Unter den vielen kostbaren Glasgefäßen, die Bonhams Anfang Mai in London versteigert, ist eine zauberhafte kobaltblaue Vase vom Ende des 19. Jahrhunderts. Auf ihrem bauchigen Amphorenkörper stolzieren Figuren entlang, die aussehen wie aus Zuckerguss, Mänaden aus dem Gefolge des Dionysos mit durchscheinenden Flattergewändern und ein Satyr in Begleitung eines zahmen Panthers. Sie sind antiken Vorbildern direkt nachempfunden. Den jungen Mann mit dem Panther findet man zum Beispiel auf einem Relief aus der Villa Quintiliana. Die Vase ist ein Produkt der Compagnia di Venezia e Murano. Seit ihrer Gründung 1866 verschrieb sich die Firma unter der Leitung eines Anwalts aus Vicenza, eines englischen Archäologen und eines englischen Antiquars ganz der Wiederbelebung der damals eingeschlafenen Glaskünste auf Murano. Neben anderen Spezialisten war hier auch der römische Graveur Attilio Spaccarelli tätig, der die komplizierte Kameoglaskunst beherrschte. Schon in der Antike wurden nicht nur Halbedelsteine zu Kameen geschnitten, sondern auch mehrschichtiges Glas. Aus der oberen, weißen Glasschicht schnitt Spaccarelli die Figuren und Friese heraus, teilweise so dünn, dass das darunterliegende blaue Glas hindurchscheint. Der Künstler nahm mit seinen Werken sogar an der ersten Biennale in Venedig 1895 teil – damals spielte Kunsthandwerk dort eine große Rolle. Er war übrigens so gut im Nachempfinden antiker Figuren und Techniken, dass er sich damit wohl auch ein illegales Zubrot verdiente. In der Yale University Art Gallery ist nämlich ein ähnlicher Satyr auf einer Kameovase zu sehen, von der es hieß, dass sie antik und im Jahr 1760 in der Villa Albani in der Nähe von Rom ausgegraben worden sei. Erst die neuere Forschung hat ergeben, dass es sich um eine Fälschung von Spaccarelli handeln muss. Die blaue Vase bei Bonhams dagegen ist nicht nur datiert, sondern auch mit seinem eigenen Namen signiert. Der fehlende Originalfuß der Vase wurde durch einen Metallfuß ersetzt. Dadurch ist der Preis auf nur 1.500 bis 2.000 Pfund geschätzt.