Mark Zuckerberg kann kein Deutsch. Wenn der Big Boss von Facebook aber Deutsch könnte, würde er seine neueste Anwendung "Facebook Home" wohl "Heimat Facebook" nennen. Denn das, was er auf dem Smartphone schaffen will, ist das, was wir mit "Heimat" meinen.

Facebook startet gerade den Angriff auf den Markt der mobilen Endgeräte: Mit einer neuen Anwendung für das Betriebssystem Android kapert es den gesamten Startbildschirm. Alle anderen Apps, die das Smartphone bevölkern, werden beiseitegeschoben und durch den nie endenden Fluss von Bildern, Kommentaren und Likes der Freunde ersetzt. Aus dem Smartphone werde so ein "social phone", sagte Zuckerberg bei seiner Präsentationsshow in der vergangenen Woche. Der Startbildschirm sei die Seele des Telefons. Da sollten doch Menschen im Mittelpunkt stehen und keine Apps.

Zuckerberg will Heimatgefühle bei den Nutzern wecken: Facebook als kuscheliger Rückzugshort, der allzeit "on" ist, der ihnen zeigt, was ihre Freunde bewegt, der ihr Soziales Netz visualisiert und repräsentiert. Zuckerberg vollendet damit – 50 Jahre nach der Erfindung des Begriffs durch Marshall McLuhan – den Gedanken des Global Village. Die Facebook-Gemeinde wird zum modernen Dorf, dessen Bewohner um einen herum leben. Die Freunde wohnen irgendwo auf der Welt, aber durch das Smartphone, auf dem Facebook zwar wegwischbar, aber nicht auszustellen sein wird, sind sie immer da. Wie im echten Dorf. Mit dem Vorteil, dass jeder sich seine Dorfgemeinschaft selbst aussuchen kann.

Ein genialer Schachzug! Facebook, das nur so gigantisch groß werden konnte, weil es dem Vernetzungsdrang der Menschen eine Form gab, wird zum Forum vollendeter Präsenz. Ohne dass der Nutzer etwas dazu tun muss, ohne Extraklick oder Extrawisch. Diejenigen, die schon immer Bedenken gegen Facebook hatten, werden jetzt noch mehr zetern. Aber was stört das Herrn Zuckerberg, wenn all die Facebook-Fans die neue "Heimat Facebook" hinnehmen, wie sie schon die Timeline hingenommen haben, die sie mittlerweile sogar gerne nutzen?

Der Plan könnte aufgehen. Er könnte aber auch grandios scheitern, weil Zuckerberg eine anthropologische Prämisse nicht bedenkt: Heimat, die er kreieren will, ist schließlich nicht nur in der Gemeinschaft zu finden. Heimat ist gerade auch da, wo Einkehr und Rückzug gegenüber dem "Man" möglich ist, gegenüber dem ewigen Gerede der Öffentlichkeit, wie es Heidegger beschrieb. Facebook selbst aber ist genau dieses "Man", diese ewige Plauderei. Die Begriffe kehren sich um. Und die Facebook-Nutzer müssen reagieren wie in einem echten Dorf: Entweder sie tauchen weiter ein in die Gemeinschaft. Oder sie schmeißen das Smartphone weg und rennen in den Wald. Vielleicht ja mit einem Heidegger-Buch unter dem Arm.