Bei der heiligen Alice! "Feministin" will die Hohe Fraumünster-Frau um nichts in der Welt genannt werden. Und recht hat sie, aus ihrer Sicht. Ihr Haar liegt haargenau, wo es soll, und sie öffnet keine Flasche Wein, wenn sie eine Journalistin empfängt. Regula Zweifel, Präsidentin der Frauenzunft, genauer der Gesellschaft zu Fraumünster, ist Kulturhistorikerin, war zwölf Jahre lang stellvertretende Direktorin des Zürcher Landesmuseums, und sie kämpft für Gleichstellung im öffentlichen Raum. Sie plädiert dafür, dass Frauen am Sechseläuten-Umzug teilnehmen können. "Man soll uns als Gast behandeln, so wie den Gastkanton." Oder man könne die Frauen "eingemeinden" wie nach der Stadtgründung die Quartiere, die heute als Quartierzünfte gleichberechtigt mit den historischen Zunftvereinen marschieren.

Doch können denn Frauen überhaupt marschieren? Diese Frage stellen sich ihre Gegner, die das Zürcher Frühlingsfest in den fünfziger Jahren neu erfunden haben und seitdem in militärischer Ordnung durchführen. In solcher Ordonnanz hat Zivilistin Zweifel keine Chance, mag sie noch so kompromissbereit sein. Das ZZZ, das Zentralkomitee der Zünfte Zürichs, schließt die Damen mit Verweis auf die Satzung aus. Tatsächlich aber zählen andere Argumente: Schon heute ist der Zug so lang, dass die Männer Angst haben, nicht rechtzeitig um 18 Uhr beim Böögg zu stehen, wenn der in Flammen gesetzt wird. Und wäre mit einer Zusage an die Damen nicht "jedem Schornsteinfegerverein" Tür und Tor geöffnet? Die Tür ist zu und basta. So redet Pius Schmid, Zunftmeister der Zunft Zu den Drei Königen, der Frauen erbittertster Gegner. Nach Schmids schäumenden Argumenten muss die Frauenzunft ein schwarzer Block sein. Und diese Ansicht scheint auch die Stadt Zürich zu teilen. Denn sie hätte das Recht, vom ZZZ, das öffentlichen Raum beansprucht, die Aufnahme von Frauen zu verlangen. Tatsächlich aber gilt der Frauenzug als politische Demonstration, weshalb jedes Jahr eine Bewilligung bei der Polizei eingeholt werden muss.

Die Frauenzunft muss losmarschieren, bevor die Fernsehkameras laufen

Das Zuhause der ersten Demonstrantin Zweifel befindet sich im gepflegten Kilchberg. Ihre Wortwahl trägt einen bürgerlichen Mittelscheitel, ihr Tonfall gleicht dem milden Frühlingsregen, und so erzählt sie von der Frauenzunft als Sozialem Netzwerk, von starken Persönlichkeiten, welche man jenseits von geschäftlichen Interessen kennenlernt – Juristinnen, Finanzfachfrauen, Gastronominnen oder etwa die Grande Dame der Schweizer Werbung, Doris Gisler. Die Gesellschaft bezieht sich auf die Zürcher Fraumünster-Abtei, welche von König Ludwig dem Deutschen 853 gegründet wurde und bis zur Reformation 1524 bestand. Eine hohe Zeit für hohe Frauen war das! Die Äbtissinnen galten als Reichsfürstinnen und Stadtherrinnen von Zürich.

Freundschaften pflegen, einen Mittelaltermarkt organisieren, den jeweils 15.000 Menschen besuchen, historische und zeitgenössische Zürcher Frauen ehren, das tun die zünftigen Frauen. Diesen Sechseläuten-Montag wird der Theologin und Pfarrhelferin Rosa Gutknecht (1885 bis 1959) mit einer Tafel am Grossmünster gedacht werden. 62 Frauen tun heute bei der Frauenzunft mit, die Älteste ist gegen 80, die Jüngste ist gegen 30 Jahre alt. Noch immer mit dabei ist Catherine Ziegler Peter, eine Mitbegründerin von 1989. "Frauen spielten in Zürich schon immer eine wichtige Rolle. Deshalb steht ihnen auch ein Platz in einer historischen Rückschau wie dem Sechseläuten zu", sagt sie. Streitsüchtig klingt das nicht, sondern diplomatisch.

Kommenden Montag wird ihr Straßenkampf mit bürgerlichen Mitteln unter verschärften Regeln stattfinden, eine "Strafaktion" des ZZZ, meint Präsidentin Zweifel. Die Gründe dafür liegen im Umzug vor einem Jahr. Der 15.April 2012 war das Waterloo der Männer. Sie waren nach 24 Jahren über ihren Schatten gesprungen und hatten den Frauen erlaubt, die gleiche Route zu laufen wie sie. Mit Folgen.

Durch diese hohle Gasse wollten sie gehen: 62 Frauen samt Ehrengästen, eigenen Kindern oder für den Anlass geliehenem Nachwuchs. Bewaffnet mit Blumen waren sie auf der Bahnhofstraße unterwegs, mit heimtückischen Schwert- oder schönfärberischen Unschuldslilien. Allein unterwegs waren sie – oder fast. Die Zuschauerbänke waren noch leer, das Programm hatte offiziell noch nicht begonnen.

Zur Sicherheit schickte man die Unbotmäßigen 45 Minuten vor dem Start auf die Piste und verlangte von ihnen die minutengenaue Einhaltung der Route, postierte Kontrolleure. Mit dem Sicherheitsabstand stellt das ZZZ sicher, dass die Kameras des Schweizer Fernsehens bei Durchzug der Gegnerinnen noch nicht eingeschaltet sind. Und wichtiger: Beim Kontermarsch in der Bahnhofstraße darf es nicht zum Blickkontakt mit den Damen kommen! Was könnte alles passieren, wenn so ein wildes Weib einen ehrlich als Schmied kostümierten Schönheitschirurgen bezirzte oder diesen gar in ihre Fänge bekäme?

Doch letztes Jahr war die Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf Ehrengast der Frauen. Und deren Auftritt führte mit der Zeit zu einem Ansturm des Publikums. Regula Zweifel erinnert sich: "Sie wurde überhäuft von Geschenken, Briefen, Blumen!" Der Umzug geriet ins Stocken und – die Spitze der Männer lief in die Handvoll Frauen auf! Das "Chaos", so Zunftmeister Schmid, war perfekt.

Stadtpräsidentin Corine Mauch will sich nicht einmischen

Für die Zünfter war der Vorfall kein Zufall, sondern pure Provokation. Es war der letzte Beweis dafür, dass die Frauen die Ordnung der Männer vorsätzlich umstoßen und sich selbst an die Spitze des Zuges pflanzen wollten.

Darum erfolgt jetzt die "Strafaktion". Wenn die Frauenzunft kommenden Montag losmarschiert, muss sie nicht nur 45 Minuten, sondern 60 Minuten Abstand halten zu den herrlichen Herren. Stadtpräsidentin Corine Mauch kommentiert das Geschehen auf Anfrage nur schriftlich: "Ich erwarte von den beteiligten Streitparteien, dass sie in gutzürcherischer Tradition (...) eine einvernehmliche, der heutigen Zeit angemessene Lösung finden." Doch die Stadt "als Aufpasserin anrufen zu wollen ist nicht angebracht". Ein Votum, das keinen mehr freut als Zunftmeister Schmid: "Die Stadt macht einen Bogen um das Thema. Und sie hat recht. Wir regeln das unter uns." Dieses "uns" versteht Herr Schmid zweifellos als Ausdruck seiner eigenen Person im Plural.