Der Tiger ist erwacht. Sein Knurren, guttural und bösartig, lässt die Leute um mich herum zusammenfahren, einige drehen den Kopf, um zu sehen, woher die Bedrohung kommt. Drei Reihen hinter uns hat sich ein hünenhafter Mann erhoben, der rasierte Schädel glänzt vor Schweiß, die Augen sind nach oben verdreht. Er senkt den Kopf, knurrt erneut, krümmt die Hand wie eine krallenbewehrte Tatze, während er in gebückter Haltung voranpirscht – ein Raubtier auf Beutezug im Dschungel. Ein Tiger.

Es ist der Auftakt zu einer Welle von Verwandlungen. Überall auf dem Platz springen jetzt Männer in Ekstase vom Boden auf, manche klatschen in die Hände und kreischen wie aufgebrachte Affen, andere mutieren zu Elefanten und bahnen sich trompetend ihren Weg, menschliche Vögel breiten ihre Schwingen aus, ein Mann ist zum Krokodil geworden und kriecht auf allen vieren über den staubigen Grund. Alles strebt dem Podium an der Stirnseite des Platzes zu, wo das heilige Wasser aufbewahrt wird und die schwarze Statue eines Mönchs lächelnd ins Nirgendwo blickt. Einige sprinten so schnell sie nur können nach vorn, ohne Rücksicht auf die um sie Sitzenden, andere bewegen sich wie eingefroren, mit zombiehafter Langsamkeit. Es ist wie eine Mischung aus Die Nacht der lebenden Toten und Bundesjugendspielen.

Kurze Zeit später kehrt der Mann, der zum Tiger wurde, an seinen Platz zurück, nun ein erschöpfter Koloss von Mensch mit verlegenem Gesichtsausdruck. Er trägt Shorts und ein kurzärmeliges Hemd, seine Haut ist mit Tätowierungen bedeckt – vom Hals bis zu den Fersen buddhistische Symbole, Schriftreihen, Tierabbildungen. Er spricht mit leiser Kinderstimme. Sein Name sei Tor, sagt er, und obwohl er wie ein zu jeder Gemeinheit fähiger Türsteher aussieht, ist er Lehrer von Beruf. Als ich ihn frage, was da eben mit ihm passiert sei, antwortet er: "Es beginnt mit einer gewaltigen Hitze im ganzen Körper. Das Herz hämmert, das Blut rast in den Adern. Ich versuche, die Kontrolle zu behalten, aber es geht nicht. Das sak yant ist stärker als ich." Tor zeigt auf den sich aufbäumenden Tiger, der auf seine Wade tätowiert ist. "Das magische Tattoo. Es verwandelt mich. Ich werde zu ihm."

Tor hat sich den Tiger schon vor Jahren hier in Wat Bang Phra stechen lassen, einer Tempelanlage gut 50 Kilometer nordwestlich von Bangkok. Magische Tätowierungen versprechen Kraft und ein langes Leben, sie verheißen Glück und gute Geschäfte, schützen vor Unfällen und Geistern, aber ihre Wirkungsdauer ist begrenzt. Man muss sie regelmäßig mit neuer Energie füllen. "So wie man eine Batterie auflädt", sagt Tor. Deshalb kehrt er einmal im Jahr hierher zurück, um am Wai Khru teilzunehmen, einem großen Fest, das übersetzt "Ehre den Lehrer" bedeutet und in diesem Jahr auf einen Samstag Ende März fällt.

Der religiöse Kult der Tätowierungen

Tausende Tätowierte sind seit Sonnenaufgang auf den fußballfeldgroßen Platz vor dem Tempel geströmt, um ihren sak yants in Gebet und Meditation neue Kraft zuzuführen. Als ich mich von Tor verabschiede und mich wieder in der Menge niederlasse, ist es gerade halb neun Uhr am Morgen, noch eine Stunde bis zum Beginn der eigentlichen Zeremonie, aber die Sonne glüht bereits, und die Gläubigen sitzen dicht an dicht in der sirrenden Hitze. Nach ein paar Minuten sehe ich eine vertraute Gestalt vorbeistürmen. Tor hat erneut den Kampf gegen eines seiner Tattoos verloren. Er ist jetzt ein Adler – mit verzerrtem Gesicht und weiten Flügelschlägen eilt er über den Platz, bereit, sich im nächsten Moment in die Lüfte zu erheben.

