DIE ZEIT: Herr Ratsvorsitzender, wer hatte die Idee zu diesem Gipfeltreffen? Wollte der Protestant den Katholiken kennenlernen oder umgekehrt?

Nikolaus Schneider: Die Initiative ging von uns aus, allerdings war der Anlass der Reise ein anderer. Wir wollten der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl ein Geschenk machen, ein Konzert mit Liedern von Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer.

ZEIT: Sie wollten die Reformation in Gestalt Ihrer Hausheiligen nach Rom bringen! Ein trojanisches Pferd!

Schneider: Nein! Sondern ein Nachklang unseres Themenjahres "Reformation und Musik". Aber dann hatte die Deutsche Botschaft beim Vatikan mit dem zuständigen Kardinal für Ökumenefragen und mit dem Sekretariat des Papstes Kontakt aufgenommen, es wurde eine Audienz mit Benedikt XVI. verabredet. Als er Ende Februar zurücktrat, war die spannende Frage, ob Franziskus diesen Termin übernehmen würde. Nun hat es geklappt.

ZEIT: Kirche trifft Kirche. Muss man sich das wie ein Aufeinanderprallen von Nordkorea und Südkorea vorstellen? Oder wie bei Angela Merkel und Wladimir Putin?

Schneider: Nein. Christ trifft Christ. Das ist eine Begegnung von Gleichgesinnten. Das Schönste am Besuch bei dem neuen Papst war für mich seine Emotionalität. Man merkte, da sucht einer die Nähe zum anderen Menschen. Dass er mich auf Deutsch begrüßte, hat mich sehr bewegt.

ZEIT: Und worüber haben Sie dann gesprochen?

Schneider: Ich habe ihm gesagt, dass wir gemeinsam unseren Glauben leben und bekennen müssen. Darin hat er mir sehr zugestimmt. Er knüpfte an die wertschätzenden Worte über Martin Luther an, die Benedikt bei seinem Besuch in Erfurt im September 2011 gesprochen hatte. Und er erzählte mir, wie wichtig ihm der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer ist, dessen Buch Widerstand und Ergebung ihn offenbar sehr inspiriert hat, auch für sein eigenes Gebet und für seinen Glauben. Also, Franziskus war sehr entgegenkommend. Ich nehme das als ein Zeichen, dass er durchaus Gemeinsamkeiten mit den Kirchen der Reformation wahrnimmt. Und dass er sich auch einen gemeinsamen Weg der Kirchen in die Zukunft vorstellt.

ZEIT: Wollen Sie das denn auch? Und ausgerechnet mit einem Jesuiten? Das war doch die Gegenreformation. Der Orden sollte Leute wie Sie bekämpfen!

Schneider: Früher war das so. Aber innerhalb der römisch-katholischen Kirche gehörte der Ordensgründer Ignatius von Loyola zu den Reformatoren. Nach außen hin war er ein Gegner der Reformation.

ZEIT: Ein Feind im päpstlichen Auftrag.

Schneider: Der Jesuitenorden war die Speerspitze der Gegenreformation. Aber gottlob leben wir heute in völlig anderen Verhältnissen! Heute können wir uns mit den Jesuiten theologisch verständigen, weil auch sie die Kirche weiterentwickeln, öffnen, erneuern wollen. Man merkt ihnen dieses "Reform-Gen" an. Deshalb sind sie für mich eine Hoffnung.

ZEIT: Ich glaube, Sie hatten zuvor noch nie eine Privataudienz bei einem Papst. Wie muss man sich das vorstellen? Sie wurden sicher nicht in die große Audienzhalle gebeten.

Schneider: Nein, in den Apostolischen Palast. Wir gingen durch eine einfache Tür, fuhren mit dem Fahrstuhl hoch, liefen durch lange Gänge, große Säle, kleine Säle, und irgendwann standen wir vorm Büro des Papstes. Dort bekamen wir Instruktionen von Erzbischof Georg Gänswein, und dann wurden wir hereingerufen.

ZEIT: Sie allein?

Schneider: Nein. Bei uns kam Kardinal Koch mit, um uns alle vorzustellen: meine Frau und mich, den Vizepräsidenten der EKD Thies Gundlach und den Botschafter Reinhard Schweppe mit Frau. Wir wurden herzlich begrüßt, dann wurde ein Foto gemacht, und dann gingen alle anderen wieder hinaus – außer Kardinal Koch, der als Übersetzer blieb. Er hat sich am Gespräch aber inhaltlich nicht beteiligt. Wissen Sie, so ein Gespräch im Vatikan ist ja auch eine Inszenierung. Aber sobald Sie diesem Papst begegnen, rückt die Inszenierung in den Hintergrund.

ZEIT: Wirklich kein Theater?

Schneider: Franziskus hat tatsächlich das Talent, die menschlichen Dimensionen seines Amtes klarzumachen: das Dienende, nicht das Prunkvolle und Imposante. Er besitzt die persönliche Stärke, für eine menschliche Atmosphäre zu sorgen.

ZEIT: Trotzdem bleibt er der Heilige Vater, also nach katholischem Verständnis die Gott am nächsten stehende Autorität – von Luther einst als Papstesel verspottet. Wie erklären Sie denn Ihren Protestanten in der Heimat, dass Sie den Chef des gegnerischen Vereins besuchen?

Schneider: Der Papst als Vertreter der römischen Weltkirche muss wissen, was Protestantismus in Deutschland bedeutet. Ihm das zu vermitteln gehört auch zu meinen Aufgaben. Unsere ersten Ansprechpartner sind zwar die katholische Deutsche Bischofskonferenz mit Erzbischof Zollitsch und in Rom der Ökumene-Kardinal Koch. Aber am Ende ist nach katholischem Verständnis der Papst die entscheidende Instanz.