Wenn man seinen Arm aus Herrn Walters Schlafzimmerfenster streckt, dringt man in den Luftraum vom Airport ein, müsste ja theoretisch so sein. Das Haus grenzt direkt mit der Giebelseite ans Flughafengelände. Die Letzten an der Rollbahn: Vater Walter, 80, guckt aus der Dachluke, Sohn Walter, 50, steht am Gartenzaun. Vater Walter ist noch nie geflogen. Sohn Walter: "Die Leute, die immer gegen den neuen Flughafen demonstrieren, sind doch die Ersten, die mit easyJet nach Mallorca fliegen. Nun haben wir neben dem Flughafen eben noch einen." Der eine ist der alte DDR-Flughafen Schönefeld, der andere das Wahnsinnsprojekt, über das alle Welt spricht.

Das Haus von Vater Walter steht hier schon seit Generationen. Luft, die nach Kerosin riecht, das kennen sie schon. Nur haben früher keine fremden Leute in den Garten gepinkelt, und "dass die Tomaten schwarz sind, das war früher nicht so, wächst ja nix mehr, Petersilie nicht, Schnittlauch nicht. Kartoffeln schon noch, aber die wachsen ja auch unter der Erde." Die Walters reden viel von früher. Hinter dem Haus bläst ein Passagierflugzeug eine große, blaue Wolke in die Luft. Vater Walter hätte gerne Schallschutzfenster, aber das sei so ein Hickhack.

Schönefeld. Alle haben damit gerechnet, dass der neue Flughafen eröffnet wird. Eine Gemeinde, gefangen im Zeitloch. Gegenüber, vor dem Haus der Walters, steht eine Art Kirmeswagen mit niederländischem Kennzeichen. Sohn Walter: "Das ärgert uns, ein Jahr steht der schon hier. Wenn der vor dem neuen Rathaus stünde, hätten sie ihn schon längst weggeschafft." Vater Walter: "Von überall her parken nun Autos vor unserem Haus, deshalb haben wir jetzt das Vogelhäuschen auf den Bürgersteig gestellt, da legen wir auch immer so ein bisschen was rein, Körner." Seit Schönefeld von Grund auf umgekrempelt wird, fühlen sich die Walters in ihrer alten Umgebung zunehmend fremd. Neue Bürohäuser, Fassaden mit viel Glas, Geschäfte, Straßen, Gewerbegebiete. Und was machen eigentlich die grünen Riesenstühle auf dem Feld? Sohn Walter: "Die wollten für den Flughafen sogar mal den Friedhof umsetzen, nicht mal vor den Toten schrecken die zurück. Immerhin haben wir nun einen neuen Aldi."

Vor dem neuen Flughafenterminal, auf dem Acker, stehen fünfzehn Schwäne. Die meisten sind weiß, ein paar grau. Daneben, ein paar Meter entfernt, fünf Rehe, zwei liegen, drei stehen. In der Entfernung die roten Lichter des Flughafens, der Terminal, grau. Schmelzender Schnee, matschiger Acker. Brandenburg. Wir fahren aus dem Dorfkern Schönefelds ins neue Schönefeld. Sohn Walter sagte: "Im E.on-edis-Rathaus, im E.on-Gebäude, gibt es eine Chronik über Schönefeld, da kann jeder rein. Also, ich sach ›Rathaus‹, aber ehrlich, unter ›Rathaus‹ stelle ich mir eigentlich was ganz anderes vor." Das neue Rathaus ist ein großes, rechteckiges, weißes Gebäude mit viel Dämmung. Auf der einen Seite steht rechts oben "E.on edis", daneben hat nun die Gemeinde Schönefeld ihr Wappen aufgehängt. E.on edis, der Energiekonzern, baute das Rathaus als Investor.

Im Archiv des Rathauses sitzt eine Frau in einem kleinen Zimmer. "Guten Tag, dürfte ich ins Archiv, ist es öffentlich?" – "Ja, was wollen Sie denn?" – "Ich bin Journalist und interessiere mich für Schönefeld." – "Ja, für die Bürger ist das öffentlich, aber Sie als Journalist müssen sich anmelden." – "Ich bin doch aber auch ein Bürger." – "Was wollen Sie denn hier sehen?" – "Was haben Sie denn?" – "Na, alles." – "Chroniken?" Die Frau vom Archiv wendet sich an irgendeine Leiterin. Die sagt auch, dass sich Journalisten anmelden müssten. "Waren Sie denn schon bei Herrn Haase?" – "Wer ist Herr Haase?" – "Der Bürgermeister." – "Aber ich will doch nur Chroniken lesen."

Die Leiterin sagt nach einer Weile, man könne Chroniken kaufen, zehn Euro. Oder sie hier lesen, im Saal 001 des Rathauses. An den Wänden Fotos von 1912, Flugpioniere. Die Unterlagen aus dem Archiv: Vandalismus am Schönefelder Bauernsee, rausgerissene Tore, beschädigte Zäune... erschreckender Zustand... BER, das Kürzel für den neuen Airport, BBI – Berlin Brandenburg International. Brandenburg flog raus. Aus dem Dorf Diepensee wurde der Tower des Flughafens, mit Blinklichtern auf dem Dach. Leute aus dem Dorf haben eine alte Mauer ihres Friedhofes abtragen lassen und sie irgendwo in der neuen Retortensiedlung wieder aufgebaut... Angelverein, Folkloretanzgruppe, Luftfahrtclub, Jugendfreizeittreff, Verein für Garten und Siedlerfreunde, CVJM, freiwillige Feuerwehr.

Mittagszeit, hier gibt es kein Restaurant. Essen wird geliefert, in Aluboxen. Die Angestellten ziehen die Folie ab, essen. Frauen am Nachbartisch flüstern. Der Mann vom Lieferservice sagt, er habe so ein lösliches Pulver mitgebracht, Kaffeepulver, Cappuccino oder so was in der Art.

Wir wollen weiter, den Flughafen und seinen grünen Maschendrahtzaun umrunden. Der liegt inmitten der Gemeinde Schönefeld mit den Dörfern Kiekebusch, Selchow, Großziethen, Waßmannsdorf, Waltersdorf, Rotberg.

Im Ortsteil Selchow findet Ewald Selent, er sitze hier ziemlich zwischen den Fronten. Er ist ein 70-Jähriger mit Stoppelbart und Zopf, an diesem Tag trägt er Jogginghose. Ewald Selent hackt Holz, neben ihm steht sein alter, rostiger Traktor, ein Zetor 5211. Sein kleines Gehöft wurde von allen Seiten einbetoniert. Nun grenzt es auf der einen Seite direkt an die Landebahn, auf der anderen Seite ist die Umgehungsstraße, dahinter eine riesige Halle von Air Berlin, die Kessel für die Enteisungsanlage, eine Tankstelle. Vor dem Haus liegt ein sehr großer Parkplatz für das neue Messegelände, schräg gegenüber ein Schrottplatz. Früher führte die Straße über die Felder ins Nachbardorf, heute endet sie nach ein paar Metern am Zaun. Die Häuser der Nachbarn wurden für den neuen Flughafen abgerissen, an Selents Häuschen stoppten sie.