Er war ein Mann, der das Feuerwerk liebte, den Lichterknall, den strahlenden Augenblick vor der ewigen Nacht, die bunte, süße Verschwendung. Ein Enthusiast vielleicht, nicht ohne Melancholie, der von fern an die gottvollen Enthusiasten Eduard Mörikes denken lässt: "Die Welt wär ein Sumpf, stinkfaul und matt, / Ohne die Enthusiasten: / Die lassen den Geist nicht rasten. / … / Ihr eigen Ich vergessen sie, / Himmel und Erde fressen sie / Und fressen sich nie satt."

In dieser Begeisterung aber blieb Rolf Michaelis zugleich ein Verschwender. Verschwenderisch in seiner Sympathie wie in seinem Zorn, wie in seiner Anteilnahme an der Arbeit der anderen. Ein Briefeschreiber von jeanpaulschem Genie: Ungezählt sind seine Karten und Grüße und Zettelchen, seine furiosen Huldigungs- wie Beleidigungsschreiben, seine Bittbriefe im Namen junger Talente und nicht zuletzt seine gloriosen Kündigungen, die er alle Jahre wieder verfasste. Und die allesamt, das versteht sich, mit größtem Vergnügen gelesen und ungesäumt zurückgewiesen wurden.

Aber wer konnte auch – rastlosen Geistes, in Witz und Pathos – so aus dem Vollen schöpfen wie er? Er hatte, so schien es, buchstäblich jede Oper und jedes Schauspiel gesehen. Am meisten verehrte er die Franzosen, Racines hohen Seelenernst, Molières zerlachte Welt, Marivaux’ Herzensmaskeraden. In alle Länder war er gereist, bis zu den Galapagosinseln und natürlich in all die sagenhaften Schatzhäuser der deutschen Provinz. Atemlos berichtete er aus Hongkong oder Australien, nicht minder entflammte Kunde kam aus Böblingen und Wolfenbüttel. " Frag Rolf!", hieß es in der Redaktion, wenn jemand wissen wollte, wie Góngoras bester Übersetzer heißt oder wann Fritz Kortner zuletzt noch Leonce und Lena inszeniert hat. Wie gut, dass es heute Wikipedia gibt, da wir ihn nicht mehr fragen können.

Er blickte in abgelegene Welten. Jeder noch so windschiefe Avantgarde-Verlag war ihm willkommen, vergessene Wunderwerke der Literatur hob er zurück ans Licht. In seinen Kritiken, Buchstudien, umriss er das Große und analysierte es bis ins Kleinste, bis in die vage Geste, auf die Silbe genau. Er, der sich als Doktorand Friedrich Hölderlin gewidmet hatte, erklärte das Laute wie das Leise, brausende Brandreden ebenso wie schüchternes Verstummen. Mit nestroyschem Witz erspürte er im geglückten Augenblick den Ausbruch der Katastrophe, im Chaos den Anbruch des künftigen Glücks.

Günter Grass und Rolf Dieter Brinkmann waren ihm nah, Einar Schleef und Johann Kresnik, Uwe Johnson, Karl Krolow. Den jungen Rainald Goetz hat er gefördert wie die Lyrik Sarah Kirschs gefeiert. Mitte der achtziger Jahre entdeckte er eine rumäniendeutsche Schriftstellerin namens Herta Müller; 2009 sollte sie den Nobelpreis erhalten. Und nicht zuletzt lernten wir durch seine hellsichtigen Kritiken in den Neunzigern junge Künstler des Tanztheaters kennen, Anne Teresa De Keersmaeker oder Joachim Schlömer, die heute, in der Nachfolge Pina Bauschs, längst zu den Großen zählen.

Ein Hingeber, aber auch ironischer Polemiker, Poltergeist. Freigeist, Radikalliberaler. Natürlich "Homme de Lettres" – niemand intonierte diesen ranzigen Ehrentitel so abgründig spöttisch wie er. Nur eines, das wollte er auf gar keinen Fall sein: "Literaturchef". Das war für den Literaturredakteur der FAZ (1964 bis 1968) und der ZEIT (1973 bis 1985) Stiefeldeutsch, Kasernenhof.

Im Jahr des Untergangs, 1933, in Schwäbisch Hall in eine Arztfamilie geboren, reagierte Rolf Michaelis finster-allergisch auf jede Art von autoritärem Gebell, von Daumenrauf- und Daumenrunter-Gefuchtel. Kollegen, die sich vor jedes Mikrofon boxen und sich in jede Talkshow krähen, grausten ihn nur. Er war weder Literaturmoderator noch Krawallkritiker; der dröhnende Anspruch auf "Deutungshoheit" erschien ihm lächerlich. Er blieb der Leser, ein Leser, der von der Literatur alles verlangte – vor allem ein Fest. Ein Existenzialist, dem es ums Ganze ging, das Ganze der Liebe und Freiheit, und um die Schönheit der Wahrheit.