Man kann im Leben eine solche Schuld auf sich laden, dass sie einen auch nach dem Tod noch verfolgt. So ergeht es dem Vorstadt-Hallodri Liliom, der in Ferenc Molnárs gleichnamigem Drama eine zweite Chance bekommt. Nach seinem Selbstmord muss der nichtsnutzige Herumtreiber zurück auf die Erde, in dieses Jammertal, worin er seine geprügelte Frau Julie mit einem Kind zurückließ. Dabei geht es gar nicht um Sühne. Es geht um die Frage, worin die Schuld dieses Mannes besteht, der so viele Menschen ins Verderben stürzte – und doch kein schlechter Mensch war.

In der Inszenierung am Wiener Burgtheater ist Nicholas Ofczarek dieser Mensch. Die Rolle wird gern als Paraderolle bezeichnet, und genau so spielt Ofczarek sie auch: Rein körperlich ein Mordstrumm von Mann, stellt er seine Figur so raumgreifend auf die Bühne, dass der Abend auch als One-Man-Show durchginge. In einem Moment ist er ein umgänglicher, fast charmanter Kerl, im nächsten stiert er ins Leere, brütet vor sich hin und ballt die Fäuste. Dann wird er grundlos aggressiv und schreit: "Hab kein Mitleid mit mir, mein Kind, oder ich geb dir eine auf den Schädel." Seine Brutalität ist eine Behauptung – die Selbstverteidigung eines Wehrlosen, der sich die Menschen vom Leibe halten will. Er schaut ihnen nicht einmal ins Gesicht. Keiner soll ihm zu nahe kommen. Berührend ist dieser Liliom nicht dann, wenn er aufdreht, sondern dann, wenn er zum Buben mutiert. Wenn er kichert, weil ihn sein Spießgeselle Ficsur (Daniel Sträßer) kitzelt, als dieser nach dem Messer unter Lilioms Jacke tastet. Oder wenn er sich der Ringelspiel-Besitzerin Frau Muskat (Barbara Petritsch) in erotischer Absicht nähert. Dann sieht man, was hinter der Behauptung steckt: Hier ist kein Mann, der eine Frau begehrt, sondern ein kleiner Junge, der lieb gehabt werden will. Und der sich freut über das Geräusch, das es gibt, wenn er einer Frau auf den Hintern haut. Fast scheint es ihn zu grausen vor ihrem Kuss, als wäre sie eine alte Tante, die ihm ein Bussi aufzwingt.

Irgendetwas Schreckliches, eine Verletzung muss diesem Liliom widerfahren sein. Immer scheint er um diese Leerstelle zu kreisen – dazu verdammt, unreif zu bleiben. Ein quälender Widerspruch zerreißt ihn. Er sucht nach Schutz, aber sich helfen lassen, das kann er doch nicht: "Ich steh auch gar nicht drauf an", bockt er im Jenseits, als man ihm Hilfe anbietet. Manchmal, wenn dieser Liliom sich freut, fängt er an, mit den Fäusten in die Luft zu boxen. Er ist ein Traumtänzer, aber keiner von der frohen Sorte. Er mag sich nicht festlegen; nicht auf das, was er ist, und nicht auf das, was er tut. Ob er seine Taten bereue, ob es ihm leidtue, wird er im Jenseits gefragt. Aber Verantwortung mag er nicht übernehmen: "Gar nichts tut mir leid."

Barbara Frey setzt diesen Kindskopf von einem Mann in eine heillos verkitschte Inszenierung. In den Szenenwechseln ziehen Schauplätze auf der Drehbühne am Publikum vorüber, untermalt von Operettenklängen, die Schauspieler werden arrangiert wie Tableaux vivants. Der Prater ist eine einzige bürgerliche Illusionsmaschine: Girlanden aus Glühbirnen erleuchten ihn, es gibt eine Riesenrutsche, dazu karierte Deckchen und Kleingärtnerhecken. Das Jenseits wird mit Leuchtschrift gekennzeichnet, es entpuppt sich als ein weißes Büro mit Grünpflanzen, in welchem der Konzipist (Peter Matić) Schlagermusik hört.

Die Figuren in dieser Idylle haben etwas von Scherenschnitten. Mavie Hörbigers Marie, beste Freundin der Julie, wirkt in ihrer Dienstmädchenrolle wie eine automatische Gestalt, eine Schießbudenfigur, ihr Lachen ist eine Grimasse, ihre Weisheiten sind Plattheiten. Barbara Petritsch stattet die Frau Muskat mit routinierter Fühllosigkeit und Berechnung aus. Droht sie Julie, dem anderen Dienstmädchen in diesem Stück, zu Beginn noch genüsslich Schläge an, will sie sich nach Lilioms Tod unter falschen Tränen mit ihr versöhnen.

Diese Figuren sind von ihren sozialen Rollen wie von einem Nebel umgeben. Eine Person oder gar eine Persönlichkeit, etwas wie eine Überzeugung, ist nicht auszumachen.

Die Inszenierung ist wie ihre Hauptfigur: ein wenig ziellos. Sinn und Richtung bekommt das Ganze erst durch Katharina Lorenz’ Julie. Wie ein Fremdkörper sitzt sie zwischen den verirrten Gestalten und ist ganz klar. Sie lässt sich von Frau Muskat nicht beleidigen und von Liliom nicht abwimmeln. Wenn er ihr das Geld wegnähme? "Da möchten Sie’s halt nehmen." Sie hat sich für diesen Mann entschieden, sie wird von ihm nicht weggehen. Katharina Lorenz spielt die Schicksalsergebenheit ohne Koketterie, jenseits allen Zweifels. Es ist ihr Spiel, das der Inszenierung einen Hauch von (Horváthschem) Volkstheater gibt.

Es gibt eine Szene, in der sich die ganze Tragik der Julie enthüllt. Nachdem Liliom, mit dem Messer in der Brust, vornüber auf das Sofa gefallen ist, schiebt sie ihm das Hemd hoch und entblößt seinen Rücken. Dann zieht sie ihr Kleid hinauf und legt sich auf den Leichnam. So bleibt sie einen Moment lang still liegen, nackter Busen auf toter Haut. Genauso wie sich Büchners Danton wünscht, er könnte seiner Julie die Schädeldecke aufbrechen und ihr die Gedanken "aus den Hirnfasern zerren", so sucht diese andere Julie hier vergeblich nach einer Nähe, die es nicht gibt und nie gegeben hat.

Hier zeigt sich die Schuld, die Liliom auf sich geladen hat. Es ist eine existenzielle Schuld, die lange vor Raubüberfall und häuslicher Gewalt begann und die es rein juristisch gar nicht gibt. Und doch wiegt sie womöglich schwerer: dass er sich nie gefragt hat, wer er eigentlich ist und was er will. Er hat sich nie festgelegt, also konnte ihn nie einer zur Verantwortung ziehen. Und das, was er eigentlich gewollt hat, hat er niemandem erlaubt: dass man ihn liebt.