Moderne Gaskraftwerke werden stillgelegt, alte Kohlemeiler laufen wie der Teufel. Der Preis für Strom ab Kraftwerk sackt ins Bodenlose, die Endverbraucherpreise explodieren. Deutschland exportiert immer mehr Strom, bekommt dafür aber immer weniger Geld. Die Energiewende ist nunmehr im Stadium der Paradoxien angekommen. Die Politik sucht hektisch und populistisch nach Antworten, der Bundesumweltminister bastelt an einer Strompreisbremse und an Kraftwerksprämien, der Bundeswirtschaftsminister bürdet den Stromkunden eine neue Haftungsumlage für Offshore-Windparks auf und verordnet das Vorhalten von Reservekraftwerken. Auf jedem Kongress zur Energiewende wird ein "neues Marktdesign" gesucht und beschworen, aber nicht gefunden.

Auf der anderen Seite des großen Teiches findet gleichzeitig eine Energiewende anderer Art statt: Die Kilowattstunde Erdgas wird in Nordamerika mittlerweile zu etwa einem Drittel des in Mitteleuropa geforderten Preises geliefert. Der Hauptgrund für den Preisrutsch ist die Entwicklung der Technik zur Förderung unkonventioneller Reserven, kurz "Fracking". Während die CSU in Bayern diese Technik verbieten möchte, sind die Vereinigten Staaten auf dem besten Weg, sich damit bis Ende des Jahrzehnts weitgehend unabhängig von Öl- und Gasimporten zu machen.

Die deutsche und die amerikanische Energiewende haben wenig gemeinsam außer weitgehend unerwarteten Konsequenzen. In Deutschland sind 2012 die Kohlendioxid-Emissionen erstmals seit vielen Jahren wieder angestiegen, in den USA sind die CO2-Emissionen in den letzten fünf Jahren um rund zehn Prozent gesunken. In Deutschland wurde relativ klimafreundliches Erdgas wegen des Verfalls der Börsenstrompreise durch günstigere, aber klimaschädliche Braunkohle ersetzt. In den USA hat der Preisverfall für Erdgas aus Fracking genau umgekehrt die Kohlekraftwerke unrentabel gemacht und zu einem Anstieg der Erdgasverstromung geführt.

Nun ist es alles andere als sicher, dass der Boom von Gas und Öl aus Schiefergesteinen in den USA lange anhält. Sollte die Erschließung unkonventioneller Reserven in Nordamerika aber für ein oder zwei Jahrzehnte billige Energie für die dortige Industrie bereitstellen, hätte dies auch massive Auswirkungen auf die deutsche Energiewende. Denn just für die kommenden zwei Jahrzehnte werden die Preise für Energie durch die Energiewende ansteigen. Energieintensive Industrien könnten bei einem so lange wirksamen Preisunterschied in die USA abwandern.

Ein Energiemarktdesign, das die vielen Paradoxien der Energiewende auflöst, verlässliche Investitionsbedingungen schafft, den Klimaschutz zum Erfolg führt und die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Industrie sichert, ist also dringend erforderlich. Umso erstaunlicher ist es, dass die auf der Hand liegende Lösung hierzulande kaum Aufmerksamkeit findet, während mediale Inszenierungen nach Art der Strompreisbremse breit diskutiert werden – und das, obwohl eine wichtige Entscheidung unmittelbar bevorsteht.

Es geht um den europäischen Handel mit Emissionsrechten. Der steht kurz vor dem Zusammenbruch. Es sind so viele Zertifikate auf dem Markt, dass der Preis gegen null tendiert. Der Umweltausschuss des Europaparlaments hat sich für eine Verknappung der Zertifikate ausgesprochen, um die Preisbildung zu stützen. Der Wirtschaftsausschuss hat dagegen votiert, und der deutsche Bundeswirtschaftsminister arbeitet kräftig daran, dass sich diese Haltung durchsetzt, wenn das Gesamtparlament demnächst entscheidet. Bleibt es beim heutigen Preis, ist das Handelssystem tot. Würde dagegen das Überangebot an Zertifikaten aus dem Markt genommen, könnte das System die Grundlage eines neuen Energiemarktdesigns werden.

Allerdings müssten weitere harte Maßnahmen folgen. Damit sich neue Erdgaskraftwerke wieder rechnen und Kohlekraftwerke aus dem Markt gehen, müsste nach heutigem Stand der Preis pro Tonne CO2 auf mindestens 35 Euro steigen. Erst damit wären die Probleme der Versorgungssicherheit der Energiewende und ihrer Klimawirkung auf einen Schlag gelöst. Nur dann entstünde auch ein sehr starker Anreiz, klimaschonende Technologien quer durch die gesamte Wirtschaft einzusetzen.