Es ist schwer, die Lücke zu füllen, die der verstorbene Hugo Chávez hinterlassen hat – er war ein Charismatiker, nicht einmal seine Feinde bestreiten das. Nicolás Maduro versucht es mit Grobheiten: "Flatterhaft! Großbürgerlich!" So verspottete der Präsidentschaftskandidat seinen Konkurrenten Henrique Capriles vergangene Woche bei einer Wahlkampfveranstaltung. Lauthals schrie er vor einer riesigen Masse von Chavistas: "Bereite dich vor, denn wir werden dich fertigmachen." Dann schnellte seine Faust nach vorne, als wolle er jemanden niederschlagen.

Tags darauf ging er noch weiter. Mit einer Kochbanane in der Hand, die man auf Spanisch maduro nennt, sagte er, Capriles werde am Sonntag eine solche "einstecken" müssen. Zuvor hatte der von Chávez’ Anhängern dominierte Staatsapparat das Gerücht gestreut, Henrique Capriles sei schwul. Capriles wiederum keilte zurück. Er nannte Maduro einen Faschisten, Rassisten und homophoben Lügner. Hugo Chávez regierte ein tief gespaltenes Land, und im Kampf um seine Nachfolge heizen die Kandidaten das politische Klima weiter auf.

Laut allen Umfragen wird Nicolás Maduro die Wahl an diesem Sonntag gewinnen. Will er das Land einen, muss er danach gemäßigt auftreten und auf die Menschen zugehen. Eine Kunst, die er beherrscht. Er hat sie sich als Gewerkschaftsführer der Busfahrer von Caracas angeeignet und als Außenminister verfeinert. Die Frage ist nur, ob er überhaupt versöhnen will.

In Venezuela haben sich die Fronten seit mindestens 14 Jahren immer weiter verhärtet: auf der einen Seite Chávez-Anhänger, auf der anderen seine Gegner. Auch nach seinem Tod wird Chávez noch von Millionen Venezolanern verehrt. Für sie war er der erste Präsident, der sich um die Armen kümmerte – er investierte riesige Summen in Sozialprogramme, schickte Ärzte und Lehrer aus Kuba in die Slums. Viele nennen ihn "Erlöser der Armen".

Die venezolanische Opposition, heute als Mesa de Unidad (MUD, etwa "Tisch der Einheit") bekannt, ist eine Koalition von Parteien, die programmatisch wenig gemeinsam haben. Allein ihr Feindbild Chávez hat sie zusammengeschweißt. In ihren Augen hat der Personenkult die staatlichen Institutionen untergraben, die Gewaltenteilung de facto aufgehoben und die Demokratie geschwächt. Und tatsächlich ist Venezuela heute ein Staat im Dienste einer einzigen Partei, der sozialistischen Partei des verstorbenen Chávez – der PSUV.

Die politische Spaltung zeigt sich auch im Alltag der Venezolaner: Laut dem Thinktank Gumilla-Zentrum ist Streit um Politik mittlerweile zum häufigsten Scheidungsgrund geworden . Das permanente Aufpeitschen politischer Leidenschaften hat die Menschen erschöpft. Dem Meinungsforschungsinstitut Datanálisis zufolge, sehnen sich vier von fünf Venezolanern nach einem friedlichen Zusammenleben. Radikalität macht Politiker in Venezuela nicht populär. Das hat schon Chávez erfahren müssen. Je radikaler er redete, desto schneller fielen seine Popularitätswerte.

Die Venezolaner sahen Hugo Chávez zum letzten Mal am 11. Dezember 2012, als er ein Flugzeug bestieg, um nach Kuba zu fliegen und sich dort der letzten von insgesamt vier Operationen zu unterziehen. Von der Gangway aus sang er ein Lied, das er Nicolás Maduro widmete. Er hatte ihn kurz zuvor zum Vizepräsidenten ernannt. Seitdem lenkt dieser Mann den Staat.

Er übernimmt ein schweres Erbe. Zwar verfügt Venezuela über riesige Ölreserven und der Barrel-Preis für Öl liegt über der 100-Dollar-Marke, aber die öffentlichen Ausgaben sind in den vergangenen Jahren so sehr gestiegen, dass die Staatskasse fast leer ist. Staatsdefizit und Verschuldung sind deutlich angewachsen, die Inflation liegt bei über 20 Prozent, Lebensmittel wie Medikamente sind knapp.

Mitte Februar entwertete Maduro den Bolivar um 32 Prozent, geholfen hat es wenig. Nun macht er die Unternehmer zu Sündenböcken. Schon Chávez hatte sie als kapitalistische Oligarchen denunziert, die nichts unversucht ließen, um das Volk zu beherrschen und so den sozialistischen Staat zu sabotieren.