erst seit Ende des Krieges verwendet. Ferner sei bei der "historischen Prüfung" ein Fehler bei der Datierung eines Gesetzes zum Schutze der Landwirtschaft festgestellt worden. Der "Tagebuch"-Hitler will das Gesetz am 11. Januar 1933 unterschrieben haben, das Bundesarchiv aber belegt, daß das Gesetz am 19. Januar 1934 in Kraft trat.

Langer Disput zwischen Walde und Hagen darüber, daß das Bundesarchiv sich lediglich auf Sekundärquellen stützt. Hagen betont immer wieder, dies seien Teilergebnisse, noch nichts Verbindliches. Das Bundesamt will weitere Bände so schnell wie möglich analysieren. Die Bände sollen am nächsten Tag nach Koblenz gebracht werden. Außerdem wird Pesch beauftragt, zwölf Bände nach St. Gallen zu einem renommierten Institut zu bringen.

Angesichts dieser Situation reißt mir der Geduldsfaden – Heidemann sitzt mit uns am Tisch und tut so, als ginge ihn das alles nichts an. Ich sage sinngemäß: "Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Sie im Fernsehen verkünden, Sie hätten die Bücher nur zutage gebracht, die Prüfung obliege der Chefredaktion. Der Chefredaktion haben Sie sich ja lange Zeit entzogen. Sie haben ja die Verhandlungen, die zum Ankauf der Bücher führten, direkt mit dem Vorstand geführt. Ich fordere Sie jetzt auf, mit Schulte-Hillen vor die Tür zu gehen und ihm den Namen des Lieferanten zu sagen, sonst wird die Veröffentlichung abgebrochen."

Nannen unterstützt mich.

Schulte-Hillen springt vom Tisch auf und brüllt: "Ich will den Namen jetzt wissen, Herrgottsakrament! Herr Heidemann, kommen Sie mit."

Die Konferenz wird eine halbe Stunde später in Schulte-Hillens Zimmer fortgesetzt. Falls Heidemann ihm einen Namen genannt haben sollte, behält Schulte-Hillen ihn für sich. Hagen empfiehlt "einen geordneten Rückzug". Nannen: "Wir werden nicht abbrechen, sondern wir werden, wenn es schiefgeht, die Heß-Geschichte erzählen, ohne die Tagebücher als Dokument zu benutzen." Ich protestiere: "Wenn das Zeug falsch ist, hören wir sofort auf."

3. Mai: Walde ruft mich an und erzählt mir, daß seine Sekretärin von verschiedenen Redakteurinnen und Redakteuren wegen ihrer Mitarbeit an der "Hitler-Story" an den Pranger gestellt werde. Er bittet mich, in der Redaktionskonferenz etwas dazu zu sagen. Ich tue dies und löse eine lange Diskussion über die Aufbereitung der "Tagebuch"-Story aus: Die stern-Geschichte sei unkritisch und gebe undistanziert nazistisches Gedankengut wieder. Der Serien-Chef meldet sich zu Wort. Sinngemäß erklärt er: "Sie alle kennen ja nur eine Folge, nämlich die Geschichte des Fundes. Ich verbürge mich dafür, daß die weiteren Folgen im richtigen Kontext stehen."

Die Teilnahme von stern-Vertretern an einer Diskussion im Club 2 des österreichischen Fernsehens wird mit einem Fernschreiben, das Schulte-Hillen, Nannen und ich unterzeichnen, abgelehnt. Wir wollen in der brenzligen Situation jetzt keine Stellungnahme mehr abgeben.

Verschiedene Telefongespräche mit Koch in den USA.

Am 5. Mai abends deutscher Zeit hat Kenneth Randell, ein international renommierter Autographenhändler und Schriftsachverständiger, auf Bitten von Koch eine Schriftprobe anhand von "Tagebüchern" aus dem Jahre 1932 und 1945 auf der Grundlage unzweifelhafter Schriftzüge Hitlers gemacht. Ergebnis: die Tagebücher 1932 und 1945 sind Fälschungen. Koch gibt diesen Befund telefonisch an Schulte-Hillen weiter.

Weder Koch noch Schulte-Hillen informieren Gillhausen oder mich, den in dieser Woche geschäftsführenden Chefredakteur. Wir beide arbeiten bis nachts um drei Uhr an der dritten "Tagebuch"-Folge, die druckfertig gemacht wird.

Gillhausen und ich erklären später, daß wir bei diesem Kenntnisstand mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer lapidaren Meldung die Möglichkeit einer Fälschung bekanntgegeben hätten.

Telefonat mit Hagen. Es sieht wieder besser aus beim Bundesarchiv – auf keinen Fall wird das Archiv vor Ende nächster Woche irgendwelche Ergebnisse bekanntgeben. Die Herren seien sehr diskret und entgegenkommend.

6. Mai: In der Elf-Uhr-Konferenz wieder Diskussion über die "Tagebuch"-Veröffentlichungen. Ich sage, daß wir nun alle unsere Mutmaßungen zurückstellen sollten, bis Hagen die Ergebnisse der Prüfung vom Bundesarchiv habe; was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ist, daß die Justitiare Hagen und Ruppert in aller Frühe nach Koblenz zum Bundesarchiv beordert worden sind.

Gegen Mittag werde ich dringlich zu Hensmann gerufen. Als ich ins Zimmer trete, höre ich Hagens Stimme über den Telefonverstärker. Er zählt all die Punkte auf, die das Bundesarchiv zum Ergebnis haben kommen lassen, daß es sich bei den sogenannten Hitler-Tagebüchern um "eine plumpe Fälschung" handelt.