Es gab einmal die Mini Playback Show. Drei Kinder traten gegeneinander an, verkleideten sich als ihre Popidole, taten so, als ob sie sängen, und am Ende gewann einer der drei Kandidaten einen Pokal. Oder, im besten Falle, einen Kassettenrekorder. Was waren das für lahme Zeiten!, muss man angesichts von The Voice Kids denken, jener neuen Castingshow, die seit vergangenem Freitag auf Sat.1 läuft. Auch hier treten Kinder auf, aber sie singen ihre Popsongs live, begleitet von einer Studioband. Die Teilnehmer sind nicht älter als 14, die jüngsten gerade einmal acht Jahre alt. Anstelle des Pokals gibt es 15.000 Euro Ausbildungsgeld plus die Option auf einen Plattenvertrag. In erster Linie gehe es aber nicht ums Gewinnen, sondern ums Spaßhaben, sagt Jurymitglied Lena Meyer-Landrut – die selbst nur berühmt ist, weil sie einmal vor drei Jahren eine Castingshow gewann.

Dass die Teilnehmer von The Voice Kids Talent haben, davon konnte man sich am Freitag überzeugen. Erschreckend professionell waren alle Kinder. Sie können singen, und sie scheinen auch genau zu wissen, wie man sich auf der Bühne bewegt, welche Gesten den Gesang untermalen und wie man seinen Auftritt abrundet: in die Kamera lächeln und Dankeschön sagen – mit Betonung auf "schööön". Zu sehen war die jüngste Generation unserer Castingshow-Gesellschaft, die den Bühnen-Habitus von klein auf verinnerlicht hat. Sie ist mehrheitlich nach 2000 geboren, dem Jahr, in dem Popstars, Deutschlands erste Musik-Castingshow, auf Sendung ging, und sie hat gelernt, dass man in diesem Leben ein Kandidat zu sein hat: "Diese Show ist meine große Chance" – "Wenn ich das schaffe, kann das mein ganzes Leben verändern" – "Es ist mein größter Traum, auf dieser Bühne zu stehen". Und natürlich fiel am Freitag auch der unvermeidliche Satz: "Ich will gewinnen!"

Schon die Vorläufersendung für Erwachsene, The Voice of Germany, zeichnete sich dadurch aus, mit seinen Kandidaten pfleglicher umzugehen als andere Castingformate. Statt mit Häme werden die Teilnehmer mit Lob überschüttet. Dieses Prinzip wird bei der Kids-Version auf die Spitze getrieben. Kein böses Wort darf an die zarten Kinderohren dringen. Leider verfügen die drei Jurymitglieder über einen begrenzten Wortschatz, um ihre Begeisterung auszudrücken: "Du bist so, so toll"; "Du bist zuckersüß"; "Du bist eine tolle Frau" (O-Ton Lena Meyer-Landrut zu einer Zehnjährigen). Der Deutschpop-Sänger Tim Bendzko findet die Darbietungen der Kinder einfach "unfassbar", wie er in der ersten Sendung gleich zwölfmal betonte.

Trotz aller Begeisterung müssen natürlich auch Kinder ausscheiden. Seltsamerweise ist das in der ersten ausgestrahlten Sendung nur zwei von 13 Kindern passiert. Wer bei einer der Aufzeichnungen dabei war, die in den vergangenen Wochen in Berlin stattfanden, erlebte hingegen Enttäuschungen am laufenden Band. Innerhalb von dreieinhalb Stunden – in denen das Publikum, darunter ebenfalls viele Kinder, Geduld bewies und tapfer klatschen musste – sangen 16 Kandidaten, vier bleiben am Ende übrig. Wie schickt man einen Achtjährigen nach Hause? "Ihr seid alle toll, das war jetzt mein reines Bauchgefühl" (Meyer-Landrut). Die Kinder könnten mit der Niederlage durchaus umgehen, für sie sei das Ganze nur ein Spiel, versichert eine The Voice Kids-Mitarbeiterin. Wie aufs Stichwort bricht auf der Bühne hinter ihr eine gescheiterte Kandidatin in Tränen aus. Sechs Erwachsene stehen hilflos um sie herum, alle Umarmungen und warmen Worte können sie nicht beruhigen. Die Eltern warten im Backstagebereich. Schließlich muss das weinende Mädchen von der Bühne geführt werden. Eine schockierte Zuschauerin im Publikum sagt zu ihrer Banknachbarin: "Also, ich würde mein Kind hier nicht mitmachen lassen."

Ob man den Ausbruch im Fernsehen sehen wird, darf bezweifelt werden. Auf Nachfrage teilte The Voice Kids mit, dass es 72 Kinder in die Vorrunde geschafft haben, in drei Folgen soll davon die Hälfte ausgewählt werden und in die zweite Runde einziehen. Demnach müssten in jeder Vorrundensendung zwölf von 24 Kindern rausfliegen. Eindeutig zu viele Verlierer in einer Sendung, die nur Gewinner kennt.