In einem Winkel, mehr schlecht als recht von einem Drahtgitter und der heillos überforderten Polizei vor dem Mob geschützt, stehen die Granden der deutschen Politik nach dem Länderspiel Deutschland gegen Österreich. Ihre Dienstautos sind eingeschlossen, auch jenes des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Er hatte einen Parteitag der ostdeutschen Exil-CDU in Bonn vorzeitig verlassen, um dem Spiel im Kölner Mungersdorfer Stadion beizuwohnen. Aus Österreich war Justizminister Josef Gerö angereist. Es ist Sonntag, der 22. März 1953.

Zum zwölften Mal trafen die Teams beider Länder aufeinander. Doch es war die erste Begegnung seit Ende des Zweiten Weltkriegs, die auf deutschem Boden stattfand. Für Österreich sollte es eine Revanche für die Schmach zwei Jahre zuvor in Wien werden: Trotz Favoritenrolle unterlagen die Österreicher damals 2:0. Nun hoffte man dort hin zurückzukehren, wo sich österreichische Ballkünstler einst befunden hatten: an die Spitze. Das Wunderteam war noch in den Köpfen präsent. 1931 hatte man die Deutschen in Berlin mit 6:0 vom Platz geschossen und anschließend in Wien mit 5:0 heimgeschickt. Nun wolle man durch einen Sieg wieder "in die vorderste Reihe der europäischen Fußballnationen" vorrücken, schrieb die Arbeiter-Zeitung im Vorfeld.

Der Wiener Vertreter in Bonn, Josef Schöner, begleitete Josef Gerö in das Stadion und schrieb anschließend einen Bericht an Außenminister Karl Gruber. Der Text ist dieser Tage in einer neuen Aktenedition über das Verhältnis der beiden Länder vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1960 erschienen. Wohl weder vorher noch nachher waren derart viele deutsche Spitzenpolitiker bei einem Freundschaftsspiel zugegen. Bundespräsident Theodor Heuss, so der Wiener Diplomat, "erklärte mir, dass dies nicht nur das erste Länderspiel, sondern auch praktisch das erste richtige Fußballmatch sei, dem er zusehe". Neben dem deutschen Staatsoberhaupt erschienen der Innen-, der Arbeits- und der Wohnungsbauminister sowie der Oberbürgermeister von Köln.

"Ich wünsche euch beiden, dass ihr siegen möget!", rief Heuss den Mannschaften zu, drehte sich zu Josef Schöner und meinte: "Eigentlich hätte ich das als deutscher Bundespräsident nicht sagen dürfen." Die Erwartung war hoch, das Spiel allerdings ermüdend. Es gab Phasen, "in denen nichts geschah". "Das war Dornröschenfußball", ätzte der Reporter der Arbeiter-Zeitung. "Manchmal war es so still, dass das Klappern der hundert Schreibmaschinen auf der Pressetribüne dröhnte wie ein Regenguss auf einem Wellblechdach." Obwohl sie während der Partie zuvorkommend applaudierten, müssen die 76000 Zuschauer von dem torlosen Unentschieden enttäuscht gewesen sein. Im Anschluss war die Polizei damit überfordert, die schmale Allee vor dem Ausgang der Ehrentribüne freizuhalten. So saßen die Politiker eine Stunde lang fest. Durch den Druck der Massen wurden viele der Staatskarossen beschädigt, darunter auch der Wagen Adenauers. Innenminister Robert Lehr, der sich gerne als "starker Mann" gerierte, musste sich für die augenscheinliche Machtlosigkeit von seinen Regierungskollegen ausgiebig verspotten lassen.

Abseits des sportlichen Prestigeduells kam dem Aufmarsch politischer Prominenz wenig Bedeutung zu. "Der durchschnittliche Deutsche interessiert sich für Österreich als schönes Land, wo man billig herrliche Ferien machen kann", schrieb Schöner an anderer Stelle an Gruber. Heurige und Wiener Walzer interessierten, die Politik jedoch "praktisch gar nicht". Ja, nicht einmal die Existenz einer selbstständigen Republik Österreich habe nach 1945 die breite Masse in Deutschland "richtig zur Kenntnis genommen". Auch Bundeskanzler Adenauer lockte nicht allein der Sport zu dem Spiel. "Er habe auch wieder einmal das volle Stadion sehen wollen, das er selber vor mehr als 20 Jahren als Oberbürgermeister von Köln erbaut habe."

Immerhin erwies sich der Kanzler als Sportexperte: "Am Schluss des Spieles meinte Dr. Adenauer zu mir, dass es eigentlich erstaunlich sei, wenn ein Volk wie die Österreicher mit seinen sieben Millionen Einwohnern genug erstklassige Spieler hervorbringe, um sich gegen die Nationalmannschaft eines Staates von fast 50 Millionen halten zu können. Wenn man bedenke, wie viel breiter die Massengrundlage des Fußballes in der Bundesrepublik Deutschland sei, so müsse man die Österreicher eigentlich als die moralischen Sieger bezeichnen."

Im vergangenen Jahr errangen die Deutschen bei der WM-Qualifikation im Wiener Happel-Stadion ein schmeichelhaftes 1:2. Beim Rückspiel im September auf deutschem Boden wären die Österreicher diesmal mit einem langweiligen 0:0 schon mehr als zufrieden. Doch wie sagte Cordoba-Held Hans Krankl einmal in einem Interview als Teamchef? "Was zählen schon die Punkte, bei dieser Moral einer Mannschaft!"