Es ist die Woche, in der die Kanzlerin mit Rekordabstand vor dem Kandidaten liegt und Steinbrück, der einstige SPD-Star der Großen Koalition, weiter zum Problem-Peer schrumpft, zum Kandidaten, dem nichts gelingen will. Das ist sein mediales Bild. Dieses Bild ist immer schon da, wenn Steinbrück irgendwo eintrifft. Und weil es schon da ist, findet sich auch immer etwas, das es bestätigt. Selbst dort, wo nichts ist.

Beim Versuch, mit der Zukunft in Kontakt zu treten, landet Peer Steinbrück im Bällebad neben Antonia. 2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond heißt das Stück, das die 13- bis 19-jährigen Nachwuchsschauspieler des Deutschen Theaters einüben. Antonia, 19, will vom Kanzlerkandidaten wissen, welche drei Dinge er ins Jahr 2035 mitnehmen würde. Die beiden liegen auf dem Rücken, Kopf an Kopf auf Plexiglaskugeln. "Ein Taschenmesser", antwortet Steinbrück, "Krieg und Frieden von Tolstoi, eine Flasche Rotwein." – "Welche Marke?" – ""Ich sag nix mehr zu Marken." – "Was darf er kosten?" – "Über Preise spreche ich erst recht nicht mehr."

Alle lachen, Steinbrück, die Jungschauspieler, der Journalistentross, der Steinbrück bei seiner Besuchsreise durch das Bundesland Berlin begleitet. Und welches Lied Steinbrücks Zukunftssong sei? "Take a Walk On the Wild Side von Lou Reed."

Die Nachrichtenagenturen melden später, Steinbrück traue sich nichts mehr, sei vorsichtig geworden, wolle nicht noch mal in die Falle tappen wie im vergangenen Dezember, als er kundtat, keinen Pinot Grigio zu trinken, der weniger als fünf Euro die Flasche koste. Tenor: Da kämpft einer so sehr um Selbstkontrolle, dass er nicht mehr er selbst ist.

Seit er Kandidat ist, sind Steinbrück in unschöner Regelmäßigkeit Fehler unterlaufen, von zu billigem Weißwein über einen Hedgefondsmanager als Internetberater bis hin zu Eierlikörgate, dem ersten Wohnzimmerbesuch beim Volk, der sich als Heimspiel bei Sozialdemokraten entpuppte, und vielem mehr. Seitdem erscheint in den Medien Stolper-Steini, der Mann, der zielsicher die Fettnäpfchen findet.

Rund sechs Stunden nach seinem Auftritt im Jungen Deutschen Theater steht Steinbrück in einem Kreis im Tempodrom, der zeltartigen "Location für jeden Event" (Eigenwerbung) in Kreuzberg, um ihn herum rund 400 Leute. Es ist der Mittwoch nach Ostern, der Tag, an dem die Bild auf Seite 1 die "Kanzlerin privat" zeigt und rührende Fotos von Angela Merkel und dem Enkelkind ihres Mannes im Osterurlaub auf Ischia druckt. Am Wochenende davor hat die Süddeutsche Zeitung die Kanzlerin ganzseitig als heilige Angela der EU-Gipfel porträtiert. Steinbrücks Widersacherin ist jetzt also nicht nur eine Frau, die nie schläft, immer für Deutschland kämpft, Europa zusammenhält und bestens gelaunt zu Pressekonferenzen erscheint, sondern auch noch Oma.

Zweieinhalb Stunden lang steht Steinbrück den Tempodrom-Besuchern Rede und Antwort. Kein Frontalunterricht, kein Klatschmarsch, kein Brimborium. Leute fragen, und der Kandidat antwortet. Es geht um die Bürgerversicherung, die Zypernkrise, bezahlbare Mieten, eine europäische Ratingagentur, die doppelte Staatsbürgerschaft, die Künstlersozialversicherung, die Bezirksverordnetenversammlung von Steglitz-Zehlendorf, die Steueroasen, den Pflegenotstand, die Parteifinanzierung, das Leid der Musikschullehrer, die Lage älterer Arbeitnehmer, den Spitzensteuersatz, Tabloids im Schulunterricht, die digitale Ignoranz der Lehrer und das Leistungsschutzrecht. Steinbrück antwortet fast immer auf den Punkt, nie ausweichend, schlagfertig.