Auf einer Geschützlafette, von Pferden gezogen, wird der Leichnam von Margaret Thatcher bei der Trauerfeier am kommenden Mittwoch zur Saint-Paul’s-Kathedrale gefahren werden, und Soldaten aller drei Truppengattungen werden neben den Bürgern von London den Weg säumen. Ein Bild von altmodischer historischer Größe. Die Mutter des ungezähmten Kapitalismus, der deregulierten Finanzmärkte, der reinen, nackten, hochmobilen Leistungsgesellschaft – sie wird verabschiedet mit einem Heldenbegräbnis, einer traditionellen pathetischen Geste wie aus der Zeit, als Männer noch Geschichte machten. Wie bei Winston Churchill oder dem Herzog von Wellington, dem britischen Sieger über Napoleon.

Und das ist auch ganz richtig so. Denn am bemerkenswertesten am Phänomen Thatcher war nicht das Ideologische, für das die einen sie verehrten und die anderen sie bis heute hassen, der Glaube an den Markt und der spektakulär erfolgreiche Kampf für seine Entfesselung. Sondern die Erfahrung, genauer: die Wiederentdeckung, dass Politik die Welt verändern kann, dass sich ein Land komplett umstülpen und der Zeitgeist wenden lässt, dass wir Herren unseres Schicksals bleiben.

Um voll zu ermessen, was das bedeutet, muss man sich in die Stimmung der 1970er Jahre zurückversetzen. Als Margaret Thatcher 1979 an die Regierung kam, hatte sie nicht nur gegen die übermächtigen britischen Gewerkschaften und eine heruntergekommene Staatswirtschaft zu kämpfen. Der gesamte Westen durchlebte damals eine mühsame, bleierne Erschöpfungsperiode: Ölkrise, "Grenzen des Wachstums", Dauerinflation, überschuldeter Wohlfahrtsstaat. Ein Stratege wie US-Außenminister Henry Kissinger, so rücksichtslos er auch amerikanische Interessen vertrat, zweifelte gleichzeitig zutiefst an der Überlebens- und Erneuerungsfähigkeit freier Gesellschaften. Würde die streng disziplinierte Sowjetunion nicht am Ende im Systemkonflikt überlegen sein? Was konnte menschliches Handeln überhaupt gegen die schicksalhaften Zwänge ausrichten, in denen es gefangen war?

Es sind drei historische Figuren gewesen, die gegen diese Lähmung und Mutlosigkeit rebelliert und sie überwunden haben. Da ist Papst Johannes Paul II., der im Herbst 1978 gewählt wurde, wenige Monate später mit der Reise in seine polnische Heimat ein ganzes Volk mobilisierte und so die ersten Schritte zur friedlichen Weltrevolution von 1989 tat. Da ist Ronald Reagan, der als Präsident der Vereinigten Staaten auf Konfrontationskurs mit Moskau ging und den Glauben an den Amerikanischen Traum erneuerte. Und da ist Margaret Thatcher, die anders als Reagan im eigenen Land eine machtvolle sozialdemokratische Prägung vorfand, sie rücksichtslos zerschlug und damit eine für unmöglich gehaltene Renaissance des Kapitalismus einleitete.

Die drei waren grundverschieden; der Papst, der an den Segnungen des Marktes seine Zweifel hatte, stand ohnehin für sich, aber auch der sonnige Reagan und die Kämpferin Thatcher sind von Hause aus keine Seelenzwillinge gewesen. Doch im Durchbruch durch das "Packeis" des Status quo (Ralf Dahrendorf) haben sie alle wie eine einzige geschichtliche Naturgewalt zusammengewirkt.

Man versteht Margaret Thatchers Politik daher zu eingeschränkt, wenn man immer nur an Marktwirtschaft denkt. Dass die Premierministerin durch Privatisierung und Deregulierung die Lebensgeister ihres Landes wieder weckte, dass sie Großbritannien dabei auch sozial spaltete, seine Deindustrialisierung betrieb und der gefährlichen Aufblähung der Londoner City Vorschub leistete – diese ganze ökonomische Seite ihres Regierens war nicht ihr gesamtes Projekt. Eigentlich wollte sie eine umfassende Revitalisierung des Westens: Er sollte heraus aus der Defensive und seinen Angriffsgeist zurückgewinnen.

Der Sieg im Falkland-Krieg war nur ein Vorspiel zu größeren Erfolgen