Gleich mit fünf Ministern reist der indische Regierungschef Manmohan Singh diese Woche nach Berlin. Zum ersten Mal finden auf deutschem Boden die deutsch-indischen Regierungskonsultationen statt. Mit keinem anderen Land unterhält Indien einen ähnlich regelmäßigen Austausch unter Ministern und Regierungschefs.

Und doch: Die Freundschaft zwischen den Ländern ist merkwürdig langweilig. Seit dem ersten Treffen der Ministerriegen beider Länder in Delhi sind zwei Jahre ins Land gegangen – ein sicheres Zeichen dafür, dass beide Seiten dieses Arbeitsverhältnis nicht gerade als oberste Priorität sehen. Es fehlt an allem: an Projekten, Ambitionen, Visionen. Stattdessen wird man sich gernhaben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Singh verbindet eine gewisse Gründlichkeit in der Art und Weise, wie sie an politische Fragen herangehen. Zwischen den beiden hat sich eine auf vielen Gipfeln getestete Solidarität studierter Wissenschaftler entwickelt. Sie haben beide zwei Amtszeiten nahezu hinter sich und kämpfen um ihre Wiederwahl.

Doch was sie nicht verbindet, sind gemeinsame Pläne und Vorhaben. Warum auch?

Deutschland und Indien weisen ein vergleichsweise geringes Handelsvolumen von rund 20 Milliarden Euro auf. Selbst die namhaftesten deutschen Unternehmen unterhalten in Indien eher bescheidene Vertretungen. Atomkraftwerke und Kampfflugzeuge liefert Deutschland anders als Frankreich nicht. Auf Entwicklungshilfe aber verzichtet Indien lieber von sich aus. Um sie anzunehmen, ist das große Land einfach zu stolz. Auch an dem Indien-Boom der vergangenen Jahre hat Deutschland aus diesen Gründen kaum teilgenommen.

Nun aber ist es ohnehin zu spät. Denn die Party ist aus.

Singh ist ein Ökonom. Was er sagt, hat immer Hand und Fuß. Gerade deshalb wird im Ausland oft unterschätzt, vor welchem Scherbenhaufen er zu Hause steht. Vom einstmals schnellen Wirtschaftswachstum sind fünf Prozent übrig geblieben – hoch für westliche Verhältnisse, doch für Indien die geringste Rate seit zehn Jahren. Zu niedrig, um dem noch immer weitgehend industriefreien Land einen neuen Schub zu verleihen.

Den aber bräuchte es dringend. Denn schon seit zehn Jahren schafft das Wachstum keine neuen Arbeitsplätze mehr. Das ist schlimm, weil jedes Jahr rund zehn Millionen junge Kräfte auf den Arbeitsmarkt drängen und viel weniger Senioren in den Ruhestand streben. Früher glaubten die jungen Arbeiter allesamt an den Boom, sie gingen mit Hoffnung zu Werke. Doch inzwischen ist klar: Niemand wartet auf sie.

Das drückt auf die Stimmung im Land. In einer regelmäßigen Gallup-Umfrage sahen im Jahr 2008 noch 46 Prozent der befragten Inder die Wirtschaftslage in ihrem Land positiv, heute sind es nur noch 36 Prozent.