Der Schweizer Autor Adolf Muschg stellte in der ZEIT vom 27. März in einem offenen Brief an den Minderheitsgesellschafter von Suhrkamp, Hans Barlach, die rhetorische Frage, ob man ernsthaft bestreiten könne, dass die Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkéwicz "ihre Erbschaft in der Sache, soll heißen: im Sinne seines Gründers, dessen Namen der Verlag immer noch trägt, zusammengehalten und weiterentwickelt hat". Wenn man das nicht infrage stellen könne (und das kann man angesichts des über Jahre herausragenden Programms des Verlags tatsächlich schwerlich), "bleibt die Frage, ob ein Gesellschafter Ihres Namens (das heißt Barlach, Anm. der Red.) dieser unbestreitbaren Errungenschaft Sorge tragen hilft oder ob er sie kassiert."

Der Konflikt, so impliziert Muschg, dürfe nicht nur vom Rechtseifer beseelt sein, sondern müsse auch vom Verantwortungsgefühl gegenüber einer überaus relevanten Kulturinstitution getragen sein, um die man sich längst die allergrößten Sorgen machen darf. Vor allem, weil Barlach alle außergerichtlichen Mediationsgespräche abgebrochen hat, auf die man gesetzt hatte.

Nun hat Hans Barlach im Spiegel dieser Woche ausführlich geantwortet und seine Strategie im Konflikt spezifiziert: "Ich werbe", schreibt er, "für einen neuen, erfahrenen, von allen Beteiligten respektierten Mitgesellschafter, der von beiden Gesellschaftern die Mehrheit erwirbt." Er beabsichtige nicht, einseitig seine gesamten Anteile zu verkaufen, das wäre, schreibt er, verantwortungslos. Seine Medienholding AG möchte den "Verlag fördern und in einer zukunftsorientierten Lösung Gesellschafter bleiben".

Man muss diesen Vorschlag übersetzen, um seine Tragweite zu ermessen. Barlach fordert nicht nur den Rückzug Ulla Unseld-Berkéwicz’ als Geschäftsführerin auf Grundlage eines Gerichtsurteils, das noch gar nicht rechtskräftig ist (man ist in Revision gegangen). Er fordert die Aufgabe der Mehrheitsanteile der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung, der Ulla Unseld-Berkéwicz vorsteht. Die Familienstiftung soll gefälligst zu einer Minderheitsgesellschaft schrumpfen wie Barlachs Holding. Eine Forderung, der Ulla Unseld-Berkéwicz natürlich kaum zustimmen kann, schließlich käme dies einer weitgehenden Entmachtung der Verlegerin gleich. Der kaum realisierbare Vorschlag verlängert den Streit unnötig, er spitzt die Krise des Verlags damit nochmals zu. Und man wird abermals regelrecht gezwungen, sich die Frage zu stellen, ob Barlach nicht im Auftrag eines Verbündeten handelt. Agiert dieser neue Mehrheitsgesellschafter, den Barlach angeblich so selbstlos und zum Wohle des Verlages ins Spiel bringt, denn nicht bereits im Hintergrund? Kurzum: Ist Barlach Strohmann?

Warum verweigert er sich sonst den Mediationsgesprächen? Seine Antwort kann man nur bizarr nennen: Weil die Familienstiftung die "Gespräche instrumentalisiert, (...) um in der Öffentlichkeit Stimmung zu machen". Ulla Unseld-Berkéwicz hat ein einziges Interview zu dem Konflikt mit Barlach gegeben (ZEIT Nr. 05/13). Es vergeht aber kaum eine Woche, in der sich Hans Barlach nicht in den Medien in der Pose des sorgenden und ehrbaren Gesellschafters in Szene setzt.