Es ist 15.27 Uhr am 4. November 2011, als André Emingers Handy zum dritten Mal innerhalb von acht Minuten klingelt. Er hört die Stimme von Beate Zschäpe, außer Atem, aufgeregt. Vor weniger als vier Stunden haben sich ihre Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt umgebracht. Jetzt hat sie die gemeinsame Wohnung in Zwickau in Brand gesteckt.

Eminger weiß, er ist der Einzige, den Beate Zschäpe noch anrufen kann, ihn, den treuesten Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Sie kennen sich seit 1998, dem Gründungsjahr der Neonazibande. Eminger war es, der für die drei Terroristen die erste konspirative Wohnung in Chemnitz mietete, der ihnen Bahncards besorgt und Wohnmobile für zwei Banküberfälle und ein Attentat beschafft haben soll. Jetzt will Beate Zschäpe, dass er ihr bei der Flucht hilft.

Bevor André Eminger sich auf den Weg macht, schreibt er seiner Frau Susann eine SMS. Der Inhalt muss so brisant sein, dass beide die Kurznachricht später wieder löschen. Eminger setzt sich in seinen schwarzen VW Golf, wenige Minuten später steigt Beate Zschäpe am Platz der Völkerfreundschaft zu. Die beiden fahren ins Umland und wieder zurück in die Stadt. Offenbar halten sie eine Flucht per Bahn nun für aussichtsreicher. Eminger setzt Zschäpe am Hauptbahnhof ab. Sie bricht zu einer viertägigen Irrfahrt durch Deutschland auf, am Ende stellt sie sich in Jena der Polizei.

Am Mittwoch beginnt in München der wohl aufsehenerregendste Prozess, den es in Deutschland gegeben hat, seit vor fast 40 Jahren die RAF-Spitze in Stuttgart-Stammheim vor Gericht stand. André Eminger wird dann neben Beate Zschäpe auf der Anklagebank sitzen – als wichtigster Unterstützer von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, die in den Jahren 2000 bis 2007 zehn Menschen ermordet haben sollen.

Eminger wird Beihilfe zum versuchten Mord, zur gefährlichen Körperverletzung, zum Raub und zum Herbeiführen einer schweren Sprengstoffexplosion vorgeworfen sowie Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Sein Anwalt Herbert Hedrich sagt der ZEIT: "Diese Vorwürfe beruhen bloß auf Vermutungen." Vor Gericht werde sein Mandant "weder Piep noch Papp sagen".

Im Mittelpunkt des Verfahrens wird Beate Zschäpe stehen, aber ohne André Eminger und die anderen drei Mitangeklagten sowie rund 20 weitere mutmaßliche Helfer wären die monströsen Taten unmöglich gewesen. Laut einer Liste der Ermittler stand der NSU mit 129 Personen in Kontakt.

Es war nicht so, dass da drei Nazis losgelöst vom Rest der Welt in den Untergrund gingen. Die Terroristen waren gut aufgehoben in einem nationalsozialistischen Milieu, das ihre Verbrechen begünstigte, begrüßte – und teilweise überhaupt erst ermöglichte.

Dies ist das Porträt zweier 33-jähriger Zwillingsbrüder, die prototypisch für dieses Milieu stehen. Der eine, André Eminger, ist ein Antisemit, der sich seinen Judenhass in Form der Wörter "Die Jew Die" ("Stirb, Jude, Stirb") auf den Bauch tätowieren ließ. So nah stand er dem NSU, dass die Ermittler ihn anfangs für den Urheber der Bekennervideos hielten.

Der andere, Maik Eminger, lebt ein Leben, wie Adolf Hitler es sich von jeder deutschen Familie wünschte: mit germanischen Bräuchen, traditionellem Liedgut und Hakenkreuz im Wohnzimmer. Eine direkte Verbindung zum NSU konnte ihm nicht nachgewiesen werden.

André und Maik Eminger wollten nicht mit der ZEIT sprechen. Auch ihre Eltern und die beiden Geschwister schweigen. Aber mithilfe von Polizeiakten, den Zeugenaussagen von Nazikameraden, Arbeitskollegen und Freunden sowie Gesprächen mit Lehrern, Sozialarbeitern und Nachbarn lässt sich das Leben der Emingers rekonstruieren.

Die Geschichte der Brüder beginnt im Erzgebirge, in einer Stadt wie aus einem Eisenbahnbausatz. Hügel, Nadelbäume, Schienen, ein Flüsschen. Ende März liegt hoher Schnee in Johanngeorgenstadt, auch rund um den größten frei stehenden Schwibbogen der Welt, dem Stolz der Stadt. Ganz in der Nähe gibt es die "Hartz-IV-Bar", in der jedes Getränk einen Euro kostet. Auf einem Schild wird "dringend" nach "1-€-Schoppern" gesucht.