Ende der Neunziger wohnen die Brüder noch bei ihren Eltern in Johanngeorgenstadt, in dem Haus am Waldrand, aus dem die älteren Geschwister längst ausgezogen sind. An den Wochenenden ist André oft in Chemnitz unterwegs.

Im April 1999 bitten ihn die drei untergetauchten Kameraden zum ersten Mal um Hilfe. Sie brauchen eine Wohnung. Eminger, der gerade seine Lehre als Maurer abgeschlossen hat, unterschreibt den Mietvertrag für 40 Quadratmeter in einem Chemnitzer Plattenbau. Das Trio zieht sofort ein. Von dem neuen Quartier aus startet es seine ersten Überfälle auf Postfilialen. Zu diesem Zeitpunkt geht es darum, Geld zu beschaffen, die späteren Morde vorzubereiten. Noch ist der Name Eminger keinem Verfassungsschützer ein Begriff.

Das ändert sich bald. André Eminger kommt hoch motiviert von seinen Ausflügen nach Chemnitz zurück, mit seinem Bruder Maik baut er eine eigene Kameradschaft auf, zu Hause, in der Provinz. Sie geben sich den martialischen Namen "Weiße Bruderschaft Erzgebirge (WBE)". Ihr Motto: "White Pride heißt unsere Relegion" (sic!). Die knapp 20 Mitglieder träumen von einer "weißen Revolution".

Die Zwillinge diktieren die Regeln der Bruderschaft, die sich "sehr nach rassistischen Maßstäben richten", wie sie selbst in einem Interview mit einer Zeitschrift der Neonaziszene sagen. Drogen und Alkohol sind tabu. Die Gruppe trägt schwarze Stiefel, weiße T-Shirts und ein schwarzes Armband mit dem WBE-Schriftzug. Das ist ihre Uniform. André Eminger lässt sich das Logo der Kameradschaft auf den linken Arm tätowieren.

Im Jahr 2000 beobachtet der Verfassungsschutz ein Treffen der WBE, auch Matthias D. ist dabei. Er wird später auf Vermittlung von André Eminger die konspirativen Wohnungen des NSU in Zwickau anmieten. Das Netzwerk des NSU, es wächst mithilfe von André Eminger, der ständig Kontakt zu dem untergetauchten Trio hält.

Maik und Sylvia Eminger geben ihren fünf Kindern germanische Namen

Mundlos und Böhnhardt ändern in dieser Zeit ihre Taktik. Nach den ersten Raubzügen waren sie auf einem alten DDR-Moped S50 geflüchtet, das erscheint ihnen nun zu riskant. Künftig wollen sie mit einem Wohnmobil nahe an den Tatort heranfahren, die letzten Meter mit dem Fahrrad zurücklegen und danach wieder im Wohnmobil verschwinden, bis die Rasterfahndung der Polizei beendet ist.

Laut Anklageschrift mietet André Eminger im November 2000 ein Wohnmobil, das die NSU-Männer benutzen, um eine Postfiliale in Chemnitz auszurauben. Vier Wochen darauf bestellt er einen weißen Fiat-Caravan. Damit fahren Mundlos und Böhnhardt kurz vor Weihnachten 2000 nach Köln. In einer Christstollendose platzieren sie eine Bombe in einem Lebensmittelgeschäft. Wochen später explodiert sie. Die deutsch-iranische Tochter des Ladeninhabers überlebt schwer verletzt und liegt wochenlang im Koma.

Maik und André organisieren derweil monatliche Treffen ihrer Bruderschaft, veranstalten einen Konditionsmarsch und geben das Szenemagazin The Aryan Law & Order heraus, in dem sie über die Physiognomie der "arischen Rasse" schreiben, Skin-Bands interviewen und Bücher besprechen. Zum Beispiel den in Deutschland inzwischen verbotenen Roman Die Turner-Tagebücher, in dem der amerikanische Nationalsozialist William Pierce empfiehlt, Rassenkonflikte durch gezielte Verbrechen kleiner Gruppen anzuheizen. Es liest sich wie eine Blaupause für die Taten des NSU.

Ende 2002 löst sich die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" auf. Maik Eminger zieht nach Niedersachsen, verlässt seine Heimat mit den Worten: "Das ist mir alles zu niveaulos hier." Das erzählt der Sozialpädagoge Michael S., der damals Kontakt zu ihm hatte. "Der Maik war kein Nazi-Dummkopf", sagt S., der seit 2001 als Streetworker in Johanngeorgenstadt arbeitet. Maik Eminger habe stets versucht, sich von seinen Gesprächspartnern etwas abzuschauen, zu lernen. Mehr will S. nicht sagen, er hat schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht. Ein Fernsehteam habe sogar Hakenkreuze an eine Garagenwand gesprüht, um zu illustrieren, wie braun verseucht der Ort ist.

Während Maik Eminger als Tätowierer in den Westen geht, bleibt André in Sachsen, zieht nach Zwickau, dorthin, wo auch die Terrorzelle jetzt ihren Wohnsitz hat. Im Job läuft es nicht besonders. Mal arbeitet er als Maurer, dann wird er arbeitslos, fährt Lkw, wird wieder arbeitslos. Später macht er sich als Webdesigner selbstständig, versucht, per Internet Jacken und "T-Hemden" zu verkaufen. In fünf Jahren erhält er fast 40.000 Euro als Unterstützung vom Arbeitsamt. Privat hat er mehr Glück.

Auf einer Party lernt André Eminger ein Skingirl kennen und verliebt sich in die schlanke, große Frau, die auf dieselbe Musik steht wie er. Für sie lässt er sich "Susann" in geschwungenen Lettern auf den Rücken tätowieren. Schnell ziehen sie zusammen, heiraten in seiner Heimat. Trauzeuge ist sein Bruder Maik.

Der arbeitet in Niedersachsen inzwischen verbissen an dem Ziel, ein perfekter Deutscher zu werden. In der Nähe von Hildesheim knüpft er Kontakt zu Blood-&-Honour-Größen. Der Verfassungsschutz hat Maik Eminger zwei Jahre lang, von 2003 bis 2005, auf dem Schirm. Im Blick der Beamten ist auch Sylvia K., Maik Emingers spätere Ehefrau.

Mindestens sechsmal nehmen die beiden an Veranstaltungen der "Artgemeinschaft Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung" teil, einer völkisch-neuheidnischen Neonaziorganisation um den mittlerweile verstorbenen Holocaustleugner und NPD-Anwalt Jürgen Rieger. Altvordere der Szene vermitteln dort den Nachwuchsnazis ihre Vorstellungen eines deutschen Lebens. Die "Artgemeinschaft" propagiert die "gleichgeartete Gattenwahl" als "Gewähr für gleichgeartete Kinder".