Dennis Riehle ist schwerbehindert, deshalb musste er sein Studium abbrechen und kann nur in Teilzeit arbeiten. Um den Sozialkassen nicht zur Last zu fallen, gründete der 27-Jährige eine Schülerberatung. Damit kommt er auf 350 Euro im Monat. Und davon soll er mehr als ein Drittel an seine Krankenversicherung überweisen? "Das konnte ich nicht glauben", sagte Riehle – und schrieb eine Petition an den Bundestag.

Dabei hat der junge Mann aus Konstanz noch Glück, denn seine Familie hilft ihm. Andere Selbstständige, die sich mit einem kleinen Gewerbe über Wasser halten, gerieten durch hohe Kassenbeiträge in eine Schuldenfalle. Präzise Zahlen fehlen bei den gesetzlichen Krankenkassen (GKV), doch Indizien sprechen dafür, dass es mehr als eine halbe Million Betroffene gibt. Die privaten Versicherer nennen 150.000 Schuldner. Ihnen will die Bundesregierung jetzt helfen. Allerdings sind die Vorschläge, die der Gesundheitsminister Daniel Bahr am Mittwoch ins Kabinett einbrachte, eine Nummer zu klein.

Das Problem baut sich auf, seit die große Koalition 2007 die Krankenversicherungspflicht für alle eingeführt hat. Das entsprechende Gesetz bringt mehr Solidarität. Doch es hat zugleich neue Ungerechtigkeiten geschaffen. In der GKV sind für die Beiträge von Selbstständigen Bemessungsgrenzen festgelegt. Bei rund 2.000 Euro Einnahmen im Monat werden sie zum Beispiel mit etwa 300 Euro belastet. Auf Antrag und nach einer Vermögensprüfung gilt eine Mindestbemessungsgrenze. Auch die dann fälligen 200 Euro seien freilich unrealistisch bei Selbstständigen, deren Konto oft nur ein Plus von 500 Euro im Monat aufweise, sagen Verbraucherberater. Deshalb gerieten Taxifahrer, IT-Berater oder Nagelstudiobesitzerinnen rasch in den Schuldenstrudel. Und der dreht sich noch schneller durch drastische Zinsen.

Zwar dürfen die Kassen Mitglieder, die im Zahlungsrückstand sind, nicht mehr vor die Tür setzen. Aber sie können zur Abschreckung einen Säumniszuschlag von fünf Prozent erheben – pro Monat! Bei solchen Belastungen geraten Mitglieder, die zwei Jahre lang ihre 300 Euro nicht mehr überweisen konnten, mit 10.500 Euro in die Miesen. Rund 3850 Euro davon sind Säumniszuschläge; weitere zwei Jahre später beträgt die fällige Nachzahlung schon 30.000 Euro. Zudem stehen den säumigen Versicherten nur noch verringerte Gesundheitsleistungen zu. Allein 2012 sind die Ausstände der GKV von 1,5 auf 2,1 Milliarden Euro gestiegen.

Unter den Beitragsprellern mag es Egoisten geben. Meist aber trifft es Schuldnerberatern zufolge gerade jene Bürger, die sich lieber etwas Eigenes aufbauen wollten, als aufs Amt zu gehen. Viele von ihnen seien erst durch die Arbeitsgesetzgebung der Schröder-Regierung in eine "Ich-AG" gedrängt worden und würden nun für ihren Stolz bestraft. Als Hartz-IV-Empfänger stünden sie besser abgesichert da.

Die privaten Krankenversicherungen müssen Ausstände von 745 Millionen Euro eintreiben; auch bei ihnen sind die "Nichtzahler" meist selbstständig. Ein Großteil hatte sich der attraktiven Billigtarife wegen für die Privatversicherung entschieden. Weil die Lockangebote oft unrealistisch kalkuliert waren, stiegen die Monatsraten bald.

In Berlin wurde das Problem immer wieder beiseite geschoben. Dass Bundesgesundheitsminister Bahr endlich die Initiative ergreift, stößt deshalb einhellig auf Zustimmung. Die unfairen "Wucherzinsen" hätten keine Linderung bei den Ausständen gebracht, sagt der Minister – und senkt sie auf ein Prozent im Monat. Verbraucherschützer und die Linkspartei kritisieren indes, damit würden nur die schlimmsten Symptome kuriert. Die Bundesregierung müsse die Beitragshöhe am realen Einkommen ausrichten. Darauf zielt auch Dennis Riehles Bundestagspetition. Im Ministerium glaubt man, damit werde das Problem nicht entschärft.