"Deutschland ohne Sturmspitze?", so lautet derzeit eine der entscheidenden Fragen, gleichgültig, ob man mit Taxifahrern, Wissenschaftlern, Kulturschaffenden oder politischen Redakteuren spricht. Zufällig wird Europa von der Zypernkrise erschüttert – aber die wirklichen Probleme, welche die deutsche Nation in ihrem Inneren bewegen, betreffen Kasachstan und die sechs Punkte, die bei Hin- und Rückspiel in der WM-Qualifikation errungen werden sollen.

In Europas Süden wird Angela Merkel mit Hitler verglichen – welch ein Blödsinn! Deutsche wollen schon lange, dass nicht Deutschland gefürchtet wird, sondern die deutsche Fußballnationalmannschaft. Seitdem immer mehr Spieler mit nicht-deutscher Herkunft entdeckt, aktiv gefördert und in "unsere" Mannschaft aufgenommen werden, ist der deutsche Fußball deutlich größer als das deutsche Volk. Von dem Wunsch nach fußballerischer Größe werden alle Zäune gegenüber Türken, Muslimen, Polen, schwarzer Hautfarbe, französischsprachigen Deutschen weggekickt.

Wird im Fußball geheilt, was sonst in der Bundesrepublik als problematisch, ja gefährlich angesehen wird? Fußballarenen scheinen wie große Kessel zu sein, in denen das völkische Gift aus dem Alltag ausgekocht wird, welches das Leben in Deutschland oft schwer genießbar macht. Bücher werden besonders gerne gekauft, wenn sie einen Titel wie Deutschland schafft sich ab tragen – wo doch Mesut Özil für Deutschland Tore heranschafft.

Intuitive Verbindungen zum Fußball sind schnell hergestellt. Im Jahr 2006 sprach die Kanzlerin davon, Deutschland sei ein "Auslaufmodell". Kaum hatte sie es ausgesprochen, da begann mit dem WM-Turnier in deutschen Stadien das "Sommermärchen", und in der deutschen Kanzlerin erblühte die Liebe zum Fußball. Als sie auf der Ehrentribüne vor Freude in die Hände patschte, war alles vergessen. Wenn man Deutschland, wie der Autor Thomas Wieczorek, für "abgewirtschaftet" hält, erwächst das Rettende offensichtlich im Fußball: Je mehr sich die Deutschen der Rhetorik der Medien anvertrauen und sich unter Angst und Pessimismus krümmen, desto ergiebiger ist der Quell von Stolz, Freude und Leidenschaft, der dem Fußball entspringt.

Welchen anderen Halt hätten die Deutschen denn sonst gegen ihre Verlustängste, an denen sie beharrlich festhalten, selbst wenn man in der Außenwahrnehmung des Landes das glatte Gegenteil erkennt? In einem politischen Klima fauliger Luft bersten die Fußballarenen an jedem Wochenende vor begeisterten Zuschauern. Es wird richtig schöner Fußball gespielt, die Nationalmannschaft zaubert inzwischen wie Brasilien und kombiniert druckvoll wie die Niederlande, im Nachwuchs machen reihenweise neue Talente auf sich aufmerksam.

War Fußball nicht immer das Trostpflaster auf der Seele der Nation, jedenfalls seit dem Gewinn der Fußball-WM 1954? Das ist die heutige Sicht – nur sie stimmt nicht ganz. Fußball hatte einen langen Weg zurückzulegen, bis er zu einem Eckstein der Nationalgeschichte wurde.

Der Triumph von Bern fiel in eine Zeit, in der Deutschland mit Mühe Zugang zur internationalen Gemeinschaft fand. Deutschland hatte einen Weltkrieg verschuldet und verloren. Mit dem unerwarteten Gewinn des Titels wurde den Deutschen etwas gegeben, worauf sie wieder stolz sein konnten – sie waren die Besten in der Welt, jedenfalls im Fußball. In den Augen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten zählte dies allerdings wenig – den alten Männern, die alle Zügel in der Hand hielten, galt das Rasenspiel eher als eine schmuddelige Angelegenheit. Im Gedächtnis der meisten Deutschen blieb jedoch die Grundkonstellation verankert, so übertrieben sie damals auch war: Mit einem Sieg im Fußball gewinnt Deutschland die Achtung der Welt.

Fußball wurde zu einem Objekt der Kunst, den Anfang machte Handke

Fußball war weit entfernt von allen Kulturleistungen, für die in Deutschland die alten Eliten Stolz empfanden. Darin lag zugleich die Chance, dass die Nationalmannschaft, jedenfalls für die unteren sozialen Schichten, zur nationalen Identitätsbildung beitragen konnte. Eine direkte Ablehnung der Hochkultur trauten sie sich nicht zu, auch wenn das Prestige der schönen Künste aufgrund ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus getrübt und nicht mehr unangefochten war.

Fußball war wie harte, dreckige Arbeit. Die neuen Heroen kamen aus einfachem Milieu, sie repräsentierten den Durchschnitt; in dem Kapitän Fritz Walter hatten sie einen genialen Regisseur und in Trainer Sepp Herberger einen Strategen mit dem Prestige eines Feldmarschalls.