Jenseits von Sansibar

Mit unseren Ohren können wir hören. Dieses Album lässt sie auch sehen. Moshi Too collagiert Mitschnitte einer Reise des französischen Saxofonisten Barney Wilen und seiner Frau Caroline de Bendern. Ihr Auftrag: nach Sansibar fahren und einen Kinofilm drehen. Dort kommen sie nicht an, und aus dem Film wird nichts. Statt dessen lassen sie sich durch Afrika treiben. Staunend halten sie ihr Mikrofon in die Luft, als in Agadez im Staat Niger hypnotische Gesänge ertönen. In Mali improvisieren sie lockeren Jazzrock mit Einheimischen. Zwischen Fusion und Dokumentation entsteht Aussteiger-Jazz, reich an Spaß und Erkenntnis. Wenn der Klang des Saxofons wie Nebel über den Tälern liegt, entstehen innige Momente. Der Umweg ist das Ziel. Dazu passt, dass diese Aufnahmen von 1969/70 erst jetzt veröffentlicht werden, ein Hörfilm, 17 Jahre nach Barney Wilens Tod. Sebastian Reier

Barney Wilen/Caroline de Bendern: Moshi Too
(Doppel-LP & CD, Sonorama Records/Groove Attack)

Am Firmament

Alles fließt: Davon träumt Gilad Hekselmans Gitarre. Weite Bögen, balladeske Dreivierteltakte, als drohte sie unter Jazzrockhimmeln zu verglühen. Ornamentfrei leuchten ihre Phrasen, jeder Ton glitzert. Nur selten strömt sie sanft angezerrt aus dem Verstärker. Der Bassist Joe Martin legt den erdigen Grund, der Schlagzeuger Marcus Gilmore schürt das Feuer, und Mark Turner als Gastsaxofonist veredelt den Klang des Trios mit betörend schlankem Tenorstrahl. This Just In ist Hekselmans viertes und bisher bestes Album unter eigenem Namen. In acht Kompositionen lebt er seine mitreißende Musikalität aus. Dazwischen gestreut finden sich frei improvisierte Kurzdialoge mit dem Schlagzeug. Mühelos führen Hekselmans Linien in Akkordgeflechte hinein und wieder heraus: Unter den Gitarristen seiner Generation ist dieser 30-jährige Israeli aus New York momentan ohne Konkurrenz. Gregor Dotzauer

Gilad Hekselman: This Just In
(JazzVillage/Harmonia Mundi)

Weggehenwollen

Der Salten Sea liegt in der kalifornischen Wüste. Eine überdüngte Salzbrühe, gefährlich für die Tiere. Und für die Menschen, die hier "gestrandet" sind. Die Leute von Bombay Beach sind arm. Manche wissen nicht, ob sie morgen etwas zu essen haben (oder einen guten Schluck Whisky); aber es gibt auch Videospiele und Ritalin für den Jungen mit den Zornausbrüchen. Leicht wären alle Klischees vom "white trash" erfüllt. Aber die vor allem durch ihre Musik-Clips bekannt gewordene Dokumentarfilmerin Alma Har’el erzählt Menschen-Geschichten: die vom alten Mann, der dem Tod sehr nahe kommt und überlebt. Die von der Mutter, die ihrer Tochter gesteht, dass sie erst 15 war, als sie sie bekam. Die Geschichte einer jungen Liebe, die am Weggehenwollen und Dableibenmüssen zerbricht. Und im letzten Drittel werden auch einige kleine Träume erfüllt, was den Film in ein beinahe surreales Schweben versetzt. Georg Seeßlen

Alma Har’el: Bombay Beach
(rapid eye movies/al!ive)

Gute schlechte Gags

Er drehte mit Godard, Truffaut, Melville, Chabrol, Malle, Verneuil, Resnais. Und ja, er war einer der prägenden Darsteller der Nouvelle Vague. Aber liebt man Jean-Paul Belmondo nicht auch für einige mittelschreckliche, hemmungslos alberne Filme, die dann folgten? Für Claude Zidis Ein irrer Typ zum Beispiel. Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag (am 9. April) kommt nun dieser Film heraus, in dem Belmondo, der Freund schneller Autos, einen unfähigen Stuntman namens Michel Gaucher spielt, der schließlich im Gorillakostüm im Supermarkt für Spaghetti wirbt. Als der eitle Kinostar Bruno Ferrari (Belmondo in einer Doppelrolle) in Frankreich einen Film drehen will, kommt Michels großer Auftritt. Die Kunst des guten schlechten Gags läuft zur Hochform auf in dieser fast schon psychedelisch durchgeknallten Siebziger-Jahre-Komödie. Mit Mini-Auftritten von Claude Chabrol, Jane Birkin und Johnny Halliday! Anke Leweke

Claude Zidi: Ein irrer Typ
(studiocanal)