Es lohnte, für die Zeit nach 1990 die beiden Städte Berlin und Wien miteinander zu vergleichen, zwei am Eisernen Vorhang gelegene Metropolen, die plötzlich eine neue Geschichte bekamen, ohne ihre alte loswerden zu können. In Berlin wurde die Vergangenheit aufgescheucht, wo immer sie sich versteckte, sie wurde memoriert und konserviert, beschworen, bestritten, bedacht, in jeder Form beleuchtet, in bejubelten Rekonstruktionen ersteht sie wieder auf, gelegentlich verschwindet sie auch mit der Abrissbirne unter Seufzern der Erleichterung. Mittlerweile ist Berlin auch so etwas wie ein Themenpark der historischen Fantasie.

In Wien dagegen, dem unzerstörten, lauert die Vergangenheit nach wie vor in Ecken und Winkeln wie der Odradek. Sie verbirgt sich hinter Treppen und Tapeten, sie west unter Kanaldeckeln und Barockdächern, beim Abendessen sitzt sie mit am Tisch, mal ein willkommener, mal ein steinerner Gast. Die Ur-Lebenslüge, man sei Opfer der Nazis gewesen und nicht freudiger Mitläufer, diese Lüge war eine treue Begleiterin des österreichischen Lebens auf Jahrzehnte.

Niemand allerdings käme in Wien auf den Gedanken, die Macht des Vergangenen könne durch seine resolute, von selbstermunternden Rufen begleitete Umarmung gebrochen werden. Es hat sich in Wien ein Gespür für die Schicksalhaftigkeit der Geschichte erhalten, und dieses Grundgefühl prägt sämtliche Figuren in Robert Schindels Roman Der Kalte. Das macht es für Österreich nicht besser: Der jahrzehntelange Streit darüber, was der Anschluss wirklich war, all die Kulturkämpfe und Antifaschismen, die Reuesymbole und Reinigungsgesten waren nie stärker als während der "Waldheimjahre".

Und genau diese Phase, etwa zwischen 1985 und 1989, lebt in Robert Schindels zweitem Roman noch einmal auf. Schindel erzählt, wie in Wien die NS-Vergangenheit aus der Kulisse tritt. Die Überlebenden der Lager wissen, dass sie immer dort war, doch plötzlich löst sie ein gewaltiges Geschrei aus. Sie hat sogar ein Gesicht, das Gesicht Kurt Waldheims, der in diesem Buch Johannes Wais genannt wird und nur eine Nebenfigur ist, ein melancholischer Dödel, der kaum begreift, was sich während seiner Präsidentschaft im Land abspielt.

Wenn es tatsächlich einen Protagonisten in diesem an Gestalten und Perspektiven überreichen Buch gibt, dann ist es der Auschwitz-Überlebende und Exkommunist Edmund Fraul. Der unaufhaltsame antifaschistische Kämpfer wird langsam müde, den Nachgeborenen die Wahrheit über die Schoah zu erzählen, den Staatsanwälten, den Historikern und Journalisten, den gelangweilten Schulklassen. Fraul spürt, dass seine Mission an ein Ende gelangt. Das Wais-Waldheim-Geschehen verfolgt er nur noch am Rande, denn es ist die erste vergangenheitspolitische Affäre, die nicht mehr von der Erinnerung an die Wirklichkeit der Vernichtung angetrieben wird, sondern von der moralischen Überhöhung eines eher marginalen Einzelfalls auf der Bühne der Weltöffentlichkeit.

Fraul, einst der Schreiber des Lagerarztes, sucht die Nähe eines anderen Veteranen, Rosingers, der in Auschwitz einst den Kindern das Phenol ins Herz spritzte. Sie erzählen einander Geschichten aus dem Lager. Fraul lernt etwas über die noch immer intakten Altnazi-Netzwerke. Er kommt sogar Egger, dem "Schädelknacker", auf die Spur, aber dieser Fall, anders als jener des Staatspräsidenten, erledigt sich von selbst. Die Suche nach Egger, dem freigesprochenen und später untergetauchten NS-Mörder, spielte bereits in Schindels erstem Roman Gebürtig (1992) eine Rolle und gehört zu den Motiven, die beide Bücher zu einem zeitgeschichtlichen Wien-Komplex verbinden.

Fraul hat einen Sohn. Dieser Karl ist Schauspieler am Burgtheater und hat sich mit seinem Vater nichts mehr zu sagen. Karl betrügt seine Freundin Margit, die sich daraufhin in der Donau ertränkt. Er spielt sich nach oben in dem von einem Deutschen geführten Kulturtempel und wirkt mit in der zu Höchstform auflaufenden Theater-Skandal-Maschine. Ein Bundeskanzler tritt auf, ebenso sein Chefberater, der die Kampagne gegen Wais einfädelt, denn neben der tatsächlichen Rolle des Präsidenten in der deutschen Wehrmacht hatte die Affäre auch etwas Inszeniertes. Journalisten ziehen Strippen, dem linken Großkünstler Krieglach wird ein Kübel Kot vor die Tür gekippt.