Letzte Woche ist der Sohn meiner Freundin mit der Polizei zusammengerasselt. Traumszene. Schönster Hamburger Westen, eine Straße mit alten Villen zwischen bibbernden Magnolien, gerade wird es dunkel. B. geht, in seiner zarten Giacometti-Silhouette von 187 Zentimetern, auf dem für diese Tätigkeit vorgesehenen Gehweg, da braust die blau-weiße Minna heran. Ausweis? Name? Was tun Sie hier?

Für Höflichkeiten war wohl keine Zeit. Auf die Gegenfrage, was die Polizei hier tue, war zu hören, eine Anwohnerin hätte die Ordnungskräfte alarmiert. Gefahr im Anzug bzw. ohne Anzug! Einer dieser Typen, mit Hoodie! Kabel sichtbar! Mein Gott, was muss sie sich gedacht haben, die zitternde Elbschnepfe, wie brisant die Lage ist, bei diesen Kabeln, ist das jetzt hier schon wie in Kabul?

Zur Entschuldigung muss man vorbringen, dass der Hamburger Westen, nervlich betrachtet, schon immer eine Prekariatzone ist. Diese Anspannung! An der Wand geerbte Kunst, vor der Tür die Polentruppe, sind es die Maler oder Diebe, wer will das heute wissen, oder welche Namen auf dieser neuen Steuer-CD eingebrannt sind, die letzte Woche den Medien zugespielt wurde, heute kann man lesen, dass das Geld selbst in Luxemburg bald nicht mehr sicher ist, ja, wohin damit? Die Nerven liegen blank. Im Jahre 2001 hat so etwas zu 19,4 Prozent für die Rechtsstaatliche Offensive von Ronald Schill geführt, dem die Polizei übrigens das Blau-Weiß ihrer Minnas verdankt und der die Kastration von Sexualstraftätern verlangte. Schill ist weg, aber hat nicht Singapur gerade Hoodies verboten? Oder Athen? Man sieht doch noch die Bilder des flammenden London vor sich, wo die Hoodies durch die Nacht tanzten, in den Armen geklaute Panoramabildschirme!

Der Blick auf die männliche Jugend ist immer skeptisch. Dazu gibt es Literatur. Junge Männlichkeit als Kriegsgefahr! Wie es sich wohl anfühlt, so als junger Mann an einer Buchhandlung vorbeizugehen, und da ist ein Titel, der einen vor einem selber warnt? Vielleicht normal. Als einmal Mädchen aus der Klasse meines Sohnes in einem Hohlweg von einem alten Lüstling angequatscht wurden, verlangte eine Mutter, dass alle Jungen der Klasse zum Thema "Sexuelle Gewalt" nachsitzen sollten. In Klasse fünf! Elfjährige! Für meinen Sohn war das kalter Kaffee. Schon in Klasse vier hatte er nachsitzen müssen, um Seite um Seite mit dem Satz zu füllen, "Ich darf nicht gewalttätig sein", das war, nachdem er ein Kissen auf eine Horde Mädchen geschleudert hatte, die um ihn rumtanzten und schrien: Du liebst Aaaana! Du liebst Aaaaana! Du liebst Aaaana!

Alten Männern geht es kaum besser. Der Kollege H. berichtet mir von seinen nächtlichen Heimwegen, wie das ist, wenn er an der Endstation der S-Bahn ankommt und nach Hause will, H. trägt kein Hoodie, dafür viel Volumen vor sich her, schon möglich, dass sich eine Frau an den Glöckner von Notre Dame erinnert fühlt, wenn H. Gas gibt, um sie, die mit spitzen Panikbewegungen vor ihm her durch den Park hastet, zu überholen, doch nur zu überholen, damit sie nicht denkt, er laufe hinter ihr her...

Man soll die Genderproblematik in Parks nicht runterspielen. Erwähnt werden muss aber, dass es Typen gibt, die auf Hoodies ganz verzichten und dabei nicht ungefährlich wirken, selbst im grellen Scheinwerferlicht, wie man neulich sehen konnte, als der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn den russischen Präsidenten Wladimir Putin interviewte und Wladimir breitbeinig in seinem Sessel runterrutschte, wohl um Jörg auf die pralle Ausbuchtungen seiner Hose aufmerksam zu machen, wobei sein schütteres Haupthaar über blasse Haut brav gescheitelt liegen blieb. Gänsehaut ! Aber will man deswegen gleich alle Typen mit dünnem Haupthaar fürchten, mein Gott, da müsste uns ja selbst vor Christian Lindner angst und bange werden!