Mathias Müller von Blumencron ist der erfolgreichste Onlinejournalist des Landes. Dreizehn Jahre lang war er Chefredakteur des Nachrichtenportals Spiegel Online. Jetzt musste der 52-Jährige abtreten, und das ist eine Zäsur im deutschen Journalismus.

Mister Online geht, obwohl Spiegel Online seit Jahren die populärste Nachrichtenseite im Internet ist und Millionengewinne macht. Sie wurde oft kopiert und blieb doch unerreicht.

Warum muss so jemand gehen? Die kurze Antwort lautet: wegen seines Erfolgs. Die lange Antwort führt in die Untiefen des Spiegel-Verlags – und in die Kampfzone des Medienwandels. Wie bedeutend kann ein Nachrichtenmagazin im Internetzeitalter bleiben? Welchen Stellenwert hat der Onlinejournalismus? Und wer hat die Macht in einem Verlag, in dem sowohl ein bedeutendes Magazin als auch ein führendes Internetportal um Mittel und Möglichkeiten ringen?

Am Dienstag flossen Tränen, kaum dass Müller von Blumencron vor der versammelten Onlineredaktion sagte: "Ich bin ab sofort beurlaubt, und ich denke nicht, dass ich aus diesem Urlaub zurückkehren werde." Die Redaktion, erzählt ein Mitarbeiter, sei schwer getroffen. Müller von Blumencron, das sagen viele, habe genervt, habe nie lockergelassen, von den unmöglichsten Orten aus angerufen, wenn ihm etwas an der Internetseite missfiel. Aber als Chef war er hoch angesehen. Seine Kritik war direkt und schnell, und mancher glaubte, er sei omnipräsent, vielleicht auch deshalb, weil diese Redaktion seine Redaktion war. Er hatte praktisch jeden einzelnen Mitarbeiter dort persönlich eingestellt.

Der scheidende Chef schloss mit den Worten: "Es tut mir leid, dass wir uns als Konkurrenten wiedersehen werden."

Das ist wahrscheinlich. Ihn fasziniert die unfertige Welt des Internets, in der man wenig voraussehen kann und nichts nach klassischen Mustern geht. Dieser " Start-up-Spirit", wie er einmal sagte. Es ist seine Welt geworden, seit ihn der frühere Chefredakteur des Spiegels, Stefan Aust, als USA-Korrespondent abberief und ihm das Onlineportal übertrug.

Als Aust dann 2008 nach einer wochenlangen, hässlichen Hängepartie abtreten musste, wurden Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo zu seinen Nachfolgern an der Spitze von Magazin und digitalem Nachrichtenangebot. Aber sie konnten nicht teilen, sondern stritten und bekämpften einander, wozu auch Müller von Blumencron seinen Teil beigetragen hat. Er ist sicher nicht rauflustig, da ist er Hanseat. Aber wenn er an etwas glaubt, ist er mindestens so hartnäckig und unerbittlich wie sein Widerpart. "Müller von Blumencron ist loyal, geradeaus, aber kein unkomplizierter Mensch: Wenn er irgendetwas für richtig hält, dann hält er es lange für richtig. Wir haben uns oft gestritten und trotzdem gemocht", sagt Fried von Bismarck, der lange Geschäftsführer von Spiegel Online war.

Als es zwischen Mascolo und Müller von Blumencron nicht mehr ging, trennte der Verlag die beiden 2011 zunächst voneinander. Der eine, Mascolo, bekam das Heft, der andere das Digitale, und weil die Heftauflagen sanken, während Spiegel Online wuchs, war Mascolo seit Längerem umstritten.

Den erfolgreichen Digitalchef hat es insofern kalt erwischt, als ihn am Freitag vergangener Woche der Anruf eines Journalisten vom Hamburger Abendblatt erreichte, der von der bevorstehenden Entlassung wusste.

Erst vier Tage später, am vergangenen Dienstag, bestellte der Geschäftsführer Ove Saffe ihn zu sich. Kurz darauf waren Mascolo und Müller von Blumencron ihre Jobs los.

Mit seinem Rennboot segelte er von Quebec nach Saint-Malo

Es wird Letzterem ein schwacher Trost sein, dass er nun zum ersten Mal seit 20 Jahren eine Pause machen kann. Soweit zu hören ist, will er sich erst einmal für einige Wochen zurückziehen. Nicht erreichbar sein. Und vielleicht auf dem Meer ein wenig Abstand gewinnen. Was außerhalb des Verlags wenige Menschen wissen: Müller von Blumencron ist als Segler ähnlich ehrgeizig wie als Journalist. Im vergangenen Jahr kam er mit seinem eigenen Sportboot, einem Class40-Rennboot namens Red, und einem Profiteam auf den zehnten Platz bei einer Regatta quer über den Atlantik, vom kanadischen Quebec ins französische Saint-Malo.

Das Schiff hat einen Kapitän, das Leitmedium aber braucht jetzt einen neuen Chef. Denn Spiegel Online ist längst auch ein Leitmedium – und zwar aus eigener Kraft. Es verzeichnet im Monat 170 Millionen Leser-Besuche und ist gleich nach der tagesschau das wichtigste Medium für die politische Meinungsbildung von Hochschulabsolventen sowie insgesamt der jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren. Den Spiegel, das wöchentlich erscheinende Nachrichtenmagazin, hat das Onlineportal in dieser Zielgruppe weit abgehängt, wie das Hamburger Hans-Bredow-Institut für Medienforschung 2012 in einer repräsentativen Studie herausgefunden hat.

Insofern ist das Werk des Müller von Blumencron erst zum Ärgernis und dann zu einer echten Konkurrenz für das Magazin geworden. "Ohne Blumencron wäre Spiegel Online nicht, was es heute ist", sagt Fried von Bismarck. Und praktisch alle anderen Onliner ahmten ihn nach, er setzte Standards, was auch dazu führte, dass seine Vertrauten Karriere machten. Der eine, Wolfgang Büchner, übernahm die Nachrichtenagentur dpa und rettete sie vor dem Siechtum – jetzt gilt er als Nachfolgekandidat bei der Spiegel-Gruppe. Ein anderer, Stefan Plöchinger, ist inzwischen Chefredakteur von sueddeutsche.de, der Nummer 5 im deutschen Onlinejournalismus.

Müller von Blumencron hat so manches richtig gemacht, und das als Erster.