Im Fortschritt steckt ein kleiner fieser Teufel, der Teufel der Gewöhnung. Man vergisst, wie die Welt aussah, bevor es den Fortschritt gab – ein Leben ohne das tägliche Brot, ohne medizinische Hilfe. Fortschritt stumpft ab, er sorgt dafür, dass seine Vorgeschichte vergessen wird: der grässliche Überlebenskampf, all die Mühsal und Plackerei.

Es war also an der Zeit, an die Vorzüge des Fortschritts zu erinnern, wie es die Serie Vorsicht, gute Nachrichten getan hat (ZEIT Nr. 13, 14, 15/13) – daran, dass es Regionen gibt, in denen die Menschen aus gutem Grund an den Fortschritt glauben dürfen. Während in der Euro-Zone der Stern des Kapitalismus sinkt und das Heer der Arbeitslosen ebenso wächst wie der Zweifel an der Zukunft, hat das Jahr 2013 alle Chancen, in die Wirtschaftsgeschichte einzugehen: Erstmals übertrifft die Produktion der Schwellen- und Entwicklungsländer das von Nordamerika, Westeuropa und Japan (Blätter für deutsche und internationale Politik Nr. 4/13). Der Human Development Report spricht schon vom "Aufstieg des Südens", denn dort geht die Zahl der Hungerleider zurück. Ein Fortschritt.

Und doch – auch wenn diese Tendenz Anlass zu Hoffnung gibt, sollte man eine tendenzielle Zukunft nicht mit der brutalen Gegenwart verwechseln. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zählt 870 Millionen Menschen, die Tag für Tag hungern müssen. Noch immer leiden 101 Millionen Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung, obwohl die Zahlen seit Jahren – mit Ausnahme von Afrika – rückläufig sind. Alle sechs Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, im Jahre 2011 waren es sieben Millionen Kinder, die an fehlender Nahrung, an Aids, Durchfall oder anderen behandelbaren Krankheiten starben. "Der Welt geht es sehr gut!" ist ein Satz, der vom Mond aus geschrieben ist. Dort oben stimmt er. Man sieht, dass der Planet Erde vor Reichtum überquillt. Dass täglich immer noch Tausende elend sterben, verliert die Statistik aus dem Blick.

Ohnehin kann man nicht allen Erfolgsmeldungen im Kampf gegen die Armut trauen. Thomas Pogge zum Beispiel, Leitner-Professor für Philosophie an der Yale University, traut ihnen nicht. Seit Jahren äußert er Zweifel an der offiziellen Armutsstatistik, erst recht, wenn sie von der Weltbank zusammengerechnet wird. Pogge ist international der vielleicht bekannteste Philosoph, der über Armut und Hunger nachdenkt, und inzwischen fühlt sich selbst die Weltbank genötigt, auf seine Einwände zu reagieren (ZEIT Nr. 18/09). Pogge wirft den Statistikern vor, sie würden die Kaufkraft der Armen systematisch zu hoch und die Armutsgrenze skandalös zu niedrig ansetzen. Laut Weltbank-Definition lebt ein Mensch erst dann in extremer Armut, wenn er im Monat über weniger als 38 Dollar verfügt. Doch diese Berechnung, sagt Pogge, lege Konsumgüter zugrunde, die für die Armutsbekämpfung irrelevant seien. Entscheidend dagegen seien die Preise für Nahrungsmittel – und deren drastische Preissteigerung würde schlichtweg ignoriert. "Das Ergebnis ist ein absurd rosiger Blick auf angeblich weltweit sinkende Armut."

Pogges Gegenrechnung lautet: Wenn man die Armutsgrenze auf – immer noch jämmerliche – 76 Dollar pro Monat verdoppelt, dann ist die Zahl der Armen zwischen 1981 und 2008 nicht, wie die Weltbank verkündet, um knapp 700 Millionen auf 1,3 Milliarden gesunken, dann ist sie sogar auf drei Milliarden gestiegen. Drei Milliarden Menschen, die sich täglich nicht einmal so viel leisten können, wie man in den USA für 2,50 Dollar kaufen kann. Oder noch ein Beispiel: Bis 2011 meldete die FAO ständig steigende Zahlen, jetzt spricht sie überraschend von einem Rückgang der Hungernden von einer Milliarde auf 870 Millionen. Für Pogge verdankt sich diese Verringerung einer methodologischen Trickserei. Denn zu den Hungernden zählen nur noch die, die ein Jahr lang nicht genug Kalorien für einen, wie es heißt, "bewegungsarmen Lebensstil" aufbringen. Wer also nur einige Monate im Jahr hungert, kommt in der FAO-Statistik gar nicht vor. "Ein hungriger Rikschafahrer", sagt Pogge gegenüber der ZEIT, "ist nach dieser Definition biologisch unmöglich, er würde unterhalb der minimalen Kaloriengrenze ein Jahr schwerer Arbeit gar nicht überleben." Ohnedies könne niemand exakt berechnen, wie viele Menschen tatsächlich unterernährt seien – es gebe Studien, wonach allein in Indien mehr Unterernährte lebten, als die FAO für die ganze Welt zugeben möchte.

