Michael Heendorf

Damit die Partei auf ihrem Weg zur Bundestagswahl formal alles richtig macht, hat Heendorf sich mit einem Rechtsanwalt zusammengesetzt und eine To-do-Liste erstellt: Handreichung Version 1.0 – Partei Alternative für Deutschland. Neun Seiten Regelwerk, wie man eine Partei gründet, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen: "Ausweiskontrolle durch Personalausweis aller Teilnehmer (...) Niemals jemanden unterbrechen, es sei denn, bei absolut grobem Unfug (...) Alle Unterlagen einreichen, da dann die Landeswahlleiter drüberschauen können und auf tödliche Fehler hinweisen können."

Die Frage, wie man eine Partei gründet, stellen sich die Parteigründer jeden Tag. Sie sind Anfänger. Neulinge. Sie haben ein Leben außerhalb der Politik. Bernd Lucke, der Wirtschaftsprofessor, ist von der Uni für ein Semester beurlaubt worden, er hat jetzt mehr Zeit für Politik als sonst. Aber was, wenn sein Urlaubssemester endet? Fragt man Mitglieder, warum sie der Partei beigetreten seien, sagen einige, sie seien einfach neugierig. Verläuft der Parteitag chaotisch, könnten sie am Montag danach schon wieder ausgetreten sein.

Von Union und FDP offiziell ignoriert

Trotzdem ist die Alternative für Deutschland die erste Protestpartei, die man in Berlin ernst nimmt. Offiziell wird sie von Union und FDP ignoriert. Aber im kleinen Kreis geben bürgerliche Politiker zu, dass sie die neue Partei fürchten. "Das ist Fleisch von unserem Fleische", sagen sie. Die Parteimitglieder seien keine Spinner oder Sektierer, sondern Menschen mit bürgerlichen Berufen. Und wenn die Euro-Skeptiker bei der Wahl nur ein bis zwei Prozent der Stimmen holten – dann könnten das genau jene Prozentpunkte sein, die Merkel am Ende fehlten.

Der Mann, der es mit der Kanzlerin aufnehmen will, wurde vor 48 Jahren in Magdeburg geboren. Aufgewachsen in der DDR, vernachlässigt von den Eltern, so erzählt er seine Geschichte, wollte Michael Heendorf schon als Kind Polizist werden. Mit 21 Jahren bekam er den Dienstausweis der Volkspolizei. Vier Jahre später wurde ein Familienmitglied bei der Flucht aus der DDR festgenommen. Heendorf sollte sich von ihm distanzieren und weigerte sich. Er bekam Berufsverbot. Wurde Tellerwäscher. Dann kam die Wende, er konnte wieder als Polizist arbeiten – bis er erkrankte und vor zehn Jahren in Frührente ging. Fragt man ihn heute nach seinem Beruf, sagt er noch immer: "Kriminalbeamter". Er vermisst seinen alten Job.

Heendorf suchte sich ein neues Feld, in dem er für Ordnung sorgen konnte: die Politik. Er begann als Mitglied bei der PDS, blieb ein Jahr lang, wechselte zur CDU, blieb sieben Jahre lang. "Ich bin nicht links, nicht rechts, nicht Mitte", sagt er. "Ich bin ein Mensch mit Brüchen." Der letzte Bruch liegt sechs Monate zurück, er arbeitete damals für die CDU in Magdeburg. Ihm gefiel nicht, wie die Kanzlerin regierte. Er beteiligte sich an der Sammelklage gegen den Euro-Rettungsschirm. Bei einer öffentlichen Veranstaltung der CDU wollte er über seinen Frust sprechen. Aber vor der Veranstaltung sei er von Parteimitgliedern gebeten worden, sich nicht kritisch zu äußern. Die Presse sei da, er solle sich benehmen. Heendorf sagt, er habe sich gefühlt wie damals in der DDR. Er wurde zornig auf die CDU, auf Merkel, und setzte sich ein Ziel: "Ich will Mutti auf die Füße treten."

Die EU sei ein Elitenprojekt

Er wühlte sich durchs Internet, stieß auf die Website der "Wahlalternative 2013", einer Gruppe von Wirtschaftsprofessoren und Publizisten, die den Euro kritisierten. Im Oktober kamen sie zusammen: Die Gruppe um Lucke und Gauland sollte die Inhalte liefern – und Heendorf die organisatorische Arbeit machen.

Es war der Moment, als er sich in seine E-Klasse setzte, um durch Deutschland zu fahren.

Vor dem Bürgerhaus in Gießen-Wieseck parken an diesem Abend dunkle SUV und schwere BMW. Frauen in Pelzmänteln steigen aus den Autos und Männer in Jacketts. 200 Gäste sind zur Infoveranstaltung der "Alternative" gekommen, viele von ihnen ehemalige CDU-Mitglieder. Auf der Bühne beklagen die Redner, dass die EU ein Elitenprojekt sei. Dass die Regierung den Bürger entmündige. Dass die großen Parteien das öffentlich-rechtliche Fernsehen beherrschten und das Bundesverfassungsgericht. "Der Euro zerstört Europa! Zypern ist nur der Testballon! Uns allen wird es bald so gehen!" Es gibt Applaus. Auf den Stehtischen hinten im Saal liegen Preislisten: Apfelschorle 2,50. Jägerschnitzel 9,90. Mit einem Kugelschreiber hat jemand "DM" hinter die Preise geschrieben.

Gerade mal drei DIN-A4-Seiten umfasst das Programm der neuen Partei. Sie fordert "die geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes", ein "sofortiges Verbot des Ankaufs von Schrottpapieren durch die Europäische Zentralbank" sowie "die Bezüge der Brüsseler Beamten auf Normalmaß zurückzuführen". Reicht das, um bei der Bundestagswahl erfolgreich zu sein? Kommt darauf an, was man unter Erfolg versteht: Schaffen es Heendorf und seine Leute, sich von Rechtsextremen und dumpfen Nationalisten abzugrenzen, könnten sie Merkel womöglich den Wahlsieg kosten. Aber der Preis wäre eine rot-grüne Regierung – und damit auch keine wesentlich andere Euro-Politik als bisher.

Am späten Abend in Gießen, nach den Rednern und den Wortmeldungen aus dem Publikum, steht Heendorf vor der Tür und raucht, um ihn eine Traube Menschen. "Machen Sie’s!", predigt er. "Übernehmen Sie Aufgaben!" Heendorf benutzt gerne Wörter wie: Machen. Menschen. Motivieren. Immer länger wird die Asche an seiner Zigarette. Dann verabschiedet er sich.

Sein Zigarettenkonsum ist in den letzten Monaten gestiegen, eine Marlboro-Big-Box am Tag. Er hat abgenommen, sechs Kilo, die Ringe um die Augen wollen nicht mehr verschwinden. Michael Heendorf setzt sich in seinen Mercedes, die Anzeige leuchtet: "Störung vorhanden". Das Fahrwerk. Seine E-Klasse – er hat sie kaputtgefahren für die Partei.

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