Es war nur eine beiläufige Bemerkung, aber sie zielte ins Herz eines ideologischen Großkonflikts. Ohne selbstständige Menschen, die angstfrei ihre Meinung äußern könnten, werde sich Russland nicht entwickeln, sagte Angela Merkel auf der Hannover-Messe zu Wladimir Putin.

Touché. Demütigungsversuch abgewehrt. Die Razzien bei deutschen Stiftungen in Russland, das breitbeinige Interview des russischen Präsidenten im deutschen Fernsehen: Putins autoritäres Gehabe perlt an Merkel ab.

Aber es geht um mehr. Der Wortwechsel von Hannover war nur ein Moment in einer der wichtigsten Auseinandersetzungen dieser Jahre – im Wettbewerb zwischen Demokratie und Autokratie.

Euro-Krise, Guantánamo – alles dient der antiwestlichen Propaganda

Im Zentrum dieser Auseinandersetzung steht die Frage, ob unfreie Gesellschaften in der globalisierten Welt auf Dauer Erfolg haben können. Putins autoritär geführtes Russland ist die eine Wette darauf. China die andere, noch bedeutendere. Der Herr im Kreml will zwar eine technische Modernisierung, doch die Gesellschaft soll unter der Knute bleiben. Und China will an die Stelle universaler Regeln, sprich: der unteilbaren Menschenrechte, eine friedliche "Harmonie" der Systeme setzen. Was auch nur eine wohlklingende Umschreibung für das Ziel ungestörter Unterdrückung ist.

Dieser neue Systemkonflikt kommt für den Westen, und für Deutschland zumal, in einem doppelt ungünstigen Moment. Denn die alten, bundesdeutschen Dogmen des Umgangs mit unfreien Regimen, die noch aus Zeiten des Kalten Krieges stammen, funktionieren nicht mehr. Und, ärger noch, die Auseinandersetzung erwischt den Westen in einer Phase massiver – und durchaus berechtigter – Selbstzweifel. Wozu das führt, das zeigt exemplarisch Deutschlands Russland-Diplomatie: Sie schlittert gerade in ihre tiefste Krise seit dem Ende des Kommunismus.

Wie man mit autokratischen Herrschern umgeht, das haben die Deutschen in den Jahren der Ostpolitik am russischen Fall gelernt. Unter wechselnden Formeln wie "Wandel durch Annäherung", "strategische Partnerschaft" oder "Modernisierungspartnerschaft" war der Grundgedanke stets derselbe: Wirtschaftliche Einbindung wird gesellschaftliche Öffnung nach sich ziehen.