Gibt es überhaupt keinen Fortschritt? Haben sich die globalen Lebensverhältnisse nicht doch erstaunlich verbessert? Zweifellos, es gibt wachsenden Wohlstand, und dass die extreme Armut zurückgeht, ist keine statistische Fiktion. Aber Pogge beeindruckt das wenig, denn der moralische Skandal, das tägliche Sterben, halte unverändert an. "Wenn Sie sagen, dass es den Sklaven in den USA im Jahr 1850 besser ging als im Jahr 1820, dann macht das die Sklaverei trotzdem nicht hoffähig." Tatsächlich ist die Menschheit so reich, dass niemand mehr verhungern müsste. Von 1988 bis zur "Großen Krise", bis zum Systemversagen des Finanzkapitalismus 2008, gewannen die obersten fünf Prozent der Weltbevölkerung knapp drei Prozentpunkte des globalen Haushaltseinkommens hinzu (von 43 auf 46 Prozent). Drei Prozent – das klingt nach wenig. Doch für die ärmsten 40 Prozent der Weltbevölkerung hätte derselbe Zugewinn einen riesigen Sprung nach vorn (von 2 auf 5 Prozent des globalen Haushaltseinkommens) bedeuten können.

Es stimmt: Wo nichts ist, da ist Wachstum ein Segen. Und doch gehört zu einem menschenwürdigen Leben nicht nur ein ökonomischer Fortschritt; dazu gehören auch politische und soziale Rechte und vor allem: ein supranationales Regelwerk, das beim Rattenrennen um den höchsten Profit nicht nur die Interessen der reichen Länder berücksichtigt. Warum fallen bei einem in Vietnam gefertigten Turnschuh, der hierzulande fröhliche 100 Euro kostet, nur gut 2 Euro Arbeitskosten an? Anders gefragt: Warum kann die Welthandelsorganisation, die doch sonst alles bis ins Kleinste regelt, bei ihren Mitgliedern nicht einen einheitlichen Mindestlohnstandard durchsetzen?

Angenommen, all dies gelingt. Es gelingt, die Schande der Welt, den Hunger, abzuschaffen und den Traum der Vereinten Nationen in Erfüllung gehen zu lassen – den Traum einer Welt, in der jeder seine Fähigkeiten entfalten kann, als freier Mensch in einer Demokratie: Das wäre in der Tat ein Triumph des Fortschritts.

Und doch würden sich die Menschen in den westlichen Ländern ihren Zweifel am Fortschritt kaum ausreden lassen, den Zweifel, ob der Planet diesen überhaupt aushält und die Klimakatastrophe abgewendet werden kann. Wenn nicht alles täuscht, hat sich hierzulande der Zeitpfeil umgedreht, und die Zukunft ist kein leuchtendes Versprechen mehr, sondern eine Quelle von Sorge und Ungewissheit, zumal nach dem Finanzmarkt-Desaster, bei dem der Kapitalismus vor sich selbst gerettet werden musste. Der Markt hat seinen Verheißungscharakter verloren, und die beste Zukunft scheint nun diejenige zu sein, in der das Morgen nicht schlechter ist als das Heute.

Der Fortschritt scheint längst zur Zwangsveranstaltung geworden zu sein. Seine große Maschine muss am Laufen gehalten werden, ihre Steigerungsspirale muss sich weiter drehen, und sei es für einen winzigen Zuwachs an Wohlbefinden. Jeder von uns soll multioptional und dauermobil, profitabel und effizient sein Leben führen, er soll seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, während gleichzeitig die soziale Ungleichheit wächst, das Leben im Prekären.

Die Gesellschaft hat daher allen Grund, die Folgen ihres Fortschritts zu korrigieren, und nicht nur die ökologischen. Falls es gelingt, darf sie es ruhig – einen Fortschritt nennen.

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