Magische Tätowierungen gibt es seit Jahrtausenden in Südostasien, ein uralter Kult aus Elementen des Buddhismus, Hinduismus und animistischer Religionen. Viele Mönche und Heiler verstehen sich auf deren Anfertigung, aber die Männer von Bang Phra sind in ganz Thailand berühmt für ihre Kunstfertigkeit. Tag für Tag arbeiten die 37 Mönche des Tempels mit der Nadel, vom frühen Morgen bis zum Nachmittag. Zu Ruhm in der westlichen Welt brachte es das Kloster im Jahr 2003, als Angelina Jolie anreiste, um sich ein ha taew, die "fünf heiligen Linien", auf das linke Schulterblatt stechen zu lassen.

In fast jeder Ecke kauert ein Mönch und tätowiert

Die Haut unseres Autors ist noch ganz rot und geschwollen. © Ralf Tooten/laif

Am Vortag des Wai-Khru-Festivals warte ich in meinem Hotel auf einen Mann namens Aek, Fremdenführer aus Bangkok, der den Tempel gut kennt und selbst ein magisches Tattoo trägt. Er soll mir als Übersetzer zur Seite stehen. Aek erscheint zweieinhalb Stunden zu spät, doch seine Entschuldigung bringt meinen Unmut augenblicklich zum Verschwinden. "Es ist so: Als ich das letzte Mal in Bang Phra war, habe ich den Geist eines kleinen Jungen adoptiert", sagt Aek. Die Seelen totgeborener Kinder, so glauben die Thai, begeben sich in den nächsten Tempel und leben dort, bis sie neue Eltern finden. Dieser Geisterjunge also habe sich für ihn entschieden, erzählt der Fremdenführer. Seitdem wohnen sie zusammen, Aek kauft ihm regelmäßig Spielzeug und gibt Bescheid, wenn das Essen auf dem Tisch steht. "Und ausgerechnet heute vergesse ich, ihn zum Tempel mitzunehmen. Das ist doch sein früheres Zuhause." Der Geisterjunge sei so außer sich gewesen, dass er aus Rache den Verstand seines Adoptivvaters verwirrt habe. "Pausenlos habe ich mich verfahren", seufzt Aek.

"Das heißt, wir werden heute den ganzen Tag Probleme mit ihm haben?"

"Nein, ich habe gerade mit ihm gesprochen und mich entschuldigt. Es ist alles in Ordnung."

Als wir den Tempel erreichen – nach einer halbstündigen Fahrt ohne spirituelle Einmischung – ist schon der Abend angebrochen. Bang Phra ist eine weitläufige Anlage. Eine Mauer umschließt die Gebetshallen und Wohnhäuser der Mönche, mit Blattgold beschlagene Firste schimmern im Licht der untergehenden Sonne. Die ersten Besucher sind schon angekommen und bummeln über das Gelände, kaufen Fleischbällchen, getrockneten Tintenfisch oder in Bananenblätter verpackte Snacks an den Buden am Fluss. Auf dem Tempelvorplatz testen Techniker die Lautsprecheranlage für den nächsten Tag mit markerschütternder Technomusik. In den gnädigen Momenten der Stille hört man, wie die Glöckchen an den Tempelgiebeln sanft im Wind klingeln.

Der Klosterpressesprecher betreibt Schadensbegrenzung

Ich möchte mehr über die magischen Tattoos erfahren, aber das erweist sich als schwierig. Seit ausländische Medien immer häufiger über die bizarren Seiten des Festivals berichten, hat der Abt den Mönchen Redeverbot erteilt. Stattdessen leistet sich das Kloster eine Art Pressesprecher – einen 83-jährigen ehemaligen Mönch, der aussieht wie Anfang sechzig. Als ich ihn frage, was er davon halte, dass der Mönch, der Angelina Jolie tätowierte, aus dem Orden ausgetreten sei und nun mit einem privaten Tattoostudio seinen Ruhm zu Geld mache, sagt er nur: "Über Angelina Jolie weiß ich nichts. Und dieser Mann war hier niemals Mönch. Ich kenne ihn nicht."

Hinter einer Mauer liegt das Wohnhaus von Meister Tak, einem der meistverehrten Mönche von Bang Phra. Das Gebäude ist voller Menschen, die auf eine Tätowierung warten. Sie sitzen auf dem Boden im Erdgeschoss, zwischen Schreinen und Statuen, einem Berg Wassermelonen und großen Plastiksäcken voller T-Shirts, sie drängen sich im Treppenhaus, oben im ersten Stock macht sich eine Gruppe Männer über ein Spanferkel her, und ein Zigarette rauchender Alter rührt in einem Wok. Mit all den bulligen Gestalten im Schein der Lampen, den entblößten Oberkörpern, den unzähligen Tattoos auf nackter Haut erinnert das Ganze eher an die Gemeinschaftsräume eines Staatsgefängnisses als an ein Kloster. In fast jeder Ecke kauert ein Mönch in safrangelber Robe und tätowiert.

