Fünfhundert Mal saßen wir gemeinsam im Flugzeug von und nach Berlin, mehr als tausend Mal trafen wir uns bei Diskussionen, auf Sommerfesten, Weihnachtsmärkten und an Wahlkampfständen. Ottmar Schreiner und ich waren über achtzehn Jahre lang Gegenspieler im Wahlkreis Saarlouis. Wir hatten politisch wenig Gemeinsamkeiten, aber wir haben uns geschätzt. Vor einigen Jahren kamen wir, eher zufällig, zum Du und blieben dabei.

Ottmar Schreiner war Fallschirmjäger, Fußballer und Jurist. Vor allem aber war er Sozialpolitiker und Sozialdemokrat, und zwar in dieser Reihenfolge. In den mehr als drei Jahrzehnten seiner Parlamentszugehörigkeit drehte sich die Politik um Deutschland und Europa, um Wiedervereinigung und Euro, um Al-Kaida, Afghanistan und den Irak, Ausländerintegration, Atomausstieg und Börsenkurse. Ottmar Schreiner hatte zu all diesen Fragen eine klare Meinung – aber wirklich umgetrieben haben ihn die Probleme der sozial Schwachen. Und hier, allerdings nur hier, gab es für ihn auch keine Koalitions- oder Fraktionsdisziplin.

Während ich in Bonn und Berlin meinen Weg suchte, als Junger Wilder in der CDU, als Europa-, Rechts-, Innen- und jetzt Umweltpolitiker, während Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine und andere in der SPD ihre politischen Positionen mehrfach änderten, blieb Ottmar Schreiner sich und seinem Thema treu. Auch dann, als die eigene Fraktion für ihn keinen Platz im Arbeits- und Sozialausschuss mehr hatte, als es schien, als sei die Zeit über ihn und sein Mantra hinweggegangen.

Die SPD, so wie er sie sah und sehen wollte, war für Ottmar Schreiner mehr als nur eine politische Heimat, sie war Teil seiner persönlichen Identität. Mitglied in der SPD zu sein war ihm keine Sache des Parteibuchs, sondern eine Frage der Lebenshaltung. Sogar dann, als die Linkspartei die meisten seiner inhaltlichen Vorstellungen übernahm und ihn gerne in ihren Reihen gesehen hätte. Er hielt der SPD weiterhin die Treue, obwohl er die Politik der Agenda 2010 niemals akzeptiert hat.

Nachdem er 1998 und 2002 zweimal im Wahlkampf mit dem Thema soziale Gerechtigkeit gepunktet hatte, hielt ich ihm 2003 in einer Diskussionsveranstaltung bei Gewerkschaften den radikalen Kurswechsel von Schröder als Beweis für die Richtigkeit meiner damaligen Positionen vor. Er geriet in Harnisch und rief aus, diese Politik des Kanzlers Schröder sei genauso unsozial wie die von Kohl und Schäuble – und er hatte den Applaus auch diesmal auf seiner Seite.

Über die Richtigkeit seiner Positionen war er niemals im Zweifel: Für ihn hatte Politik nicht diskursiv, sondern dezidiert zu sein. Soziale Sicherheit war die Kernaufgabe des Staates, und sie musste in erster Line durch staatliches Handeln erreicht werden. Sein Vertrauen in die staatliche Problemlösungskompetenz schien unbegrenzt, insbesondere wenn es um Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit ging. SPD, Staat, soziale Gerechtigkeit: Das alles erklärt, warum sich Ottmar Schreiner für Koalitionen, Mehrheitsbildungen und politische Grenzüberschreitungen nicht sonderlich interessierte.

Zu Hause, im Saarland, liebte man ihn dafür. Aber die Zuneigung der Leute verhinderte nicht, dass er 2009 sein Direktmandat verlor und nur über die Landesliste in den Bundestag kam. Zu stark war die Linkspartei nach der Rückkehr von Lafontaine in seinem – in unserem Wahlkreis – geworden.

Die Menschen zu Hause mochten uns übrigens beide, obwohl wir in manchen Dingen so verschieden schienen, als kämen wir von unterschiedlichen Planeten. Ottmar Schreiner wird der SPD fehlen, mir allerdings auch.