Die künstlerische Bedeutung der Aktivistinnengruppe Femen besteht darin, dass die Fotos ihrer Einsätze automatisch zu Neuauflagen von alten Meistern geraten. Diesmal entstand Eugène Delacroix’ berühmtes Bild Die Freiheit führt das Volk noch einmal. Auf diesem an die Julirevolution von 1830 gemahnenden Gemälde schwingt eine barbusige Marianne die Trikolore und verkörpert damit die unbewehrte, also umso stolzere Macht des Volkes, vor der die Obrigkeit die Waffen strecken muss. Keiner der umstehenden Männer wagt es jedenfalls, das Gewehr auf sie zu richten.

Während eines Rundgangs über die Hannover Messe fuhr eine Femen-Aktivistin nun Wladimir Putin und Angela Merkel in die Parade. Nur einen Meter von Putin entfernt hebt sie die Arme, sodass ihr entblößter Oberkörper den aufgemalten Schriftzug "Fuck Dictator" sehen lässt. Halb alarmiert, halb belustigt, verarbeiten die Umstehenden noch den ersten Schreck, die Bundeskanzlerin atmet tief durch. Nur Wladimir Putin funktioniert nicht im Sinne der Aktion. Auf den ersten Blick scheint es, als zeige sich angesichts der entblößten Brüste eine gewisse Lüsternheit auf seinem Gesicht. Als sei es der Aktivistin also für eine Sekunde gelungen, den Panzer dieses Unerbittlichen zu brechen und im aufblitzenden Begehren menschliche Schwäche zum Vorschein zu bringen.

Aber Putin ist nicht Brüderle. Bei genauerem Hinsehen wird nämlich deutlich, dass seine Augen den Körper der Frau konsequent ignorieren. Putin blickt auch gar nicht lüstern, sondern in spöttischer Strenge und direkt in die Augen der Frau. Das ist die Abweichung dieses Fotos vom Original aus der Gemäldegalerie. Es verkündet, dass dieser Mann kein Mann ist, sondern eine Maschine. Und deshalb über eine Macht verfügt, die sich so schnell von nichts und niemandem infrage stellen lässt, auch nicht von den weichen Körpern ukrainischer Mariannen.