© ZEIT-Grafik

Während ich darauf warte, zum Meister vorgelassen zu werden, spreche ich mit einem pensionierten Polizisten aus Bangkok, der sich als "General Tiger" vorstellt. 50 magische Tätowierungen trage er auf dem Körper, sagt er, knöpft sein Hemd auf und zeigt auf ein Quadrat aus diagonalen Linien. "Das ist das yan gror pet. Es schützt mich in allen Richtungen und hat mich vor Kugeln und Gefahren bewahrt, solange ich im Dienst war." Neben ihm sitzt Pui, eine junge Hure aus dem berüchtigten Sextourismus-Paradies Pattaya. Sie hat sich heute ein gai fah auf die Schulter stechen lassen, das heilige Huhn, das auf dem mythischen Berg Meru lebt. Pui erhofft sich großzügigere Freier – das scharrende Huhn ist ein Symbol für gute Geschäfte. Eine Kollegin habe sich dasselbe Motiv hier im Tempel stechen lassen, erzählt sie. "Danach hatte sie doppelt so viele Kunden, und ihr boyfriend aus Österreich schickte wieder Geld."

Eine schmutzige Glastür führt in den Privatraum von Meister Tak. Ein Deckenventilator surrt, es riecht nach Räucherstäbchen und Zigarettenqualm. In einem Ledersessel sitzt der Meister, beleibt und erschlafft, zwei Gefolgsleute massieren ihm die müden Waden. Auf seinem Schoß hockt ein winziger Hund mit Jäckchen. Aek, der Übersetzer, trägt dem Meister meinen Wunsch vor, mehr über die Tattoos zu erfahren. Der Meister lauscht, er schüttelt den Kopf, sagt etwas, und alle im Raum lachen. Das Gespräch geht eine Weile hin und her, offenbar führt mein Übersetzer in sanftem Ton Verhandlungen, zwischendurch erfahre ich, dass ich gerade zum Wohl der Tempelkasse zehn T-Shirts mit dem Festivalmotiv erstanden habe. Am Ende wendet sich Aek mir zu. "Der Meister sagt: Wenn du mehr über die magischen Tattoos wissen willst, wird er dich morgen nach dem Fest persönlich tätowieren. Das ist eine große Ehre." Aeks Blick wandert hinüber zu einem Mönch, der gerade den Rücken eines Mannes mit einer 45 Zentimeter langen Tätowiernadel aus Stahl bearbeitet. "Es ist allerdings auch sehr schmerzhaft", sagt er. Zur Besiegelung des Geschäfts überlässt man mir den Platz an der linken Wade des Meisters, und ich darf ihn ein paar Minuten lang massieren.

Meister Tak hat seine Energie auf das Zeichen übertragen

Tattoos in Thailand - Heilige Körperkunst Auf Spurensuche mit der Fotografin Aroon Thaewchatturat: Traditionelle Tätowierungen, die Sak Yant, sollen ihre Träger vor bösen Geistern schützen.

Es war der Mönch Luang Pho Pern, der vorletzte Abt des Klosters, der Bang Phra berühmt gemacht hat. Man kann an diesem Abend viele Geschichten über ihn hören. Als junger Mönch, heißt es, erschien ihm ein Tiger im Traum und sagte, er solle von heute an seine spirituellen Kräfte durch magische Tattoos weitergeben, und zwar nach seinem, des Tigers Abbild. Tatsächlich wurde das Tigermotiv zu einer Art Markenzeichen des Tempels. Und es ist die schwarze Statue von Luang Pho Pern, die auf dem Podium am Vorplatz steht, wo am nächsten Morgen um exakt 9.39 Uhr die Zeremonie des Wai Khru beginnt.

Die Lautsprecherdurchsagen, die menstruierende Frauen auffordern, den Tempel zu verlassen, und Eltern empfehlen, ihre Kinder in einen sicheren Bereich jenseits der Absperrungen zu bringen, verstummen, und die Mönche des Klosters steigen auf das Podium. Stille. Dann beten Mönche und Gläubige abwechselnd auf Sanskrit. Während des Gebets, als besonders viel Energie in die Tätowierungen fließt, steigt die Zahl der Ekstatiker in die Hunderte, eine wahre Stampede von Männern stürmt nach vorne zum Podium, durch Schneisen, die sich während der letzten Stunden zwischen den auf Plastikmatten Sitzenden gebildet haben. Vorne warten Helfer, die die Rasenden zu beruhigen suchen, sie hochheben, während deren Beine weiter durch die Luft rennen, ihnen kräftig die Ohren rubbeln, um sie aus der Trance zu holen.

