Japans neuer Notenbankchef Haruhiko Kuroda ist der neue Held aller Börsianer. Bis zum Ende des kommenden Jahres will er die Menge des in Japan umlaufenden Geldes verdoppeln – die Aktienmärkte reagierten mit kräftigen Kursgewinnen, weil sie auf ein Ende der Dauerkrise hofften. Die Bundesregierung dagegen war weniger erfreut. Man habe doch vereinbart, die Geldpolitik nicht einzusetzen, um sich "irgendwelche wirtschaftspolitischen oder exporttechnischen Vorteile zu verschaffen", ließ Finanzminister Wolfgang Schäuble mitteilen.

Noch mehr Geld für die Welt – ist das der Weg aus der Krise oder der in den Untergang?

Es kommt darauf an. Japan ist ein Land mit ganz speziellen Problemen. Die Preise steigen dort nicht etwa zu schnell, sondern zu langsam. Die seit mehr als zehn Jahren anhaltende Deflation bremst die Wirtschaft und erschwert den Abbau der gigantischen Staatsverschuldung. Wenn die Notenbank nun die Geldschleusen öffnet, um den Preisanstieg zu beschleunigen, dann wird sie ihrem Mandat gerecht. Denn das verpflichtet sie dazu, die Inflationsrate bei zwei Prozent zu halten. Erst dann hat die Notenbank nach ihren eigenen Maßstäben – die von fast allen großen Währungsbehörden in der westlichen Welt geteilt werden – Preisstabilität erreicht.

Nun liegen die von der Zentralbank festgelegten kurzfristigen Zinsen in Japan schon annähernd bei null Prozent und können nicht mehr weiter gesenkt werden. Deshalb kauft die japanische Notenbank im großen Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere auf und drückt damit auch das längerfristige Zinsniveau nach unten – in der Hoffnung, dass dadurch irgendwann mehr realwirtschaftliche Investitionen ausgelöst werden, weil es auf den Finanzmärkten nichts zu holen gibt.

Die Geldmenge wächst dabei, weil die Notenbank die Anleihen mit Geld bezahlt, das sie selbst schafft. Im Moment wird dieses Geld von den Banken gehortet und kommt nicht in der Wirtschaft an. Deshalb löst es auch keine Inflation aus. Die entsteht erst, wenn infolge der zusätzlichen Investitionen die Konjunktur anzieht. Dann müssen die Unternehmen den Arbeitnehmern höhere Löhne und Gehälter bieten und zum Ausgleich auch die Preise anheben. Die Notenbank hätte – sofern das in Maßen geschieht – ihr Ziel erreicht.

Allerdings kann dabei auch einiges schiefgehen. Viele Investoren ziehen ihr Geld in Reaktion auf Kurodas Ankündigungen schon jetzt ganz aus Japan ab, statt es nur innerhalb des Landes umzuschichten. Einen Teil davon legen sie in Europa an, wo es mehr Zinsen bringt. Deshalb hat der Euro gegenüber dem Yen aufgewertet. Daran stört sich die Bundesregierung, denn auf diese Weise können japanische Firmen ihre Waren im Ausland kostengünstiger anbieten – und möglicherweise sogar die Konkurrenz in Deutschland unterbieten. Das könnte einen globalen Abwertungswettlauf auslösen, der nur Verlierer kennt.

Die Abwertung ist jedoch nicht das explizite Ziel der japanischen Notenbank, sondern ein Nebeneffekt ihrer Politik. Und die von diesem Effekt betroffenen Staaten können sich dagegen wehren. Stark wachsende Schwellenländer wie Brasilien könnten verhindern, dass das Kapital ins Land gelangt, indem sie den Geldverkehr stärker regulieren. Und die wirtschaftlich schwächelnden Europäer könnten selbst die Zinsen senken. Dann würde der Euro wieder abwerten. Der Spielraum dafür ist da. Auch die Europäische Zentralbank hat sich ein Inflationsziel von zwei Prozent gegeben – und wegen der schweren Krise in Südeuropa droht die Teuerungsrate in den kommenden Monaten deutlich unter diese Marke zu fallen. In Deutschland liegt die Inflation bei gerade einmal 1,4 Prozent. Manchmal muss eine Zentralbank Inflation erzeugen, statt sie zu bekämpfen, um ihren Auftrag zu erfüllen.

Die Finanzminister und Notenbankchefs der G20 hätten am kommenden Wochenende die Gelegenheit, ihre Aktionen abzustimmen. Da treffen sie sich anlässlich der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds in Washington.

Viel ernster ist eine andere Gefahr: Die japanische Wirtschaft leidet nicht nur an einem Mangel an Nachfrage, den die Notenbank bekämpfen kann. Mindestens genauso wichtig wären Strukturreformen. Der Bankensektor ist marode, die Steuern – vor allem für Unternehmen – sind zu niedrig, um die hohe Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen, und die Bevölkerung altert zu schnell, sodass die Menschen länger arbeiten müssten. Je mehr die Notenbank sich engagiert, desto größer ist das Risiko, dass die Reformen unterbleiben, weil es ja auch so läuft. In Deutschland wird dieses Risiko traditionell als hoch eingeschätzt – und auch deshalb stößt die japanische Geldflut in Berlin auf Kritik.

Allerdings kann die Ausweitung der Geldmenge beim Umbau der Wirtschaft helfen. Die meisten Strukturreformen belasten kurzfristig die Konjunktur, deshalb ist es sinnvoll, wenn die Notenbank ihre Umsetzung flankiert.

Reformieren oder stimulieren – so wird die Debatte häufig in Deutschland geführt. Reformieren und stimulieren – darin liegt die große Chance des japanischen Kurses.