Als das Buch vor zwei Monaten erschien, wirkte es anachronistisch. Mit dem Sturz des Bundespräsidenten war dessen gesamte politische Biografie auf den Skandal zusammengeschnurrt, der seiner Karriere ein Ende gesetzt hatte. In seinem Buch Der böse Wulff? beleuchtet Michael Götschenberg, politischer Korrespondent der ARD in Berlin, aber nicht nur die Hintergründe der Affäre, sondern erinnert auch an die Verdienste aus Wulffs Präsidentschaft. In einer Atmosphäre, in der Wulff zu einer Persona non grata zu werden drohte, zeugte allein schon diese Perspektive von journalistischer Autonomie.

Inzwischen hat sich das Bild des Ex-Präsidenten deutlich aufgehellt. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat obsessiv recherchiert und trotzdem nichts gefunden, was eine Verurteilung Wulffs wahrscheinlich macht. Plötzlich wirken weniger Wulffs Verfehlungen grotesk als die angestrengten Versuche, deren strafrechtliche Relevanz zu erweisen. Und befremdlich wirkt nun auch, wie einhellig vor einem Jahr die Stimmung gegen den Präsidenten war und wie entschieden die Urteile. Das ist der richtige Zeitpunkt für Götschenbergs Buch. Es entwirft ein Bild, in dem Schuld und Verantwortung in diesem Skandal nicht mehr einseitig verteilt sind.

Dem Autor gelingt eine hoch spannende Rekonstruktion, in der Wulffs Fehlverhalten und die Unerbittlichkeit der Medien eine Dynamik entwickeln, der sich der Präsident am Ende geschlagen geben muss. Dass der entscheidende Beschluss der Staatsanwaltschaft, ein Ermittlungsverfahren zu eröffnen, die Medien früher erreichte als das Bundespräsidialamt, gehört zu den symbolträchtigen Details, die der Autor berichtet.

Er analysiert das Verschweigen des Hauskredits vor dem Niedersächsischen Landtag, mit dem die Affäre im Dezember 2011 begann, als "relevantes Fehlverhalten" und beschreibt die Überforderung Wulffs und seiner Berater, die Krise angemessen zu handhaben. Als Lehrsatz gilt, dass bei Skandalen selten der ursprüngliche Anlass, sondern das darauf folgende Handling erst die Fehler erzeugt, die dann zum Sturz führen. Götschenbergs eindringliche Schilderung lässt den Leser nachvollziehen, dass Kommunikationsversagen in der Krise nicht zwingend Ausdruck von Schuldbewusstsein, sondern oft Folge des ungeheuren medialen Drucks ist, dem der Einzelne nicht standhält.

Wenn der Kampf um die Präsidentschaft zwischen Wulff und den Medien ausgetragen wurde, dann spielt Bild in dieser Auseinandersetzung die zentrale Rolle. Der Autor erzählt die Beziehung zwischen Wulff und dem Boulevardblatt über die Jahre hinweg: die wechselseitige Instrumentalisierung während Wulffs niedersächsischer Amtszeit, als er sich inszenieren ließ und Bild dafür exklusive Geschichten über den Ministerpräsidenten bekam; die Phase, als der Bundespräsident die Erwartungen nicht mehr erfüllen wollte und Bild noch eine Weile lang freundlich zuwartete; der Moment, in dem die Bild mit Beginn der Krise, die sie selbst ins Rollen gebracht hatte, den Schalter umlegte: "Der gute Wulff war gestern, ab sofort gibt es nur noch den bösen Wulff", beschreibt Götschenberg das Ende dieser politisch-medialen "Geschäftsbeziehung".

Es ist ein Lehrstück über die Naivität eines Politikers, der glaubt, den Boulevard für seine Zwecke nutzen zu können, und der am Ende vom Boulevard zum Abschuss freigegeben wird. Die Auftaktrecherche über den Hauskredit, dann die Mailbox-Affäre, zum Schluss die verschwiegene Sylt-Reise mit dem Filmunternehmer Groenewold – Götschenberg zeigt, wie an den Schlüsselstellen der Affäre das Boulevardblatt immer wieder den Takt vorgibt.

Und selbst der Sturz führt nicht zum Ende der Kampagne. Wulff als Objekt des Spottes im Karneval, der Zapfenstreich, der Streit um den Ehrensold, jede Gelegenheit wird von Bild wahrgenommen, um dem Gestürzten noch einmal hinterherzutreten. Dass Bild- Chefredakteur Kai Diekmann es sich nicht nehmen ließ, aus seinem Sabbatical in Silicon Valley auch noch das Ende der Wulffschen Ehe zu vermelden, passt zu der gnadenlosen Konsequenz, die Götschenberg beschreibt.

Und doch belässt er es nicht bei seiner Analyse der Beziehung zwischen Bild und Wulff. Frappierender ist letztlich die Bereitschaft, mit der sich auch die seriösen Medien auf den Präsidenten stürzen. Die Konstellation des Anfangs, als Wulff gegen eine nahezu einhellige mediale Front zum Präsidenten gewählt wurde, wiederholte sich bei seinem Sturz.

Michael Götschenberg hat diese mediale Front durchbrochen. Er hat sich um Objektivität bemüht, dem Ex-Präsidenten nichts erspart und doch ein Buch geschrieben, das von Fairness durchdrungen ist. Es will zeigen, dass Christian Wulff schwere Fehler begangen hat und dass ihm Unrecht geschehen ist. Sein Buch ist eine Fallstudie über die Einsamkeit des Einzelnen im politisch-medialen Machtkampf, über journalistischen Konformitätszwang, aber auch über die Möglichkeit, ihm zu widerstehen. Dass sie existiert, hat Götschenberg mit seinem Buch eindrucksvoll demonstriert.