Dicke Geldbündel sind der Ertrag pausenlosen Tätowierens

Eine Rede des verstorbenen Luang Pho Pern wird per Lautsprecher übertragen, danach beginnen die Mönche mit Schläuchen heiliges Wasser vom Podium über die Menge zu sprühen. Alles drängt dorthin, Gruppen werden auseinandergerissen, Menschen abgedrängt, Stehenbleiben ist unmöglich. Ich bin froh, dass ich groß genug bin, um über die meisten Köpfe hinwegzusehen. Dann ist auch schon alles vorbei. Nach Stunden in der glühenden Hitze macht jeder, dass er in den Schatten kommt. Auf dem verlassenen Platz flattern die Plastikmatten im Wind.

Auch im Haus von Meister Tak ist Ruhe eingekehrt. Er sitzt wieder im selben Sessel, noch erschlaffter als beim letzten Mal. Vor ihm auf dem Boden zählen zwei Männer dicke Geldbündel – der Ertrag aus einem Tag und einer Nacht pausenlosen Tätowierens. Meister Tak wird sie später dem Abt übergeben.

Ich lasse mich zu seinen Füßen nieder, ziehe das Hemd aus und lehne meinen Oberkörper gegen ein Sitzkissen. Zwei Helfer ziehen links und rechts die Haut der Schulter straff. Meister Tak hat sich entschieden, mir dasselbe Tattoo zu stechen, wie es Angelina Jolie trägt – das ha taew, die "fünf heiligen Linien". Für einen Tiger findet er mich wohl zu schwach. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie er eine frische Nadel aufzieht und sie in die Tinte taucht.

Tugendregeln für Tattoos

Es tut nicht wirklich weh. Mit schnellen Stichen arbeitet sich der Mönch von oben nach unten, fünf Linien in senkrechter Khmer-Schrift, die mir Glück, Schutz und Wohlwollen bescheren sollen. Es ist eine sehr diesseitige Prozedur, Meister Tak unterhält sich und scherzt mit den Umstehenden. Ab und zu schieben mich seine Helfer in eine neue Position, wie ein Stück Fleisch auf einem Rost. Nach 20 Minuten jedoch weist der Mönch mich an, die Hände zu falten und beginnt in meinem Rücken in rasendem Tempo Sanskrit zu murmeln. Dann pustet er kurz auf die Haut – das Tattoo ist jetzt aktiviert, Meister Tak hat seine Energie auf das Zeichen übertragen. Dieser Moment sei sehr kräfteraubend, sagt er nach einer Pause, deshalb wirke er auch immer so müde.

Zuletzt erklärt er mir, dass die Magie der Tätowierung nur wirksam bleibe, wenn ich mich an einige Gebote hielte. "Sonst ist es lediglich ein schönes Bild." Es gibt diesilas, die fünf buddhistischen Tugendregeln, die von "Keine Menschen oder Tiere töten" bis "Keinen Alkohol trinken" reichen. Aber weil das hohe Ansprüche sind, gibt es noch eine Anzahl alternativer Unter- und Nebengebote, je nach Tattoo und Meister, der es sticht. Manchem Mönch ist es wichtig, dass man keine Kürbisse isst, anderen, dass man niemals flucht, sich nicht unter tief hängenden Bananenbäumen aufhält, die Frau beim Sex nicht oben liegt. Es ist alles ein bisschen verwirrend. Meister Tak scheint besonderen Wert auf eheliche Treue zu legen ("No fuck around", übersetzt mein treuer Dolmetscher Aek) und auf Freundlichkeit gegenüber den Mitmenschen.

Keine Tiere töten, niemals fluchen, erinnere ich mich am nächsten Morgen auf der Hotelterrasse, viereinhalb Minuten zu spät und fünf Minuten nachdem mich eine riesige Ameise sehr schmerzhaft in den Zeh gebissen hat. Zwei Gebote gebrochen in nicht einmal 24 Stunden. Wahrscheinlich ist mein Tattoo schon jetzt nur noch ein Bild. Aber zum Glück ist der Buddhismus eine freundliche Religion. Man kann es wieder aufladen. Ich weiß ja, wo.

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